Designer-Städtebau in Suburbia

Einkaufszentren der Über-30.000 m2-Klasse werden allein schon wegen ihrer Größe als eine einzige städtebauliche Katastrophe kritisiert. Dennoch kann sogar unter den strengen Regeln des Shopping-Urbanismus ansatzweise eine suburbane Zentrumsbildung gelingen.
Allseitig zugänglich: Dachauffahrt an der Ecke, grosses Vordach beim Haupteingang.

Foto: Markus Bstieler

Österreich macht es den ungünstigen Entwicklungen von Wirtschaftsstruktur und Raumordnung nicht gerade schwer: Einerseits ignorierten Politiker jahrzehntelang beispielsweise die Realität der intensiven Suburbanisierung (mit der Folge einer weit verbreiteten Kernstadtverödung), andererseits weigerten sich der klein strukturierte Handel und die Planerzunft, die Chancen der just vom Exilösterreicher Victor Gruen 1954 in den USA erfundenen Shopping Mall zur Kenntnis zu nehmen. Diese Inkompetenz bei der Planung von Suburbia überließ das Feld zur Gänze einer Handvoll vorausschauender Unternehmer, die sich schon seit den 1960er Jahren  mit der Lebensrealität in der Konsumgesellschaft befassen. Österreichs Bequemlichkeit hat ihren Preis: Die Folge ist eine extreme, europaweit singuläre Konzentration des Handels, die einer hoch entwickelten Wirtschaft eigentlich unwürdig ist. Die Politik kann heute nur mehr ihre historischen Versäumnisse beklagen, an Macht oder Planungsalternativen hat sie den zwei, drei großen Handelsketten, die nun das Geschehen diktieren, längst nichts mehr entgegenzusetzen. Der letzte Versuch, diesen Sektor mit heimisch-solidarischen Rezepten zu beeinflussen, scheiterte dramatisch mit der Konsum-Kette, deren ehemalige Premium-Standorte die beiden Schwergewichte am Lebensmittel-Sektor, die deutsche Rewe und die österreichische Spar-Gruppe, kampflos übernehmen durften. Auch in Villach konnte Spar, der einzige in heimischem Besitz befindliche Lebensmittel-Handelskonzern, der sich schlauerweise mit seiner Spar European Shopping Centers GmbH (SES) auch ein strategisch agierendes Developing-Unternehmen für vermietbare Einkaufszentren hält, einen ehemaligen Konsum-Standort samt Ausbau-Widmung in der jetzigen Größe übernehmen. Reagierten damit in der Handelsbranche Österreichs bislang nur die Spar-Eigentümer auf die modernen Strukturen so erfolgreich, dass sie mittlerweile große Standorte in mehreren mitteleuropäischen Ländern betreiben können, so gilt dies in der Planerbranche analog für das Büro ATP Architekten und Ingenieure. 1951 von Fred Achammer als reines Architekturbüro gegründet und 1976 zu Österreichs größtem integrierten Planungsunternehmen erweitert, arbeitet man schon seit Jahrzehnten erfolgreich mit der Spar-Gruppe zusammen. Ein Gutteil der Shopping Malls, die SES in Mitteleuropa betreibt, wurde von ATP geplant.
Falten und Formen: Ein skulpturales Element modelliert Terrassen, Vordächer und Innendecken-Elemente.

