Entwicklung des Areals Unicenterparkplatz, Köln

Solitär an zwei Plätzen

Podest, 19. April 2017
Von: Peter Petz

Modell

Das Büro gernot schulz : architektur gewinnt – unterstützt vom Büro Reicher Haase Associierte, den Wettbewerb «Entwicklung des Areals Unicenterparkplatz, Köln». Gernot Schulz stellt sich unseren Fragen zum Wettbewerb.


Peter Petz: Den heutigen Unicenterparkplatz will die Universität zu Köln zu einem Teilcampus entwickeln. Wie haben Sie die Wettbewerbsaufgabe interpretiert?
Gernot Schulz: Es galt eine angemessene Antwort für ein Servicegebäude der Zukunft des Studierendenwerks Köln zu finden und dies prominent und zentral in einen städtebaulichen Masterplan zu positionieren.
Die Aufnahme des kartesianischen Systems der Universitätsbauten, welche vom Grüngürtel kommend verdreht zur Universitätsstraße orientiert sind, machte für uns den Umgang mit dieser Achsverdrehung zu einem elementaren Thema des Städtebaus. Die Entscheidung, den Übergang und gleichzeitig Eingang zum Areal aus Richtung der Universitätsstraße mit einem kleinen dreieckigen Platz zu thematisieren, ermöglicht es, die anschließende Bebauung für die neue Universitätsverwaltung sehr eng an das Servicecenter heranzurücken und somit einen zweiten Platz, der durch die bauliche Enge vom Verkehrslärm der Universitätsstraße bestmöglich abgeschirmt ist, entstehen zu lassen. 

Bestand

Können Sie uns über das Areal führen, als ob es schon fertggestellt wäre?
Der städtebauliche Vorschlag nimmt den Gedanken einer rhythmisierten Platzfolge aus dem Chemiekomplex auf und führt dieses Konzept bis zu einem Stadtraum über die Universitätsstraße hinweg zum neuen Berufskolleg des Erzbistums Köln. Die langfristige stadträumliche Entwicklung, die eine Stärkung der baulichen Fassung des Straßenraums des Universitätsstraße bringen wird, erhält hier in der Verlängerung der Berrenrather Straße mittels einer dreiecksförmigen Platzfläche einen urbanen Akzent, der – im Dialog mit der abknickenden Kubatur des Berufskollegs – in das neue Universitätsquartier einleitet.
Die städtebaulichen Ziele des Masterplans, die Sichtachse und die zentrale Wegeverbindung aus der Berrenrather Straße in Richtung Innerer Grüngürtel zu erhalten, bleibt durch die Aufnahme der nordwestlichen Flucht des Chemiekomplexes gesichert.
Eine Folge von kleinmaßstäblichen Plätzen bietet Aufenthaltsqualitäten und Treffmöglichkeiten und hält das Angebot von erdgeschossigen Geschäften und Gastronomien bereit. Eine einheitliche Bauhöhe des neuen Areals – knapp niedriger als der Chemiekomplex – stärkt den Quartiersgedanken und die räumliche Kontinuität der gesamtstädtebaulichen Entwicklung.
Eingänge zu den jeweils baulich eigenständigen Institutionen liegen durchgehend an den entstehenden Plätzen. Das neue Servicegebäude und die noch zu entwickelnde Universitätsverwaltung tragen darüber hinaus den Gedanken der öffentlichen Durchwegung in sich.
Das neue Servicehaus des Studierendenwerks erhält einen solitären und markanten architektonischen Ausdruck und ist als starkes kompaktes Volumen in das neue Areal gesetzt. Trotz seiner Randlage im neuen Quartier gelingt es durch die Verortung an zwei Plätzen der neuen Platzfolge und das Servicecenter als neuen Fixpunkt des entstehenden Ensembles zu setzen.

