Praxis-Gespräch mit Gunter Henn zum HVB-Tower in München

Arbeiten im Büro

Praxis, 19. März 2017
Von: Thomas Geuder

Neuer Innenraum für ein Denkmal: Den Münchner HVB-Tower haben die Planer von HENN komplett umgestaltet. Im Bild: Blick in den Atriumraum im 1. Oberbeschoss. (Bild: HG Esch)

Das Arbeiten im Büro verändert sich seit einigen Jahren stark, nicht zuletzt durch die neuen Möglichkeiten der Kommunikation. Wir haben mit Prof. Gunter Henn über den Arbeitsplatz der Zukunft und sein Projekt HVB-Tower in München gesprochen. Ein Praxis-Gespräch.

Gesprächspartner: Prof. Dr.-Ing. Gunter Henn | Projekt: Modernisierung des HVB-Towers (München, DE) | Bauherr: HVZ GmbH & Co. Objekt KG (München, DE) | Architekt: HENN GmbH (München, DE) | Projektleitung: Joachim Grund, Bodo Boettcher, Michael Haumayr | Interior Design: Katrin Jacobs, Elke Dafinger

Thomas Geuder: In der Silhouette Münchens ist der HVB-Tower ein prägendes, ja, unersetzbares Wahrzeichen der Stadt. Innerhalb von zwei Jahren haben Sie den Tower energetisch saniert. Ihre Sanierung aber war mehr als eine bloße Ertüchtigung. Sie war ein Umbau, der die markante Architektur von Walther und Bea Betz zu ergänzen bzw. weiterzuführen sucht. Die Fassade durfte dabei nicht verändert werden, auch weil sie unter Denkmalschutz steht. Lassen Sie uns, Herr Henn, deswegen gleich einen Blick ins Innere werfen: An welchen Stellen haben Sie die Stellschrauben angelegt bzw. anlegen müssen?
Gunter Henn: Der HVB-Tower ist ein spektakuläres Gebäude, das durch seine Abstraktheit zeitlos ist, mit kubischen Formen, Dreiecken, die vom Boden abgehoben sind. Die Präzision der Fassade und des Baukörpers erzeugen außen eine Erwartung, die das Bauwerk im Inneren aber nicht erfüllt und sogar noch nie erfüllt hat, denn der Innenraum wurde schon damals nicht von Walther und Bea Betz gestaltet. Innen herrschte eine gewisse Gemütlichkeit, wie sie Ende der 1970er- und Anfang der 1980er-Jahre eben modern war. Die Coolness und Abstraktheit der Außenansicht war innen nicht vorhanden. Auch die Skulpturalität und Körperhaftigkeit wurde innen nicht weitergeführt. Allenfalls im Eingangsbereich waren die Öffnungen des dreistöckigen Atriums zueinander leicht verdreht. Also haben wir uns zwei Fragen gestellt: Wie können wir das Skulpturale auch ins Gebäude hinein holen, und wie können wir die dreieckigen Geschosse sinnvoll neu gestalten? So haben wir zunächst das Atrium zu einer dreidimensionalen, expressiven und ausdrucksstarken Skulptur über die drei Stockwerke umgeformt, sodass hier ein vertikaler Raum entstanden ist, der genauso faszinierend ist, wie das Gebäude in der der Außenansicht. In den Etagen bzw. Büros dann haben wir zwei Dinge gemacht. Die Räume haben wir technisch ertüchtigt, vor allem was Licht und Luft betrifft, indem die sehr dünne, ehemals nur wenige Zentimeter dicke Fassade zu einer sehr tiefen Fassade nach innen ergänzt bzw. vergrößert wurde, die jetzt nach dem Prinzip des Kastenfensters funktioniert. Innen gibt es jetzt eine öffenbare Dreischeiben-Verglasung, außen eine Zweischeiben-Verglasung, im belüfteten Zwischenraum befindet sich der Sonnenschutz. So lassen sich die Räume nun natürlich belüften, was vorher nicht möglich war. Auch thermisch und akustisch ist die Außenhaut jetzt ertüchtigt. All das verändert die Fassadenansicht nicht, nun aber besitzt die Fassade durch den Aufbau nach innen Mehrfachqualitäten.

Die Fassade des Towers sieht nach der Sanierung aus wie vorher, denn sie steht unter Denkmalschutz. (Bild: HG Esch)

Wie wirkt sich das auf den Raumcharakter aus?
Der Raumcharakter hat sich merklich verändert, die Raumerscheinung ist großzügiger, weil die neue Fassade nicht mehr wie zuvor eine Abstufung durch eine Brüstung besitzt, sondern von der Decke bis zum Boden in einem kompakten Element verläuft. Die Raumfläche wurde dadurch übrigens nicht reduziert, weil wir im Prinzip nur die Brüstung nach oben verlängert haben. Damit ist die Grenze des Raums durch raumhohe Elemente definiert, statt in der Fassade eine zusätzliche Teilung zu erfahren.

