Umbau und Erweiterung zum Justizzentrum, Schweinfurt

Kompromissfreie Fügung

Podest, 15. Februar 2017
Von: Peter Petz

Modell

Knoche Architekten BDA und ZILA Freie Architekten gewinnen den Wettbewerb «Umbau und Erweiterung zum Justizzentrum, Schweinfurt». Christian Knoche und Alexej Kolyschkow stellen sich unseren Fragen zum Wettbewerb.


Peter Petz: In Schweinfurt sollen auf dem Areal des bisherigen Finanzamtes in dem Neubau eines Büro- und Sitzungssaaltraktes alle amtsgerichtlichen Mitarbeiter, die bisher auf mehrere umliegende Gebäude verteilt sind, zusammengeführt werden. Welche Ausgangssituation haben Sie vorgefunden?
Christian Knoche: Das Quartier am Rande der Altstadt beinhaltet heute schon die Staatsanwaltschaft und das Landgericht, beide sind in einem kraftvollen Gründerzeitlichen Gebäude aus dem Jahre 1905 untergebracht.Dieses und das ebenfalls denkmalgeschützte Rentamt sollen erhalten bleiben und in das neue Justizzentrum eingebunden werden, nur der Nachkriegsbau für das Finanzamt wird abgebrochen. Insofern fanden wir eine Situation vor, in der ein Block erst durch erhebliche Neubauergänzungen entstehen kann, die aber stark geprägt ist von der Kraft der bestehenden Bebauung.

Alexej Kolyschkow: Der als Justizpalast bezeichnete Altbau weist eine symmetrische Hauptfassade mit Freitreppe und Kuppel auf, orientiert sich aber im heutigen Stadtraum leider auf die falsche Seite. Außerdem sind hier weder die Ertüchtigung nach den aktuellen sicherheitstechnischen Anforderungen noch eine barrierefreie Erschließung durch den Altbau sinnvoll umzusetzen. Die entscheidende Fragestellung aus der vorgefundenen Situation war daher, eine neue und angemessene Eingangssituation für das neue Justizzentrum zu finden.

Lageplan

Wie formen Sie aus dem Neubau und dem später zu sanierenden Altbau einen städtischen Block?
Christian Knoche: Exakt für diese Fragestellung ist die Lage des neuen Haupteingangs von entscheidender Bedeutung. Wir haben den Zugang an der Schillerplatz verlegt, weil nur hier ein ausreichendes Vorfeld gegeben ist. Der Eingang liegt in einem zweigeschossigen Neubau, der als Gebäudesockel ausgebildet ist, fast das ganze Grundstück belegt und an alle Bestandsgebäude fugenlos anschließt. Es entsteht also eine durchgehend baulich definierte Blockkante, wovon auch der öffentliche Raum profitiert, weil die umgebenden Straßenräume klare Raumkanten erhalten.
Gleichzeitig sollten aber auch die beiden historischen Gebäude noch ablesbar bleiben, daher schließt der Sockel nicht bündig an Justizpalast und Rentamt an, sondern jeweils etwas zurückversetzt. Zudem lösen sich die beiden Bestandsgebäude auch durch Ihre Höhe aus dem zweigeschossigen Sockel heraus. Mit dem 4-geschossigen Neubau an der Luitpoldstraße wird dazu ein weiterer Baustein als neue Städtebauliche Dominante gesetzt. Es entsteht ein Gesamtensemble in dem der Neubau die Gestaltungsmerkmale des Bestandes aufnimmt und in eine zeitgemäße Architektur übersetzt.

Innenraum

Wie organisieren Sie das Justizzentrum?
Alexej Kolyschkow: Ein Justizzentrum stellt eine komplexe Bauaufgabe dar und muss ohne Kompromisse funktionieren. Aus einem vergleichbaren Projekt in Nürnberg wissen wir, dass es zwei übergeordnete Anforderungen gibt, nämlich eine übersichtliche barrierefreie öffentliche Erschließung und die möglichst unauffällige Erfüllung aller notwendiger Sicherheitsanforderungen.
Das gesamte Justizzentrum wird unmittelbar und barrierefrei vom Schillerplatz aus erschlossen. Durch die notwendigen Sicherheitskontrollen hindurch erreicht man eine zentrale Treppenhalle, von der man in die beiden öffentlichen Saalgeschosse gelangt. Alle Gerichtssäle gruppieren sich dabei jeweils um den zentralen Innenhof des Neubaus und sind auf kurzem Weg aus der Treppenhalle erreichbar. Sowohl die Treppenhalle als auch die Wartezonen vor den Gerichtssälen sind dabei jeweils durch Innenhöfe natürlich belichtet.
Neben diesem öffentlichen Bereich mit den Gerichtssälen besitzt das Gebäude aber auch einen großen nichtöffentlichen Teil, mit Büroräumen, Archiven und zum Beispiel der Gefangenenvorführung. Alle Bereiche in Bestand und Neubau sind dabei im Erdgeschoss durch den Sockel barrierefrei miteinander verbunden. Dadurch entsteht in allen Gebäudeteilen eine hohe Belegungsflexibilität für die Staatsanwaltschaft und die Büros des Amts- und Landgerichts.
Dennoch reicht es natürlich nicht, nur die funktionalen Anforderungen zu erfüllen. In einem öffentlichen Gebäude, in dem oftmals über Lebensschicksale entschieden wird, sind auch Atmosphäre, Anmutung, Materialwertigkeit und die räumliche Qualität von Erschließungs- und Wartebereichen von entscheidender Bedeutung. Wir haben daher bei der Planung aller Funktionsbereiche viel Wert auf Tageslichtführung und einen differenzierten Außenbezug gelegt.