Durchwegung

Wie organisieren Sie das Servicehaus Kölner Studierendenwerk?
Von beiden Plätzen und von der zentralen Wegeachse in Verlängerung der Berrenratherstraße ist das Haus betretbar und ermöglicht durch die damit verbundene öffentliche Durchwegung eine deutlich gesteigerte Wahrnehmbarkeit der Institution und deren Angebote. Das Erdgeschoss funktioniert wie eine große Halle mit offenem funktionalem Konzept. Information, Service und Aufenthaltsqualität stehen für die moderne Entwicklung des Studierendenwerks.
Die Architektur trägt den Gedanken eines multifunktionalen Loftgebäudes in sich. Stützen, Kerne und Lüfträume strukturieren den Raum. Die Flächen selbst stehen Nutzungsoptionen offen. So ist eine Entwicklung der Bürostruktur von einer heute noch überwiegend gewünschten Zellenstruktur hin zu einem «open-space-Konzept» in kleinen Schritten möglich.
Um einer zeitgemäßen Dienstleistungskultur des Studierendenwerks Ausdruck zu verleihen, ist ein Teil der Büroflächen des «Studentischen Wohnens» als räumlich offene Servicestruktur im Erdgeschoss verortet. Weitere Angebote im EG sind der Infopoint, der zentrale Warte- und Aufenthaltsbereich sowie die mit der Kaffeebar kombinierte Pausenzone der Mitarbeiter, die mit oder ohne Cafeteria auch der separierbaren Einheit des Konferenzbereichs zuschlagbar ist. Der Konferenzbereich selbst kann ebenso als Ausstellungsfläche genutzt werden.
Über Lufträume in die oberen Geschosse, die jeweils 2-3 Geschosse zusammenbinden und dann verspringen entstehen vielfältige Raumeindrücke und Nutzungsmöglichkeiten der oberen Geschosse sowie eine lebendige und dynamische Transparenz durch alle Geschosse. Eine Promenade über Wendeltreppen macht den Raum erlebbar und erhöht die Orientierung im Gebäude, da anders als die Wegeführung über Aufzüge/Fluchttreppenhaus, der Zielort auf dem Weg schon ab dem Erdgeschoss fixiert werden kann.
Die Mittelzone eröffnet vielfältige Nutzungs- und Gestaltungsmöglichkeiten für die Abteilungen. Aufenthaltsbereiche für Nutzer und Mitarbeiter, open-space-Bürozonen, visuell durch Vorhänge abtrennbare Bereiche bis hin zu «Besprechungsboxen» aus Glas können im weiteren Planungsprozess und auch im Rahmen späterer Umnutzungen gemeinsam von Nutzer und Planern bestimmt werden.

Grundriss Erdgeschoss

Schnitt

Welche Standards sehen Sie für die Büronutzungen vor?
Das Studierendenwerk möchte sich in Zukunft serviceorientierter den „Kunden“ zuwenden. Wir haben dies mit unserem Entwurf so interpretiert, dass ein Haus entsteht, welches alle Optionen und Wandlungsmöglichkeiten von einer Zellen-Bürostruktur hin zu einem Open-Space-Konzept ermöglicht. Die Fassade des Servicegebäudes entfernt sich daher auch bewusst von der Abbildung einer Raster-Bürostruktur.
Um der gewünschten Dynamik in den Nutzungen gerecht zu werden wird eine durchgehende Sprinklerung und eine den verschiedenen Nutzungen anpassbare Beleuchtung aller Bereiche empfohlen. Mit der Sprinklerung wird auch ein Fluchttreppenhaus ausreichend sein, da die (durch die Sprinklerung rauchfreie) interne Treppenverbindung – neben der Anleiterung – weitere Fluchtoptionen sind. Die Erfahrung zeigt, dass auch die hohe Transparenz und Übersichtlichkeit im Gebäude beim vorbeugenden Brandschutz positiv bewertet werden.
Die Vorgaben der Auslobung bzgl. der Raumlüftung und des Installationsbodens sind umgesetzt und stehen im Einklang mit der Architektur. Es wird aufgrund der zur Verfügung stehenden Fernwärmeversorgung ein entsprechendes Niedertemperatur-Heizsystem (Deckenheizung) und somit eine Aktivierung der sichtbar bleibenden Beton-Deckenflächen vorgeschlagen. Kombiniert mit der Prallscheibenlösung der Fassade ist somit auch die effektive Nachtauskühlung des Gebäudes im Sommer durch zentral gesteuerte Öffnungszeiten der Fassade möglich. Ebenso ermöglichen die Lufträume und Oberlichter der Mittelzone den thermischen Abzug erwärmter Luft der Mittelzonenbereiche. Insgesamt entsteht somit ein modernes «Low-Tech-Gebäude», welches auch in der Wartung und Bewirtschaftung geringe Kosten erwarten lässt.

Bürostrukturen

Innenraum

Welches architektonische Thema war Ihnen besonders wichtig?
Neben der bereits beschriebenen Einbettung in den städtebaulichen Kontext ist für uns der archaische zeitlose architektonische Ausdruck des Servicegebäudes als erstem Realisierungsbaustein besonders wichtig. Für eine noch nicht absehbare Zeit wird dieses eher kleine Haus solitär und alleine auf dem Grundstück stehen und später im Ensemble das kleinste Haus sein – gleichzeitig jedoch voraussichtlich auch die Institution mit der höchsten Besucherfrequenz. Um dieser Rolle gerecht zu werden, benötigt das Haus einen starken Ausdruck und Auftritt.