Der Raum wirkt dadurch vermutlich harmonischer, oder?
Harmonischer, ja, und: Die raumbestimmende Innenansicht der Fassade entspricht dem Bild der Außenansicht mit den runden Fensterecken. Die ästhetische Erscheinung der Fassade ist jetzt außen und innen gleich. Im Innenraum gibt es außerdem keine Flure und Einzelbüros mehr, vielmehr herrscht dort jetzt ein Raumkontinuum, wodurch man von jedem Arbeitsplatz aus auch immer in drei Richtungen Sichtkontakt nach außen haben kann. In dieser gestalterischen Konfiguration haben wir schließlich ein Smart-Office-Konzept realisiert, bei dem es für 100 Mitarbeiter 80 Arbeitsplätze gibt. Dem liegt unter anderem der Aspekt zugrunde, dass möglichst wenige Tische leer stehen, sodass der nächste Kollege also nicht erst vier Tische weit entfernt sitzt, weil die anderen Kollegen gerade nicht da sind. Ganz wichtig dabei ist, dass es verschieden konfigurierte Arbeitsplätze gibt, also auch Räume mit Einzel-Arbeitsplätzen, wenn jemand einmal alleine und konzentriert arbeiten muss, oder auch Räume für kleine Teambesprechungen, Telefonzellen oder Teeküchen mit Sitzmöglichkeiten. Diese Räume sind im HVB-Tower wie Boxen an die Fassade gerückt. Insgesamt gibt es sechs bis sieben verschiedene Arbeitsplatz-Situationen mit verschiedenen Dichten und Weiten. All das bedeutet aber auch, dass es hier «Clean Desk» gibt, dass der Arbeitsplatz am Abend also komplett leer geräumt werden muss. Niemand hat Anspruch darauf, immer am selben Ort sitzen zu können. Ausnahmen bilden nur das jeweilige Sekretariat, das in seiner Funktion ein Informations-Hotspot ist, oder vielleicht die Abteilungsleiter.

Clean Desk: An zentraler Stelle sind kleine Container untergebracht, in denen sich die persönlichen Arbeitsunterlagen der Mitarbeiter befinden. (Bild: HG Esch)

War es der Wunsch des Bauherrn, das Arbeiten derart anders zu organisieren?
Ja, und wir sind den Weg gerne mit ihm gegangen, nicht zuletzt weil das zu einer Verdichtung führt. Und selbst wenn einmal alle Mitarbeiter da sein sollten, gibt es für jeden zumindest einen Stuhl und irgendwo einen Platz zum Arbeiten, weil das Arbeiten ortsunabhängig ist und außerdem so viele verschiedene Arbeitsplatz-Angebote zur Verfügung stehen.

Haben Sie sich zwischenzeitlich ein Bild davon machen können, wie die Mitarbeiter mit dem neuen Konzept zurechtkommen?
Bisher habe ich eigentlich nur positive Stimmen gehört. Den Mitarbeitern gefallen die verschiedenen Angebote an Schreibtisch-Konfigurationen, weil man recht spontan und an unterschiedlichen Orten zusammen sitzen kann, mit wem man gerade am selben Thema arbeitet. Diese Vielfalt, die bisher nur im eigenen Zimmer arrangiert werden konnte (manche hatten ja sogar ihren eigenen Kaffeekocher), besteht nun auf höherem Niveau für alle gleichsam. Das fördert die Kommunikation und die Kollaboration untereinander.

Auch das gehört (wieder) zu einer modernen Bürostruktur: die kleine Kantine, in der es jederzeit frische Snacks gibt und wo man auch mal arbeiten kann. (Bild: HG Esch)

Lassen Sie uns einmal einen allgemeinen Blick aufs Bauwesen werfen: Sonnenschutz, Wärme- bzw. Kältekomfort, tageslichtabhängiges Licht, automatische Frischluftzufuhr: Die Ansprüche an einen Büroarbeitsplatz sind bis heute enorm gestiegen. Sie als Planer haben in Ihrem Leben schon so mache Planungsmode erleben dürfen: Welche Parameter sind in Ihren Augen am Ende wirklich sinnvoll?
Gerade mit Blick auf die offenen Arbeitslandschaften ist der Schallschutz einer der wichtigsten Parameter: Wie lassen sich Boden, Decke und Wand schallabsorbierend ausbilden? Dabei geht es in erster Linie nicht um die Reflexion, sondern um die Absorption, damit man vom Nachbarn beim Arbeiten nicht gestört wird. Als Nächstes ist der Blendschutz wichtig, damit keine Reflexionen auf dem Bildschirm entstehen. Dazu gehört auch das blendfreie Kunstlicht, vor allem wenn in Zukunft Tischplatten auch aktive Bildschirme sind. Lösen lässt sich das durch indirektes Licht oder indem die gesamte Decke eine große Leuchte ist, etwa durch LEDs oder OLEDs. Auch der Sonnenschutz ist ein wichtiger Punkt, denn der Wärmeeintrag durch die Sonne kann enorm sein. Öffenbare Fenster sind ein Grundbedürfnis, damit man auch mal spontan Frischluft hinein lassen und die Vögel zwitschern hören kann. Im Wesentlichen sind das die Dinge, die man als Architekt und Planer beeinflussen kann. Darüber hinaus ist der Umgang mit den medialen Dingen wichtig, durch die man mit dem Laptop oder Tablet überall arbeiten und präsentieren kann, ohne dass erst einmal drei EDV-Leute zum Umstöpseln kommen müssen. Es geht also um die mühelose Anschlussmöglichkeit jedes Geräts.

