Alle(s) unter einem Dach

Pedevilla
26. November 2021
Das Bildungszentrum bildet eine Art eigenes Dorfgefüge. (Foto: Gustav Willeit)

Armin Pedevilla spricht über das Bildungszentrum Frastanz-Hofen. Die Anlage aus kleinen Volumen mit Satteldächern gewinnt ihre Kraft aus dem Umgang der Architekten mit einheimischen Materialien, ihrer Atmosphäre und ihren Gemeinschaftsflächen.

Armin, worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?


Das Bildungszentrum ist ein Ort der Begegnung und des Austausches für die Gemeinschaft.

Es befindet sich im gewachsenen Zentrum von Frastanz und vereint viele unterschiedliche Nutzungen unter einem Dach. Dass das Projekt aus dem bestehenden Schulhaus der 1950er-Jahre heraus entstanden ist, machte die Aufgabe besonders spannend. In welcher Form man das sehr große Volumen weiterbaut – insbesondere im Hinblick auf die städtebauliche Körnung – spielte dabei eine wesentliche Rolle. Der Umgang mit Materialität, Identität und Identifikation rundete die Kernaufgabe ab.

Bei der pädagogischen Konzeption wurde schon im Wettbewerb großer Wert auf die Optimierung des Überganges vom Elementar- zum Primarschulbereich gelegt. Das Gebäude sollte eine möglichst durchgängige und zielgerichtete Pädagogik für die Kinder im Alter von 1,5 bis 10 Jahren ermöglichen. Gefragt waren wiederkehrende Gemeinschaftsflächen, die »Marktplätze«, an denen alle Altersklassen und sogar die Eltern zusammenkommen können. Es gibt neben Volksschule, Kindergarten und Kinderbetreuung auch Sporträume, Werkräume sowie mehrere Musiksäle. Viele der Räume werden von lokalen Vereinen und der Gemeinde mitgenutzt.

Die kleinen Volumen mit Satteldächern schaffen eine dörfliche Struktur. (Foto: Gustav Willeit)
Welche Inspiration liegt diesem Projekt zugrunde?


Wir haben im Bestand der 1950er-Jahre eine gewisse formale und funktionale Logik erkannt, die unserer Meinung nach gut umgesetzt war. Dazu gehörten zum Beispiel das Satteldach und die Lochfassade. Wir haben dort angesetzt und am Bestand sozusagen weitergebaut. Dabei war es uns wichtig, am Ende ein Bildungszentrum umzusetzen, ohne große Unterscheidung zwischen Altbau und Neubau, die sich wohl negativ auf das Gemeinschaftsgefühl ausgewirkt hätte. Von außen gibt es schon einige subtile Hinweise darauf, was alt ist und was neu. Im Innenraum zeigt sich aber ein einheitliches Bild der Materialien, Formen und Farben – ein großes »Gemeinsam«.

Innen bestimmen handverriebene Putzoberflächen und unbehandeltes Tannenholz das Bild. (Foto: Gustav Willeit)
Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?


Der dörflichen Struktur sind wir mit einem Baukörper begegnet, der in seiner Maßstäblichkeit eben keine Großform bildet oder den Bestand verschlingt. Er entstand vielmehr aus dem, was wir vorgefunden haben – mehreren schlanken Baukörpern, die entlang einer Hauptachse angedockt waren. 

Diese Grundhaltung – sowohl typologisch, als auch dem Ort gegenüber – haben wir konsequent weitergeführt. Zudem war es uns wichtig, dass das Gebäude Geborgenheit und Vertrautheit ausstrahlt, um ein Gefühl des »Zuhause-Seins« anzuregen. Bei der Identifikation mit dem neuen Haus helfen regionale Materialien – wie zum Beispiel der handverriebene Kalkputz oder das unbehandelte Tannenholz. Vorarlberg ist ja bekannt für seine reiche Handwerkskultur. Im Bregenzerwald konnten wir sogar die Schulmöbel aus massivem Ahornholz anfertigen lassen. Auch das war eine Neuheit.

Wiederkehrende Gemeinschaftsflächen dienen als Orte der Begegnung und des Austausches. (Foto: Gustav Willeit)
In den Lernbereichen gibt es Gemeinschaftsflächen, die intimer ausgebildet sind. (Foto: Gustav Willeit)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen den Entwurf beeinflusst?


Seitens der Gemeinde bedeutete bereits der Wettbewerb eine intensive, mehrjährige Vorbereitungszeit. Der Ausschreibung lag ein partizipativer Prozess zugrunde. Und sicher, nach dem Wettbewerbsgewinn sind wir noch tiefer in die Planung und das pädagogische Konzept eingestiegen. Das bedeutete eine knapp sechsjährige Zusammenarbeit mit vielen Beteiligten und insbesondere mit den späteren Nutzer*innen. Das beeinflusste natürlich den Entwurf.

