Um-/Neubau eines Wohnhauses in Stuttgart von lohrmannarchitekt

Auf der Sauhalde

Praxis, 18. April 2017
Von: Thomas Geuder

Am Stuttgarter Kesselrand haben lohrmannarchitekten ein Wohnhaus errichtet, das sich harmonisch in die idyllische Umgebung einzufügen sucht. (Bild: Volker Schrank)

Ein Wohnhaus inmitten von städtischen Schrebergärten und Streuobstwiesen ist keine alltägliche Bauaufgabe. Die Stuttgarter lohrmannarchitekten haben bei einem derartigen Auftrag die Einheit mit der Umgebung gesucht – und dafür den Bundeswettbewerb HolzbauPlus erhalten.

Projekt: Auf der Sauhalde, Umbau/Neubau eines Wohnhauses (Stuttgart, DE) | Architektur: lohrmannarchitekt BDA (Stuttgart, DE) | Bauherr: privat | Hersteller: diverse | vollständige Bautafel siehe unten

Die schwäbische Stadt Stuttgart ist vielen bestens durch ihre beengte Kessellage bekannt, bietet im Umkehrschluss aber auch einige recht reizvolle Wohnlagen am Hang bzw. am Kesselrand. Der Stadtteil Gablenberg etwa bildet den östlichen Abschluss der Stadt an ebensolchem Kesselrand und gleitet baulich sanft hinüber zu Schrebergärten und schließlich Wald. Hier in idyllischer Hanglage befand sich ein kleines Haus, das die Eigentümer nun umbauen und erweitern wollten. Die Planer von lohrmannarchitekten (deren Büro quasi auf der gegenüberliegenden Kesselseite liegt) sollten und wollten mit dem fast ländlich anmutenden Charakter des Ortes arbeiten und entschieden sich daher für eine klare, kompakte, unaufgeregte Gebäudeform mit Satteldach. Auch die Materialwahl der Fassaden sollte sich in die Umgebung möglichst zurückhaltend einfügen, was sich auch wunderbar mit dem Wunsch der Bauherren deckte, möglichst nachwachsende Rohstoffe zu verwenden: Die Fasadenbekleidung besteht aus sägerau belassender Douglasie, der Sockel ist mit einem Kellenwurf-Putz versehen, das Dach mit Bieberschwanzziegeln gedeckt. Dieses Thema geht im Innenraum weiter, wo die Wand- und Deckenbekleidungen aus Weißtanne gestaltet sind. Die ursprüngliche Auflage, hier das Bestandsgebäude bei den Planungen mitzuverwenden und einzubeziehen, empfanden die Architekten als Herausforderung und Chance zugleich.

Die verwenden Materialien sollten die Gestaltung der für den Ort typischen Fassaden aufnehmen. (Bild: Volker Schrank)

Konkret konnte vom Bestandsbau das Untergeschoss erhalten werden, das im neuen Haus nun den Sockel bildet. Klar abgesetzt wurde darauf ein zweigeschossiger Aufbau errichtet, eine reine Holzständerkonstruktion, gedämmt ausschließlich mit Holzfaserstoffen. Holz ist das vor- und beherrschende Material, im Innenraum findet sich eigentlich nur der roh belassene Beton des bestehenden Sockelgeschosses wieder. Dadurch wird ein zwar merklicher Kontrast geschaffen, der jedoch den Raumcharakter nicht stört, sondern eher die haptische Qualität der jeweiligen Materialien hervorholt. Unterstützt wird das noch durch die räumliche Offenheit, da die Innenräume über die drei Stockwerke fließend elegant miteinander verbunden sind, meist ohne trennende Tür. Teilweise große Fensterflächen unterstützen das großzügige Raumgefühl und sorgen nicht zuletzt für die Inszenierung des wunderbaren Ausblicks auf die Stadt im Kessel, der im Obergeschoss allenfalls gestört wird durch vertikale Streben vor den Fenstern, die hier oben in den Arbeits- und Schlafzimmern für eine gewisse Privatheit sorgen. All das – die Natürlichkeit, die Unaufgeregtheit, die Gelassenheit, dabei die Großzügigkeit, die Verbindung von schlichten Materialien (vor allem Holz) und die dabei entstehende Ausdrucksstärke – war Grund genug für die Jury des alles zwei Jahre ausgelobten Bundespreises HolzbauPlus, das Gebäude in der Kategorie «Wohnungsbau – Sanierung» mit dem ersten Platz auszuzeichnen. Glückwunsch!

Reduktion gibt es auch in der Auswahl der Bleuchtung: Glühbirnen in industriell anmutenden Bakelitfassungen. (Bild: Volker Schrank)

Rauer Sichtbeton bildet einen Kontrast zum hellen Tannenholz, womit die Architekten von der Einfachheit der Elemente erzählen wollen. (Bild: Volker Schrank)

Das omnipräsente Material im Entwurf ist Holz, das aus heimischen, nachwachsenden Quellen stammt. (Bild: Volker Schrank)

Lageplan (Quelle: lohrmannarchitekt)

Detail Fassadenschnitt, Grundrisse (v.l.u.i.U.) Untergeschoss, Erdgeschoss, Obergeschoss, Querschnitt (Quelle: lohrmannarchitekt)

Aus der Vogel- bzw. Drohnenperspektive ist gut die Umgebung aus Streuobstwiesen und Schrebergärten zu sehen. (Bild: Marc Feigenspan)

Vom Vorgängerbau an dieser Stelle konnte das Untergeschoss erhalten werden, das dann den Sockel für den zweigeschossigen, hölzernen Aufbau bildet. (Bild: Holger Lohrmann)

Projekt
Auf der Sauhalde
Umbau/Neubau eines Wohnhauses
Stuttgart, DE

Architektur
lohrmannarchitekt
Dipl-Ing Holger Lohrmann BDA
Stuttgart, DE

Team
Martin Arvidsson, Franco Berardi, Milan Groß, Jan Keinath, Verena Klaus, Richard Krecké, Stefanie Larson, Holger Lohrmann

Hersteller
Verglasungen, europlus 86: Rehau
Dach, wellenbiber: Walther
Bodenbelag, Parkett Eiche gebürstet: Weitzer
Licht, Bakelitfassungen: T. Hoof Produktgesellschaft
Sanitärobjekte: Simas
Armaturen: Steinberg
Stahlmöbel: Herrenhuis

Bauherr
privat

Statik
Thomas Mohr
Herrenberg, DE

Wohnfläche
147 m²

Heizwärmebedarf
72,8 kWh/m2a

Primärenergiebedarf
97 kWh/m2a

Fertigstellung
2016

Fotografie
Volker Schrank
Holger Lohrmann
Marc Feigenspan
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