Das leitet im Prinzip direkt zu meiner nächsten Frage über. Sie haben es fast schon gesagt: Wird der feste Arbeitsplatz Ihrer Meinung nach noch wichtig sein?
Nein. Alles, was man bisher auf dem Schreibtisch hatte, hat man nun auf dem Laptop. Und durch die Mobilität hat man alles und jeden quasi immer dabei. Fest installierte Apparate werden nicht mehr benötigt, denn man kann alles an und mit sich mitnehmen. Das setzt natürlich eine perfekte Digitalisierung voraus, was heute jedoch bereits möglich ist.

Vielfältige Besprechungs- und Präsentationsmöglichkeiten sind für eine funktionierende Kommunikation untereinander unabdingbar. (Bild: HG Esch)

Am Ende aber gibt es da noch den Faktor «Mensch», der nun mal auch gerne sein Territorium abstecken möchte, auch am Arbeitsplatz.
Das ist richtig. Aber auch da gibt es verschiedene Sichtweisen. Ein Territorium kann man ganz örtlich verstehen, bezogen auf den Schreibtisch und den Bereich darum etwa. Wer diesen Bereich betritt, unterschreitet eine Distanz, vergleichbar mit dem natürlichen Abstand zwischen zwei Menschen, wie im Aufzug etwa, wo die Nahdistanz unterschritten wird, weswegen dort niemand redet. Dieses Unterschreiten wird von vielen als Bedrängnis empfunden. Ein Territorium aber kann man auch losgelöst vom Raum verstehen und vielmehr ein Thema oder ein Projekt als Territorium sehen. Dazu allerdings gehört eine gute Portion Abstraktion und auch die Frage, wie man seine Arbeit sieht und welchen Sinn man dieser Arbeit zugrunde legt. Besteht also der Sinn der Arbeit darin, innerhalb einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort zu sitzen und zu arbeiten, oder ist das Projekt an sich das Territorium und bestimmt dadurch die Identität am Arbeitsplatz? Niklas Luhmann hat einmal sinngemäß gesagt: «Das letzte Element der Arbeit ist heute nicht mehr ein Stück Arbeit, sondern die Kommunikation über die Arbeit.» Sich also kommunikativ einzubringen und einen Raum nicht physisch vor sich zu haben, sondern sich ihn mental vorzustellen, kann nicht jeder. Denn die dem Menschen innewohnende Bindung an ein bestimmtes Territorium ist ein Instrumentarium, das im Leben natürlich einiges erleichtert, weil man sich für Vieles nicht mehr rechtfertigen muss. Deswegen erfordert die Abstraktion des Begriffs von Territorium eine große Anstrengung – die sich in der Arbeitswelt aber lohnt.

Eine letzte Frage: Wie sieht Ihr idealer Arbeitsplatz aus bzw. was für ein Arbeitsplatz-Typ sind Sie?
Ich bin ein Nomade, der ständig unterwegs ist. Im Moment etwa befinde ich mich im großen Besprechungsraum in unserem Büro mit 14 Stühlen. Hier arbeite ich immer, wenn ich in München bin. Arbeiten bedeutet für mich, mit anderen zusammen zu sein und zu reden. Vorträge wiederum bereite ich nur zuhause an meinem Schreibtisch vor, weil ich da alleine sein kann. Oder ich tue das am Wochenende oder auch im Flugzeug. Die wertvollste Zeit für mich ist die, die ich mit anderen verbringen kann, um mit denen alles Nötige durchzusprechen. Oder ich gehe in den 3D-Raum oder in die Werkstatt – immer kollaborierend und kommunizierend.

Vielen Dank für das ausführliche Gespräch, Herr Henn.

Das dreistöckige Atrium im Eingangsbereich wurde von HENN komplett umgestaltet und wirkt heute wie eine Raumskulptur. (Bild: HG Esch)

Die Formen- und Materialsprache der Fassade findet sich jetzt auch im Innenraum wieder. (Bild: HG Esch)

Öffenbare Fenster tragen zukünftig wesentlich zum Wohlbefinden am Arbeitsplatz bei. (Bild: HG Esch)

Wer genau hin schaut, sieht die neuen Öffnungen in der alten Fassade: Lochstanzungen, die die Außenluft in den Fassadenzwischenraum lassen. (Bild: HG Esch)