Falten und Fließen
Eines der prägnantesten Merkmale der Moderne des 20. Jahrhunderts bestand im Konzept des ,fließenden Raumes‘. Die Beherrschung der Natur durch Technik und neue Baustoffe machten es nicht mehr nötig, die Innenwelt des Habitats massiv gegen die mehr oder weniger wirtliche Außenwelt abzugrenzen. Wohnhaus und Landschaft sollten einander durchdringen können, so lautete die Botschaft von Frank Lloyd Wright, Mies van der Rohe, Richard Neutra und anderen. Das Aufbrechen der alten Tektonik der massiven Mauern und Decken führte bei den radikalsten Bauten zu einem freien Floaten von autonom gewordenen Wandscheiben und davon entkoppelten Dachflächen, verbunden mit extensiven Verglasungen. Das Potenzial solcher Ideen schien freilich seit Jahrzehnten wieder ausgereizt und wurde zuletzt auch wegen der energetischen Problematik durch kompaktere Baukonzepte in Frage gestellt.

Pichler & Traupmann nehmen diesen Faden nun wieder auf und entwickeln damit ein neues, komplexeres Muster. Nicht nur der Raum sollte ihrer Ansicht nach von innen nach außen fließen können und umgekehrt, auch die Raumhülle selbst sollte aus ihrer Autonomie erwachen und das Ineinander von Innen und Außen in einer analog fließenden Geste umsetzen. Zusätzlich erweitern sie den Hang der klassischen Moderne zu den platonischen Körpern und zur strukturellen Homogenität in die Richtung einer dynamischen Dualität. Was schon bei Mies van der Rohe angelegt war — der Gegensatz eines puristischen Gebäudesockels zur schwebenden, strengen Dachplatte —, das differenzieren Pichler & Traupmann nun entschieden weiter. Sie überformen das vorhandene Gelände zu einem gebauten Relief und stülpen darüber die Figur einer komplex gefalteten Hüllfläche, die den Sockel nur punktuell berührt und die das Öffnen, das Filtern und Verdichten der Raumbe-ziehungen konkretisiert. Die Glasflächen und -wände zwischen dem Sockelrelief und der Hüllfigur sind transparente Membranen zur Klimaregelung.
Das Falten von Flächen zu Räumen ist seit einigen Jahren ein heißes Thema der Avantgarde, zumeist gekoppelt mit der Überschreitung der euklidschen Geometrie zu polymorphen und amorphen Hüllgebilden, geknautschte  ,Kartoffel‘ und Moebiusbänder sind sozusagen hochaktuell. Pichler & Traupmann gehen nicht so weit. Wohl egalisieren ihre Faltungen die alten Gegensätze von Wand und Decke, von Wand und Tür/Fenster. Die Werte von horizontal/vertikal, unten/oben bleiben für sie aber elementar und deshalb, so ihr starkes Argument, bringt gerade das Festhalten an rektangulären Formen in dialektischer Weise die Verflüssigung ihrer Gegensätze klarer zum Ausdruck als alles andere.

Otto Kapfinger
Partner
Christoph Pichler
Johann Traupmann
Mitarbeiter
10
Gründung
1992
Spezialgebiete
Architektur
Innenarchitektur
Stadtplanung