Man kann keine Gebäude bauen, ohne sich intensiv mit den Charakteren, Bedürfnissen und Anforderungen der Nutzer*innen auseinandergesetzt zu haben. Man baut ja für sie, nicht für sich als Architekten. Wir als Architekten versuchen, alle Informationen zu bündeln und schließlich in Architektur zu übersetzen. Anders gesagt: Mit anderen Projektbeteiligten wäre ein anderes Gebäude entstanden – auch wenn wir unsererseits mit unverändertem Team dabei geblieben wären. Das Umgesetzte spiegelt den Geist der beteiligten Menschen wider.

Gruppenraum des Kindergartens (Foto: Gustav Willeit)
Gab es bedeutende Projektänderungen vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk?


Im Wettbewerb kam es zu einer Ex-aequo-Situation und somit zu einer Überarbeitung. Aus dem Flachdach wurde ein Satteldach. Die Großform wurde in kleine Volumen aufgelöst.

Das überzeugte schlussendlich die Jury und den Bürgermeister. Der spätere Planungsprozess lebt bei solchen Projekten stets vom Austausch mit dem Nutzer: Man lernt viel übereinander und kann die Planung entsprechend weitertragen und vertiefen. Ein starkes Konzept kann in diesem Zuge auch einige Änderungen vertragen, der Rohling wird sozusagen geschliffen.

Wie gliedert sich das Gebäude in die Reihe der bestehenden Bauten des Büros ein?


Das Bildungszentrum in Frastanz war das erste wirklich große Bauvorhaben, das wir als Südtiroler in Vorarlberg realisieren durften. 2015 konnten wir uns mit unserem Wettbewerbsbeitrag gegen starke einheimische Konkurrenz mit internationalem Renommee durchsetzen. Es galt dann zu zeigen, dass wir die Architekturqualität, wie wir sie in Südtirol umzusetzen versuchen, auch 300 Kilometer entfernt realisieren können, in einer Region, die über eine eigenständige und sehr hochstehende Baukultur verfügt. Dass wir mit dem realisierten Projekt gleich eine Punktlandung geschafft haben und für den Staatspreis Architektur und Nachhaltigkeit nominiert wurden, ehrt uns besonders. Gemeinsam mit dem durchweg positiven Feedback der Nutzer*innen sehen wir darin eine Bestätigung für die Qualität unserer Arbeit und glauben sagen zu können, dass sich das Bildungszentrum damit in eine Reihe von Projekten stellt, bei denen wir die Charakteristika des Ortes und der Menschen richtig gelesen, verstanden und in Architektur übersetzt haben. 

Klassenzimmer (Foto: Gustav Willeit)
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?


Nein. Nachhaltigkeit als Tendenz klingt zugegeben etwas abgedroschen. Eine gute Dämmung oder hervorragende Werte bei der Energieeffizienz gehören ja längst zum Standard. Hinsichtlich der Kennwerte hat es das Projekt auch unter die Top 3 aller kommunalen Bauten in Vorarlberg geschafft. Wir sprechen lieber über die soziale Nachhaltigkeit, sie ist spannender, komplexer. Wir konzipieren jedes Projekt mit dem Anspruch, dass dem fertigen Gebäude eine Kraft innewohnt, die uns das Gefühl gibt, es erhalten zu wollen, weil wir es wertschätzen und es uns emotional berührt.

Kinderbetreuung (Foto: Gustav Willeit)
Welches Produkt oder Material hat zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?


Materialien, die leben und altern können – sie tragen zum Erfolg bei. Es geht uns dabei um rohe Materialien, gewonnen vor Ort, handwerklich verarbeitet – sie lösen Emotionen aus und wecken in uns ein Gefühl der Vertrautheit. Sie sind identitätsstiftend.

In Frastanz haben wir beispielsweise die gesamten Böden in sägerauer Tanne ausgeführt; genauso wird mit dem handverriebenen und ausgewaschenen Kalkputz eine berührende Stimmung des »Aufgefangen-Werdens« vermittelt. Diese Eindrücke machen etwas mit uns Menschen.

Denken wir auch an die eigens für das Bildungszentrum entworfenen Schulmöbel in Tanne oder an die handgefertigten Tische und Stühle in Ahorn. Sie vermitteln ein starkes Gefühl der Gemeinschaft und der Geselligkeit, im Grunde ganz ähnlich dem Stubentisch in einer Bauernstube. Kinder können die Wände berühren, über die Holzoberflächen streichen und auf dem Holzboden arbeiten – das ist eine ganz ungezwungene Atmosphäre.

