»2226«-Konzept in regionaler Formensprache

Baumschlager Eberle Architekten
8. Mai 2020
Foto: Jens Ellensohn

Baumschlager Eberle Architekten haben die Zentrale von aks gesundheit in Lingenau entworfen. Der Bau entspricht dem »2226«-Prinzip und greift zugleich die regionale Bautradition überzeugend auf. Die Architekten über ihre Gestaltung.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?


In Lingenau war die neue Zentrale der aks gesundheit GmbH im Bregenzerwald geplant. Das Gebäude sollte neben großzügigen Therapie- und Büroräumlichkeiten auch vier Wohnungen und eine Tiefgarage aufnehmen. Mit dem Projekt galt es überdies, einen Akzent im Ortsbild zu setzen, auf die regionale Bautradition Bezug zu nehmen und dabei zugleich deren Zukunftspotenzial zu reflektieren. 

Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?


Unsere Absicht war, das Dorfzentrum unaufgeregt weiterzubauen und eine bestehende Lücke wie selbstverständlich zu schließen, um einen Beitrag für das Quartier zu leisten.

Foto: Eduard Hueber, archphoto © Baumschlager Eberle Architekten
Foto: Eduard Hueber, archphoto © Baumschlager Eberle Architekten
Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?


Der kompakte Solitär ist sorgfältig auf das Grundstück und zum Hang platziert. Die Plastizität des Baukörpers steht im Dialog mit dem Vorplatz und einer seitlich angedockten Terrasse. Unser Bau prägt den Ort. Die urbane Anmutung der Anlage erfährt eine klare Botschaft durch die traditionelle Fassadengestaltung: Hier steht ein Bregenzerwälderhaus.

Wie gliedert sich das Gebäude in die Reihe der bestehenden Bauten des Büros ein?


»2226 Lingenau« ist eine neue Weiterentwicklung unseres Prototypen »2226« Lustenau. Die konstruktiv-energetischen Grundlagen dafür reflektieren das gesammelte Wissen unseres Büros aus über 35 Jahren. Die Zahlenkombination »2226« im Namen ist Programm: Im Gebäude herrschen über das Jahr gerechnet angenehme Temperaturen zwischen 22 und 26 Grad. 

Wie funktioniert das Konzept aber konkret? Als Wärmequellen dienen in den Häusern, die nach ihm gestaltet sind, die anwesenden Menschen – jede und jeder hat eine Wärmeabstrahlung von durchschnittlich 80 Watt – sowie die Beleuchtung und alle technischen Geräte wie Rechner, Kopierer und Kaffeemaschinen. Für Temperaturstabilität sorgt die thermische Masse mit massiven Außenwänden. Diese bestehen aus jeweils 38 Zentimeter statischem und isolierendem Ziegelmauerwerk mit beidseitig aufgebrachtem ungelöschten Kalkputz. Variationen in der Wandstärke sind je nach Region und Wandaufbau möglich. In Lingenau sind die Außenwände 50 Zentimeter dick. Innen angeschlagene und sensorisch gesteuerte Lüftungsflügel der Fenster öffnen sich automatisch, sobald der gemessene CO2-Anteil oder die Temperatur im Raum steigen. Bei sommerlicher Hitze öffnen sich die Flügel in der Nacht, um das Haus mit natürlicher Zugluft zu kühlen. Die Sensoren des Klimasystems lassen sich allerdings manuell auch übersteuern und die Lüftungsflügel individuell von Hand bedienen. 

Nachhaltig sind die Gebäude nach dem Prinzip »2226« auch in ästhetischer Hinsicht: Nutzer*innen und Passant*innen wertschätzen sie für die Raumqualitäten, die Proportionen und die Authentizität der Materialen – Grundvoraussetzung für eine lange Lebensdauer. Architektur kann und muss in verstärktem Maße dazu beitragen, den großen Energieverbrauch der Bauwirtschaft zu senken. Wir leisten einen Beitrag, der vom Faktum ausgeht, dass Gebäude über 100 Jahre stehen, während konventionelle Haustechnik meist schon nach 20 Jahren ausgedient hat. Die Vorteile des Prinzips »2226« liegen auf der Hand: Planungsaufwand und Baukosten sind geringer als bei konventionellen Bauten, der Energieaufwand sinkt deutlich, während die Lebenserwartung der qualitätsvollen Gebäude steigt. Die Betriebskosten bleiben langfristig niedrig. Wir setzen auf »High-Knowledge« statt »Hightech«, um die Probleme unserer Zeit zu adressieren.

Foto: Eduard Hueber, archphoto © Baumschlager Eberle Architekten
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?


»2226 Lingenau« kommt ohne Heizung, Lüftung und Kühlung aus und stellt dennoch, wie eben erwähnt, ganzjährig angenehme Temperaturen im Inneren sicher. Warum, haben wir ja eben erklärt. Weiter erhöht wird die Aufenthaltsqualität durch die architektonische Qualität der Innenräume. Die beiden Etagen mit dem Therapiezentrum verfügen über Erschließungsbereiche, die sich dehnen und zusammenziehen. Dieses Pulsieren kann man metaphorisch für den Verwendungszweck der Geschosse betrachten. Zudem gewinnen die offenen Bereiche ungemein an Aufenthaltsqualität für Wartende, die von hier aus auch ins Freie schauen können. 

Foto: Eduard Hueber, archphoto © Baumschlager Eberle Architekten
Welches Produkt oder Material hat zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?


Die Fassade ist als Fichte-Schindelfassade mit Holzschiebeläden realisiert, das Dach mit anthrazitfarbigem Metallbahnen eingedeckt. Schindeln vermitteln Solidität und setzen zusammen mit dem ausschwingenden Gesims (Schindelwurf) über den Fensterläden klare Bezüge zur Bautradition der Gegend. Es geht hier um das Fortsetzen einer kulturellen Werteskala im Umgang mit dem Bauen: Präzision, Beständigkeit und das Erkennen des Notwendigen.

Schwarzplan
Grundriss Erdgeschoss
Grundriss Regelgeschoss
Schnitte A und B
Name des Bauwerks
»2226 Lingenau«
 
Standort
Hof 481, 6951 Lingenau
 
Nutzung
Wohn-, Büro- und Praxisräume
 
Auftragsart
Direktauftrag
 
Bauherrschaft
aks gesundheit GmbH
 
Architektur
Baumschlager Eberle Architekten, Lustenau
Jürgen Stoppel (Projektleitung) 
 
Fachplaner 
Tragwerksplanung: Mader & Flatz, Ziviltechniker, Bregenz
Landschaftsarchitektur: Baumschlager Eberle Architekten, Lustenau
Innenarchitektur: Baumschlager Eberle Architekten, Lustenau
Sanitärplanung (Heizungsplanung entfällt): Baumschlager Eberle Architekten, Lustenau
Bauphysik/ Gebäudeoptimierung: T.A.U. GmbH, Lustenau
Lichtplanung: Baumschlager Eberle Architekten, Lustenau
Bauleitung: Baumschlager Eberle Architekten, Lustenau
Baumeister: Oberhauser Schedler, Andelsbuch
Ausführender Elektriker: Elektro Willi, Andelsbuch
 
Jahr der Fertigstellung
2019
 
Fotos
Jens Ellensohn
Eduard Hueber, archphoto

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