Solitär an zwei Plätzen

Welche Materialstrategie schlagen Sie vor?
Dem modernen Gedanken einer offenen Loftstruktur folgend sind auch Konstruktions- und Ausbaumaterialien gewählt. Die Grundstruktur aus Außenwänden, Stützen und Kernen besteht aus hellem Ortbeton. Der weitere Ausbau betont über Glaswände und möbelartige Einbauten den transparenten und dynamischen Charakter des Dienstleisters Studierendenwerk.
Der Boden im Erdgeschoss ist – dem Gedanken der Durchwegung und somit Fortsetzung der äußeren Platzflächen folgend – steinern. In den Obergeschossen ist der hier durchgängige textile Bodenbelag ein erster akustischer Filter. Weitere akustisch wirksame Flächen werden mittels Deckensegeln und Möbeloberflächen erreicht.
Die Fassade des Studierendenwerks soll dem inneren Charakter entsprechen. Das Fassadenmaterial ist heller hydrophobierter Sichtbeton. Jedes Geschoss springt auf Brüstungshöhe leicht vor. Dies stärkt den solitären Eindruck des Gebäudes und wirkt ebenso wie die in jedem Geschoss sich vergrößernden Fensterbreiten einer Uniformität und Anonymität des architektonischen Ausdrucks entgegen.
Aufgrund der akustischen Belastung durch die stark befahrende Universitätsstraße wird erwartet, dass für die Süd-, West- und Nordfassade Maßnahmen für die Ermöglichung der Fensterlüftung notwendig sind. Es wird daher eine Prallscheibenlösung vorgeschlagen. Da dies gestalterisch auch die Markanz des Baukörpers erhöht, wird diese Ausführung – wenn auch ggf. bautechnisch nicht erforderlich – auch für die Ostfassade vorgeschlagen. Diese Lösung ermöglicht insgesamt auch die witterungsgeschützte Verortung des Sonnenschutzes zwischen den Fassadenschichten.
Das Erdgeschoss erhält eine einschalige Fassadenlösung, in der die Gestaltung der Obergeschosse mittels zwei Fensterrahmenfarben und die ruhige großformatigen Fenstergrößen aufgenommen werden. Alle drei Eingänge erhalten großzügig dimensionierte Windfänge die effektiv den Hallenraum vor Zugerscheinungen schützen.

Detail

Gibt es schon einen geplanten Fertigstellungstermin?
Das gesamte Areal, inklusive des bereits in Planung befindlichen Gebäudes für die Chemie, folgt einem abschnittsweisen Realisierungsplan, der insbesondere Flächen für jeweilige Baustelleneinrichtungen von Bauabschnitten vorhält. Das Haus für das Studierendenwerks kann parallel zu dem Chemie-Bau realisiert werden. Eine Fertigstellung ist 2021/2022 geplant.
Für die weiteren Bausteine des Wettbewerbs (Universitätsverwaltung und ein mathematisches Institut) ist eine bauliche Entwicklung idealerweise in zwei Abschnitten vorgesehen. Der erste zu entwickelnde Abschnitt umfasst den Bereich zwischen dem neuen Servicehaus des Studierendenwerks und dem Unicenter. Dieser Bereich grenzt unmittelbar an die Universitätsstraße und soll bis einschließlich 2027 bebaut werden. Nach Fertigstellung des Chemiekomplexes kann der zentrale Bereich des Wettbewerbsgebietes mit rund 3.500 qm Grundfläche in einem zweiten Bauabschnitt realisiert werden 

Schwarzplan

Entwicklung des Areals Unicenterparkplatz, Köln
Nichtoffener Realisierungswettbewerb

Auslober/Bauherr: Universität zu Köln, Köln; Kölner Studierendenwerk, Köln
Betreuer: plan-lokal, Dortmund

Jury
Prof. Ulrich Coersmeier, Vors. | Alexander Fischer | Dr. Martin Gerth, Martin Halfmann | Prof. Annette Hillebrandt BDA | Franz-Josef Höing | Jürgen Minkus | Anne-Luise Müller | Holger Schmieschek | Prof. Oskar Spital-Frenking | Bernd Streitberger | Markus Greitemann | Frank Leppi | Jörg J. Schmitz | Dr. Michael Stückradt

1. Preis
Architekt: gernot schulz : architektur, Köln
Architekt: reicher haase associierte, Aachen

2. Preis
Architekt: architecture + aménagement, Luxembourg (LU)
Stadtplaner: HDK Dutt & Kist GmbH, Saarbrücken

3. Preis
Architekt: wittfoht architekten bda, Prof. Jens Wittfoht, Stuttgart
Bauphysiker: Bobran Ingenieure, Stuttgart 

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