Foto: ATP

Foto: ATP Nach der Konsum-Pleite 1995 dauerte es acht Jahre, bis die Übernahme des Villacher Standorts durch Spar und seine neue Widmung als große Shopping-Mall über die Bühne gegangen waren. Villach muss für jeden Handelskonzern eine strategisch bedeutende Rolle spielen, weil die alte Kärntner Handelsstadt am Schnittpunkt mehrerer regionaler und internationaler Verkehrswege liegt, über ein großes Einzugsgebiet verfügt und bedeutende Industriebetriebe bietet. Als „rote“ Insel im sonst von rechten Parteien dominierten Kärnten besitzt es darüber hinaus auch einen politischen Sonderstatus: Der seit 1987 amtierende Bürgermeister Helmut Manzenreiter versucht hier beispielhafte sozialdemokratische Lösungen als Alternativen zu den sonst im Land dominierenden Planungen zu entwickeln. So wurde auch die Umweltverträglichkeitsprüfung, der sich jeder Handelsstandort dieser Dimension unterziehen muss, beim „Atrio“ vom eigentlich zuständigen Land an die Stadt Villach delegiert, die sie im Interesse von Arbeitsplätzen und Gemeindesteuern rasch zum positiven Ende brachte. Die drängende Präsenz des Großinvestors im engen Wartezimmer einer Kleinstadt-Verwaltung ließ auch kaum etwas anderes erwarten. Spar hatte ATP trotz jahrzehntelanger Zusammenarbeit ursprünglich nicht mit der Planung der Mall beauftragt, sondern bei einigen in- und ausländischen Architekten Ideenstudien bestellt. Letztlich durfte auch ATP ein Projekt nachreichen. Ist man aber erst einmal im Spiel, bestimmen Größe und Erfahrung des Planungsbüros dann doch fast alles. Denn die Notwendigkeit, für die von Villach genehmigten stattlichen 28.000 m2 Verkaufsfläche (und insgesamt 39.000 m2 vermietbare Fläche) mehrere architektonisch und wirtschaftlich funktionierende Alternativen zu planen, erfordert erhebliche Kapazitäten. Unter ihren 20 Standorten betreibt die SES nur im Salzburger Europark mit 50.000 m2, im Europark Maribor mit 40.000 m2, im Citypark Ljubljana mit 43.000 m2 und im Wiener Huma Einkaufspark mit 44.000 m2 größere Objekte. Bei ATP entwickelte Andrei Florian, der seit 1989 für das heute fast 400 Mitarbeiter zählende integrierte Planungsunternehmen tätig ist und dort bereits das SES-Einkaufszentrum Zimbapark in Bludenz-Bürs geplant hatte, diese Alternativen. (…)
Matthias Boeckl
Presented by
ATRIO
2007
Kärntner Straße 34
Villach

Bauherr
SES Spar
European Shopping Centers GmbH
Salzburg

Planung
ATP Architekten & Ingenieure
Innsbruck

Projektleitung
Andrei Florian

Mitarbeiter
W.-Dieter Leschinger
Andrei Florian
Bernhard Eimannsberger
Bernd Ebner
Uta Kürzel
Philip Pfister
Maren Saitner
Melanie Zingerle

Ausschreibung/Vergabe
Hannes Fritsche
Bruno Alf
Andreas Rieser

Bauaufsicht
Raimund Nowak
Johann Gerhold
Lothar Mayer
Stefan Zoller

Statik
Alois Salzburger
Martin Abentung
Demir Talet
Hansjörg Töchterle

Heizung/Lüftung/Klima/Sanitär
Peter Oberhuber
Johann Knoll
Norbert Leuthner
Simon Motschiunigg
Dorit Nötzoldt
Carina Sagerschnig

Elektroplanung
Rainer Stiller
Harald Entner
Roland Lener
Alexander Wilhelm

Lichtplanung/-ausstattung
Bartenbach Lichtlabor GmbH
Aldrans

Fassaden/Fenster
Metallbau Stoppacher GmbH, Weiz

Glasfassade/Dach
Eckelt Glas GmbH, Steyr

Holzdachkonstruktion

Buchacher Holzleimbau GmbH
Hermagor

Aufzug
Thyssen Krupp Aufzüge GmbH
Villach

Grundstückfläche
52.346 m2

Vermietbare Fläche

38.700 m2

Bruttogeschossfläche
97.710 m2

Umbauter Raum
400.000 m3

Planungsbeginn
2003

Baubeginn
9/2004

Fertigstellung

3/2007

Baukosten
82 Mio EUR

Kosten pro m2

839,- EUR

Media Partner
architektur aktuell