Schwarzplan
Grundriss Erdgeschoss
Grundriss Obergeschoss
Bauwerk
Bildungszentrum Frastanz-Hofen
 
Standort
Schmittengasse 4, 6820 Frastanz
 
Nutzung
Bildungszentrum
 
Auftragsart
Sieg im nichtoffenen Realisierungswettbewerb, LPH 2–5 + 7 (LM.OA)
 
Bauherrschaft
Marktgemeinde Frastanz
 
Architektur
Pedevilla Architects, Bruneck 
Mitarbeiter: Johanna Herzog, Robert Rau, Frank Oberlerchner und Valentin Dürselen
 
Fachplaner 
Projektsteuerung: gbd ZT GmbH, Dornbirn
ÖBA: Albrecht Baumanagement GmbH, Dornbirn
Haustechnik: E-Plus GmbH, Egg
Elektroplanung: Elekttrodesign Fröhle René, Schlins
Statik: gbd ZT GmbH, Dornbirn
Bauphysik: Spektrum Bauphysik & Bauökologie GmbH, Dornbirn
Brandschutz: K&M Brandschutztechnik GmbH, Lochau
Infrastruktur: Preuß Mähr Bauingenieure GmbH, Koblach
Geotechnik: 3P Geotechnik ZT GmbH, Bregenz
BauKG: Gau Kurt, Feldkirch
Nachhaltig Bauen in der Gemeinde: Vorarlberger Gemeindehaus, Energieinstitut Vorarlberg und Spektrum Bauphysik & Bauökologie GmbH, alle Dornbirn
 
Jahr der Fertigstellung
2021
 
Gesamtkosten 
EUR 19,8 Mio.
 
Gebäudevolumen 
30250 m3
 
Energiestandard
25 kWh/m2a
 
Maßgeblich beteiligte Unternehmer 
Baumeister: Jäger Bau GmbH, Schruns
Heizung und Sanitär: Dorf-Installationstechnik GmbH, Götzis
Lüftung: Kranz luft-klima-technik GmbH, Weiler
Elektro und Blitzschutz: Elektro Decker GmbH, Weiler
Abbruch: Kessler bewegt's GmbH, Nenzing
Aufzug: Schindler Aufzüge und Fahrtreppen GmbH, Dornbirn
Gerüst: Farben Kobold GmbH, Frastanz
Verputz innen: Kratzer Verputze e.U., Röthis
Holz-Alu-Fenster: Hartmann Fensterbau GmbH, Nenzing
Brandschutztüren und -tore: Schlosserei Markus Kalb GmbH, Dornbirn
WDVS: Farben Kobold GmbH, Frastanz
Zimmermann: Dobler Holzbau GmbH, Röthis
Schwarzdecker- und Spenglerarbeiten: IAT GmbH, Röthis
Treppenlift: Weigl Aufzüge GmbH & Co. KG, Waizenkirchen
PV-Anlage: SST Solar GmbH, Nenzing
Dachdecker: Rusch Abdichten, Spengler+Dachdecker GmbH, Lauterach
Brandabschottung: Lindner Isoliertechnik & Industrieservice GmbH, München, Deutschland
Akustik-Decke: Ausbau Bohn GmbH, Feldkirch
Beschattung: Stampft Gesmbh & Co. KG, Göfis
Trockenbau: Sard Bau GmbH, Lustenau
MSR: AUTTEC Automationstechnologie für Gebäude GmbH, Lustenau
Estrich: FUBO Fußbodentechnik Ing. Mail GmbH, Salzburg
WC-Trennwände: Sana Trennwandbau GmbH, Luhe-Wildenau
Fliesen: Gort Rudolf GmbH, Frastanz
Holzverkleidungen/Einbaumöbel: Lenz Nenning GesmbH, Dornbirn
Schlosser: Böhler Technik GmbH, Feldkirch
Aufwärmküche: Pretterhofer Gastronomie- und Kältetechnik GmbH, Feldkirch
Parkett: René Bechtold GmbH, Weiler
Innentüren: Tischlerei Sterntag GmbH, Hard
Tische und Stühle: Schmidinger Möbelbau GmbH, Schwarzenberg
Pflasterarbeiten: Alex Gartenbau, Koblach
 
Auszeichnung
Nominierung für den Österreichischen Staatspreis Architektur und Nachhaltigkeit 2021 und für den Piranesi Award 2021
 
Fotos
Gustav Willeit, Corvara und Zürich

Armin und Alexander Pedevilla im Interview über ihre architektonische Haltung

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