Grundriss Sockelgeschoss

Grundriss Erdgeschoss

Schnitt

Welches architektonische Thema war Ihnen besonders wichtig?
Christian Knoche: Wie in vielen Projekten von Knoche Architekten und auch von ZILA sind dies die maßstäbliche Einfügung von Neubauten in eine gewachsene Umgebung, einen gewachsenen Stadtraum, die Weiterführung der städtebaulichen Körnung und der Tektur der Fassaden im Zusammenspiel mit dem Bestand. Wir wollen den eitlen Solitär vermeiden und die Balance finden zwischen Eigenständigkeit und Einordnung. Die Thematik des Weiterbauens steht im Mittelpunkt unserer Entwurfsbearbeitung und auch das konzeptionelle Detail, wie beispielsweise der Neubausockel an den Bestand anschließt. Diese Schnittstellen sind sehr empfindlich und entscheiden am Ende auch über die architektonische Qualität des gesamten Ensembles. Ziel ist es, die Merkmale des Stadtraumes aufzugreifen, weiterzuentwickeln, aufzuwerten und im besten Falle eine neue Qualität zu erschaffen.

Ansicht Nord

Ansicht Süd

Ansicht West

Welche Materialstrategie schlagen Sie vor?
Alexej Kolyschkow: Unsere Strategie ist es, die Materialität aus dem Bestand heraus weiterzuführen, was nicht heißt, dass genau der gleiche Naturstein verwendet werden soll. Aber sicher ist es eine steinerne Fassade, und sicherlich wird auch die Farbigkeit des Steins nicht im harten Kontrast zum Bestand formuliert sein. Ziel ist es aber auch, ein Justizzentrum zu bauen, also ein zusammenhängendes Gefüge, funktional und architektonisch. Die Grenzen zwischen Bestand und Neubau sollen dabei spürbar bleiben, sie dürfen aber keine Zäsur darstellen. Auch im Innern schlagen wir daher natürliche langlebige und wertige Materialien vor. Für uns sind das zum Beispiel Naturstein und Holz – Materialien, die in Ihrer Charakteristik bereits die bestehenden Gebäude ausmachen. Dabei gilt es aus unserer Sicht eine ausgewogene Balance zwischen unprätentiösem Gestus und angemessener wertiger Erscheinung zu finden.

Detail

Gibt es schon einen geplanten Fertigstellungstermin?
Christian Knoche: Nach Vorstellung des Bauherrn erfolgt der Planungs- und Bauablauf abschnittsweise und beginnt 2018 mit dem Abbruch der Nachkriegsgebäude des Finanzamtes. Der Neubau soll dann bis 2020 folgen, anschließend werden die Räume des Bestandes in den Neubau umgesiedelt und dann der Bestand umgebaut. Das Projekt wird uns also wohl eine Weile beschäftigen, denn der Abschluss aller Baumaßnahmen und Belegungsschritte wird aus heutiger Sicht erst im Jahr 2023 erfolgen können.

Schwarzplan

Umbau und Erweiterung zum Justizzentrum, Schweinfurt
Beschränkter Wettbewerb

Auslober/Bauherr: Staatliches Bauamt Schweinfurt, Schweinfurt
Betreuer: eisenreich.kummert.partner architekten ingenieure, Regensburg

Jury
Josef-Peter Meier-Scupin, Vors. | Norbert Böhm | Prof. Andreas Emminger | Gabriele Engel | Peter Scheller | Markus Sauer

1. Preis
Architekt: Knoche Architekten BDA, Leipzig
Architekt: ZILA Freie Architekten, Leipzig

2. Preis
Architekt: Knerer und Lang, Dresden, München
Landschaftsarchitekt: HinnenthalSchaar LandschaftsArchitekten, München

3. Preis
Architekt: Dömges Architekten, Regensburg
Tragwerksplanung: ASW Wolf, Regensburg

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