Raimund Rainer ist ein intelligenter Pragmatiker, dem Dogmen aller Art suspekt sind. Mit seinen unkompliziert-selbstverständlichen, aber stets bis ins letzte Glied durchdachten Realisierungen nährt er in uns den Verdacht, dass die (avancierte) zeitgenössische Architektur viel zu unkritisch an scheinbar unumstößlichen Wahrheiten festhält – und sich damit oft selbst am Fortschritt hindert.
Fotos: simonrainer.com
Gerade im Bereich der Nachhaltigkeitsdebatte erleben wir heute eine ähnliche Situation wie in der frühen Moderne, als die Industrialisierung des Bauens alle architektonischen Probleme mit einem Schlag zu lösen versprach. Denn die Faszination der apparativen Technik, mit deren geballtem Einsatz man heute „Nullenergiehäuser“ oder sogar „Plusenergiehäuser“ realisiert, macht oft blind für einfachere Planungsstrategien, die bei gleichem Effekt viel weniger Aufwand fordern und zudem keine Konfrontation mit gewachsener Kultur schaffen. Fortschritt muss dem Nutzer nicht weh tun – in Niedrigenergiehäusern von Rainer darf man weiterhin die Fenster öffnen (wenn es zu warm wird) und Radiatoren benützen (wenn es zu kalt wird). Im Gegensatz zu konventionellen Häusern wird das aber kaum jemand tun, weil es einfach nicht nötig ist. Rainers Pragmatismus geht sogar noch weiter und reicht von der Nachhaltigkeits-Fachdebatte bis zu kulturellen Fragen: Für fortschrittliche Architektenkreise gerade in Tirol fast ketzerisch, findet er ansatzweise sogar Verständnis für die künstlich inszenierte Almhüttenromantik in Interieurs der alpinen Tourismusindustrie – gespeist aus dem legitimen Nutzerbedürfnis nach einem Kontrastprogramm zu urbanen Stilformen.
Halle mit Durchblicken
Gänzlich unaufgeregt verliefen auch die Überlegungen zur Hauptschule Brixlegg. Der Ort liegt im Unterinntal nahe Industriezentren wie Jenbach und Kundl, verfügte einst selbst über Bergbau im großen Stil und ist gemeinsam mit der Gemeinde Münster Schulzentrum eines kleinen Sprengels. Im Dorfzentrum stehen Hauptschule, Polytechnische Schule, Volksschule und Kindergarten in einem Schulzentrum dreiseitig um einen gemeinsamen Platz. Die alte Hauptschule war zu klein und abgenutzt, 2004 schrieb die Gemeinde, die gemeinsam mit ihrer Nachbarin Münster die Nettobaukosten von € 6,2 Mio. zu zwei Drittel finanzierte (den Rest zahlte das Land), gegen den Willen der Architektenkammer einen geladenen Wettbewerb mit 12 Teilnehmern aus. Die Kammer wollte ein offenes Verfahren für diese Schule mit 250 Schülern. Doch die Vorgangsweise der Gemeinde mit ihrem engagierten, seit 25 Jahren amtierenden Bürgermeister, der selbst aus der Planerbranche kommt, erwies sich als richtig. Das Vertrauen und die Transparenz, mit denen Bauherr und Architekt, die sich seit Schultagen kennen, hier zusammenarbeiteten, führten nicht zu Mehrkosten und persönlichen Vorteilen einzelner, sondern zu kosten- und wirkungsmäßig immer weiter optimierten Lösungen.
Frischluft wird von den Parabeten der Klassenräume eingeblasen.
Rainers Entwurf lieferte mehr als gefragt war. Zunächst eine städtebauliche Korrektur (der Schulplatz ist nun klarer und offener, der dahinter liegende Kindergarten und der Weg zum gemeindeeigenen Freibad von der Behinderung durch den Vorgängerbau befreit) und in weiterer Folge auch deutliche Vorteile beim Betrieb im Passivhaus-Standard. Das gesamte Schulquartier wird schon seit Jahrzehnten von einer Ölheizungsanlage gewärmt – Rainer schlug als Verbesserung zwei zentrale Maßnahmen vor, die gegenüber einem konventionellen Bau jedoch nur mit 1,3 Prozent Mehrkosten zu Buche schlugen: Eine optimierte Gebäudehülle (26 cm Wärmedämmung) und eine kontrollierte Lüftung mit Wärmerückgewinnung. Von der Effizienz einer aktuellen Gebäudetechnik überzeugte Rainer den Gemeinderat durch eine Exkursion nach Vorarlberg, wo man in einer Schule in Wolfurt die Vorteile einer kontrollierten Lüftung im Betrieb erleben konnte.
Luftauslauslass
Der Rest war Architekturentwurf, jene in der Nachhaltigkeitsdebatte stets weit unterschätzte klassische Disziplin. Rainer gelang es, durch eine kompakte Großform und durch den Hallentypus auch energetische Vorteile zu gewinnen. Das Prinzip ist denkbar einfach: Frischluft wird in den Parabeten der zehn Klassen- und fünf Gruppenräume eingeblasen, Abluft in die Halle geführt, von dort an einem Punkt pro Geschoß abgesaugt und vor dem Austritt ins Freie über einen Wärmetauscher geleitet. An der Glasdecke der zentralen Halle gibt es Lüftungsöffnungen, die hier allfälligen Wärmestau direkt vertikal abführen können. Das ist wichtig, denn die Nutzer der Schule generieren auch im Winter meist ausreichend Heizwärme – am meisten Energie wird in gut isolierten Gebäuden heute ohnehin bei der Kühlung verbraucht. (...) (Matthias Boeckl)
Den vollständigen Beitrag und weitere Bilder finden Sie in architektur.aktuell.
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Hauptschule Brixlegg
2007
Brixlegg/Österreich
Römerstraße 18
Bauherr
Brixlegg Immobilien GmbH
Planung
Raimund Rainer
Innsbruck
Projektleitung
Manuel Breu
Statik
ZSZ Ingenieure
Innsbruck
Projektsteuerung
Malojer Baumanagement
Innsbruck
Bauleitung
Alfred Neuner
St. Johann in Tirol
Bauphysik
Peter Fiby
Innsbruck
Passivhaus Engineering
Energietechnik E Plus
Egg
Haustechnik/Elektroplanung
Moser & Partner
Innsbruck
Vollwärmeschutzfassade
MM Fassaden & Isolierungen
Brixlegg
Alu-Glasfassaden
Metallbau Guggenbichler
Kramsach
Nutzfläche
3.441 m2
Bebaute Fläche
925 m2
Umbauter Raum
16.245 m3
2007
Brixlegg/Österreich
Römerstraße 18
Bauherr
Brixlegg Immobilien GmbH
Planung
Raimund Rainer
Innsbruck
Projektleitung
Manuel Breu
Statik
ZSZ Ingenieure
Innsbruck
Projektsteuerung
Malojer Baumanagement
Innsbruck
Bauleitung
Alfred Neuner
St. Johann in Tirol
Bauphysik
Peter Fiby
Innsbruck
Passivhaus Engineering
Energietechnik E Plus
Egg
Haustechnik/Elektroplanung
Moser & Partner
Innsbruck
Vollwärmeschutzfassade
MM Fassaden & Isolierungen
Brixlegg
Alu-Glasfassaden
Metallbau Guggenbichler
Kramsach
Nutzfläche
3.441 m2
Bebaute Fläche
925 m2
Umbauter Raum
16.245 m3







