Plissee für ein Altersheim

Das Pflegeheim in Hainburg musste erweitert werden. Die Architekten Christian Kronaus und Erhard An-He Kinzelbach setzten einen 80 Meter langen, reinen Holzbau vor den Bestand. Nach dem Prinzip der Raumfaltung wurde ein vor- und rückspringendes Fassadensystem entwickelt, das den Bautyp um neue Aufenthaltsqualitäten und differenzierte Freiräume bereichert.

Gefaltet: 80-Meter Holzanbau an den Bestand.

Photos: Thomas Ott

Altersheime sind die Bauaufgabe der Zukunft: auf 1.000 niederösterreichische Erwerbstätige kommen heute 619 Pensionisten, bis 2030 werden es 860 sein. An der Ortsausfahrt Richtung Bratislava steht das Landesklinikum der Thermenregion Hainburg: Eine mächtige, y-förmige Spitalsmaschine aus den späten 80ern, hinter der ein ehemaliges Schloss liegt. Es stammt aus dem Jahr 1825 und wurde schon als Kaserne, russisches Lazarett und Spital genutzt.
Parkplätze und Eingang sind im Osten, dahinter fasst das zweistöckige Gebäude einen fast quadratischen Hof ein. Rund um den vorstehenden Westtrakt breitet sich der Park des Krankenhauses aus. Im Jahr 2000 zogen zwei Stationen des Landespflege- und Pensionistenheims ein. 2005 beschloss das Land Niederösterreich, das bestehende Ulrichsheim im Zentrum aufzulassen und die Pflege an einem Standort zu bündeln. Für die Erweiterung der ehemaligen Kaserne wurde ein Verhandlungsverfahren ausgeschrieben. Gefragt war ein Zubau für zwei Stationen mit je 25 Einzelzimmern, Gemeinschaftsraum, Schwesternstützpunkt und Pflegebad.
Die Faltung bezeichnet Wohneinheiten und erlaubt doppelseitige Belichtung.
Die Architekten Christian Kronaus und Erhard An-He Kinzelbach machten das Rennen: sie setzten einen 17 Meter tiefen Baukörper vor den Bestand, der in seiner spezifischen Form alle Heim-Klischees unterwandert. „Uns war wichtig, den Park mit den Bäumen zu erhalten,“ sagt Kinzelbach. Fast 80 Meter erstreckt sich der Neubau mit der raffiniert aufgefalteten Fassade von Osten nach Westen und bildet so differenzierte Freiräume aus. Seine Westflanke gibt dem Park einen Rahmen, der etwas kürzere, östliche Bauteil fasst zwischen sich, dem Speisesaal und dem Vierkanter einen Vorplatz ein. Ein dritter geschützter Freiraum ist gerade im Werden: die Architekten sanieren auch den Bestand. Sein Innenhof ist als Gemeinschaftswohnraum mit Glaspavillons im Freien konzipiert und soll mit einer Holzterrasse, der quasi organisch Bänke und Pflanzbeete entwachsen, gestaltet werden. (Freiraumplanung: Franz Grossauer.)
Faltung dient auch innen der Orientierung und Gliederung.
Im Prinzip ist er ein Mittelgangtyp, dessen Zimmer nach Norden ins Grüne oder nach Süden zur Sonne orientiert sind, wo auch die Gemeinschaftsräume liegen. Konstruktiv ist er ein Schottenbau, der aus vorgefertigten, mit Flachs gedämmten Holzwänden im Achsmaß von 4,60 Meter errichtet wurde. Um dessen Tendenz zur Monotonie zu brechen, wurde das Heim mit einer Raumfaltung überformt, die auch statisch aussteifend wirkt. Ihre komplexe Geometrie generiert innen und außen neue Aufenthaltsqualitäten.
Subtil brechen die schräg vor- und rückspringenden Wände den repetitiven Charakter der Einheiten. Ihre unterschiedliche Neigung macht die einzelnen Zimmer ablesbar, gibt der Fassade einen Rhythmus von starker Plastizität und lässt die Sonne auch von Westen und Osten ins Innere fallen. In tänzerischer Anmut gleiten die Segmente das Gebäude entlang und entwickeln dabei eine fast textile Qualität, die sich auch im Detail zeigt. Jedes Zimmer hat zwei Fenstertypen. Eines sitzt bündig und fixverglast an einer Fuge, die wie eine Falte wirkt, in der schrägen Wand und bildet so innen eine tiefe Nische aus, die als Ablage oder Sitzfläche taugt. Ihr Parapet (45cm) ist so nieder, dass man auch vom Bett ins Freie sieht. Das zweite Fenster ist öffenbar.
Betonte Raumhöhe.

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Das Erdgeschoß übernimmt die über 4 Meter Raumhöhe des Bestands: hier atmen die Zimmer mit den Holzdecken die Großzügigkeit des Altbaus und bildet die Fassade am Boden vor den Fenstern trapezförmige Pflanzbeete aus. Als Ausgleich dazu ist die Wand im ersten Stock stärker geneigt, wodurch mehr Tageslicht einfällt. Die Fassade ist mit roten und gelbgrünen Eternitplatten verkleidet, die nach einem Algorithmus aus Spiegelung und gradueller Addition verlegt sind. Ihre Farbanteile reflektieren die Umgebung. Parkseitig dominiert das gelbgrün, je mehr sich das Heim dem ziegelgedeckten Bestand nähert, umso röter wird es.
 „Unsere Bewohner sind zwischen 60 und 95 Jahre alt,“ sagt Rudolf Schön, der Direktor. „Wir haben den Standort gewählt, um Synergien mit dem Krankenhaus zu nutzen. Wichtig war uns, dass die Menschen ins Freie können und ihren Lebensabend nicht im Zimmer verbringen müssen. Im Ulrichsheim war das umöglich. Es gibt hier viel Bewegungsfreiheit.“ (…)
Isabella Marboe
Presented by
Landespensionisten-
& Pflegeheim Hainburg

Hofmeisterstraße 70b
Hainburg/Österreich

Bauherr
BA/CA Leasing MAR Immobilien GmbH
Amt der NÖ Landesregierung
Landeshochbau BD6

Planung
Christian Kronaus + Erhard An-He Kinzelbach
Mitarbeit
Stefan Gruber
Daniel Lopez-Perez

Statik
Markus Kuhlang
Mödling

Ausführungsplanung
Rudischer + Panzenböck
Neunkirchen

Bauphysik
Gerhard Novak
Baden

Elektroplanung
VEN Gneist
Lichtenegg

Örtliche Bauaufsicht
Team-Plan HochbauplanungsgmbH
Krems

Landschaftsplanung
Franz Grossauer
Gmünd

Küchenplanung
Peter Brunner

Haustechnik
SanCoWent GmbH
Scheiblingkirchen

Baumeister
Alpine Mayreder Bau GmbH

Holzbau
Ybbstaler Holz- & Bau GmbH

Aufzug
KONE AG

Bruttogeschoßfläche
2.892 m2

Nutzfläche
2.236 m2

Bebaute Fläche
1.446 m2

Planungsbeginn
2005

Baubeginn
2007

Fertigstellung
2009

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architektur aktuell