Historisches Museum Frankfurt am Main

Ausstellungs-Speicher

Katinka Corts
2. August 2017
Museumsplatz mit Periskop

Für das Historische Museum in Frankfurt am Main haben Lederer Ragnarsdóttir Oei eine Erweiterung geplant. Arno Lederer beantwortet unsere Fragen zum Ersatzneubau.

Projekt: Historisches Museum Frankfurt am Main | Architektur: Lederer Ragnarsdóttir Oei, Stuttgart | Bauherrschaft: Stadt Frankfurt am Main, Dezernat VII-Kultur und Wissenschaft, Kulturamt, vertreten durch das Hochbauamt Frankfurt am Main | vollständige Bautafel siehe unten

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?
Das Historische Museum in Frankfurt ist eines der ältesten Museen dieser Art. Die Sammlung ist sukzessiv seit dem 16. Jahrhundert entstanden und bislang in einem Ensemble von Gebäuden untergebracht, dessen ältester Bauteil, der Stauferbau, aus dem 13. Jahrhundert stammt. Der zusätzliche Neubau wurde notwendig, da der bislang jüngste Bauabschnitt aus den 1970er-Jahren aus technischen und baurechtlichen Gründen abgebrochen werden musste. Im Wettbewerb wurde nach einer Lösung gefragt, wie zum einen eine städtebaulich verträgliche Lösung gefunden werden und zum anderen die große Programmfläche im Einklang mit den Altbauten funktionstüchtig organisiert werden kann.

Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?
Zur Zeit des Wettbewerbs gab es eine große Diskussion über die Frage, wie die stadträumlichen Qualitäten der Stadt vor dem Krieg zurückgewonnen werden könnten. Diese sah man durch die großvolumigen Bauten, die ohne Rücksicht auf die alten Straßen- und Platzräume in der Wiederaufbauzeit errichtet wurden, unwiederbringlich zerstört. Wir wollten mit unserem Vorschlag die Qualitäten des verlorengegangenen öffentlichen Raums wiedergewinnen, ohne jedoch die alte Struktur zu rekonstruieren.

Südfassade des Neubaus mit Spoliengruppe Präsentiert werden hier figürliche Skulpturen des 17. bis 19. Jahrhunderts aus Frankfurter Gärten.

Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?
Zunächst einmal sahen wir die Lösung darin, die Baumasse in zwei Baukörper zu teilen, die zwar unterirdisch miteinander verbunden, jedoch im Stadtraum die Möglichkeit schafften, zwischen diesen beiden Neubauten einen neuen Platz zu bilden. Dieser öffnet sich zur einen Seite zu dem einzig erhaltenen und sehr schönen Fachwerkhaus auf der Westseite und dem ältesten Teil, dem Stauferbau auf der Ostseite. Über diesen Platz, den wir wie einen ersten Ausstellungsraum im Freien betrachten, gelangt man in das neue Eingangsgebäude. Unter dem Platz, mit einem zentralen periskopartigen Oberlicht ausgestattet, liegt die Verbindungsebene zum neuen Ausstellungsgebäude, wie auch der ebenerdige Zugang zum tieferliegenden Niveau des mittelalterlichen Saalbaus.

Die Fassaden der eigentliche Ausstellungshalle erfahren ihre Gliederung durch Nischen, in denen wesentliche Spolien der Sammlung im Stadtraum präsentiert werden. Das Dach ist durch einen Doppelgiebel zweigeteilt, um mit den Proportionen auf die feingliedrige Nikolaikirche zu reagieren, die in engem Abstand zum Neubau liegt. 
Die äußere Wandschale ist aus ortsüblichem Naturstein gemauert, wobei die Stoßfugen nicht verfugt sind, die horizontalen Fugen jedoch vertieft liegen. Die Fassade des Eingangsgebäudes wurde durch unterschiedliche Bearbeitung der Steine ornamental behandelt. Es handelt sich um typische Frankfurter Muster. Platz und Straßenraum auf der Westseite sind durch eine große Treppenanlage verbunden, die ebenso als Verweilort genutzt werden kann.

Großer Ausstellungsraum im zweiten Obergeschoss
Ansicht vom Römer mit Nikolaikirche und Nordfassade des Historischen Museums

Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?
Während die städtebauliche Lösung im wesentlichen unverändert blieb, haben die Fassaden, wie auch die Erschließungsthematik erst allmählich ihre endgültige Lage und Form gefunden. So dachten wir zu Beginn daran, die Fassade aus Altziegel zu errichten, wie wir das beim Kunstmuseum in Ravensburg bereits erprobt hatten. Auch war der Ausstellungsbau mal etwas kürzer, mal länger. Grundsätzlich kann man sagen, dass die Präzision, mit der die Architektur entwickelt werden konnte, nach unserer Vorstellung immer einen Näherungsprozess darstellt. Mit der direkten Umsetzung eines Gebäudes aufgrund eines gewonnenen Wettbewerbs ohne weitere Bearbeitungsstufen – ein Umstand, der zunehmend durch moderne Planungsinstrumente auf uns zukommt – kann nach unserer Auffassung keine hervorragende Gestaltqualität erreicht werden.

Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?
Konstruktive Schwierigkeiten waren vor allem im Untergrund zu bewältigen, da durch die Nähe zum Main mit Hochwasser gerechnet werden muss. Zwischenzeitlich war der Bauablauf gestört, da eine historische Kaimauer gefunden wurde, die nun im Innenhof zwischen dem Eingangsgebäude und den Altbauten einen eigenen Ausstellungsbereich unter freiem Himmel darstellt. Die energetischen Anforderungen entsprechen den ohnehin sehr strengen Vorgaben der Stadt Frankfurt.

Die mit der Ausstellungsgestaltung beauftragten Büros haben weitgehend unabhängig ihre Konzepte entwickelt. Sie sind auch erst zu einem Zeitpunkt engagiert worden, als sich unser Entwurf in einem fortgeschrittenen Stadium befand. Gerne hätten wir selbst die Gestaltung der Ausstellung übernommen, oder, wie an vergleichbaren Projekten, als gemeinsames Team von Museumsgestaltern und Architekten eine Lösung erarbeitet.

Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?
Außen Naturstein, Dachschiefer und Kupfer, Innen in den öffentlichen Bereichen Holzbauteile in Eichenholz, sowie die Böden aus dem Pflasterbelag des Platzes, aus Gussasphalt-Estrich und in den Ausstellungsbereichen Parkett.

Lageplan
Grundriss Erdgeschoss
Schnitt Nord-Süd
Projekt
Historisches Museum Frankfurt am Main
Saalhof 1
60311 Frankfurt am Main

Auftragsart
Wettbewerb 01/2008 – 1. Preis

Bauherrschaft
Stadt Frankfurt am Main, Dezernat VII-Kultur und Wissenschaft, Kulturamt, vertreten durch das Hochbauamt Frankfurt am Main
Projektleitung: Harald Heußer, Jörg Winkler, Elisabeth Heiner​

Architektur
Lederer Ragnarsdóttir Oei, Stuttgart
Arno Lederer, Jórunn Ragnarsdóttir, Marc Oei, Katja Pütter
Projektleiter: Daniel Steinhübl
beteiligte MitarbeiterInnen: Urban Kreuz, David Fornol, Eva Caspar, Hannah Thibault, Hamze Jalloul, Anna Schönhoff, Stefanie Günter, Marc Kager

Fachplaner
Trangwerk: Lenz Weber Ingenieure GmbH, Frankfurt am Main
Prüfstatik: Werner Sobek Frankfurt GmbH & Co. KG, Frankfurt
Bauphysik: Bobran Ingenieure Akustik + Bauphysik, Stuttgart
Brandschutz: Beiersdorf Herzhauser Planung, Frankfurt
Geotechnik: ISK Ingenieursgesellschaft mbH, Rodgau
ELT: Steinigeweg Planungs GmbH & Co KG, Darmstadt
HLS: ZWP Ingenieur AG, Wiesbaden
Aufzugplanung: Beiersdorf Herzhauser Planung, Frankfurt
Bestandsumbau: Diezinger & Kramer, Diezinger Architekten GmbH

Bauleitung
Architekturbüro Wenzel + Wenzel, Frankfurt
(im Auftrag von Lederer Ragnarsdóttir Oei, Stuttgart)

Ausführende Firmen
Gerüstbau: Wemo-Tec GmbH, Eichenzell
Baugrube: Bauer Spezialtiefbau GmbH, Essen
Rohbau: Züblin AG, Frankfurt am Main
Natursteinfassade: Bamberger Natursteinwerk H. Graser GmbH, Bamberg
Natursteinboden: Hans Kern Naturstein GmbH, Kirchheim
Dachdeckung: Lobensteiner Dachdecker eG, Bad Lobstein
Dachverglasung
: GFG Glasdachbau Fischer GmbH, Heilbronn
Dachabdichtung: Löw AG, Homburg v. d. Höhe
Viewpointverkleidung: Tombak Bamberger Natursteinwerk H. Graser GmbH, Bamberg
Putz-/Stuckarbeiten: Edil Color GmbH, Gau-Algesheim
WDVS/Außenputz: Fritz Wiedemann & Sohn GmbH, Wiedenbaden
Akustikdecke: Lutz GmbH, Ettlingen
Fliesen-/Plattenarbeiten: Fliesen Amrhein GmbH, Frammersbach
Holzfenster/-türen: Ost Bau und Möbel Schreinerei GmbH, Gündau
Estricharbeiten: N.A. Estricharbeiten, Frankfurt am Main
Hohlraumboden: HG Fußbodensysteme GmbH, Heinrichsthal
Pfosten-Riegel Fassade: Ingo Barczewski GmbH, Breitenbach
Sonnenschutz:  Manfred Wilhelm, Floh-Seligenthal
Tapetentüren: Jens Dunkel Glas- und Bauelemente GmbH, Biederitz
Innenausbauarbeiten, Wandverkl.: Ries Akustik Innenausbau GmbH, Alerheim
Holzinnentüren: Isserstedt GmbH, Hagen
Innenausbauarbeiten, Einbaum: Stil & Form, Pockau-Lengefeld
Parkettarbeiten: KUBO GmbH, Gotha
Stahlinnentüren: Jens Dunkel Glas- und Bauelemente GmbH, Biederitz
Mobiler Hochwasserschutz: Blobel Umwelttechnik GmbH, Gersthofen
Flutschutztüren: Buchele GmbH, Ebersbach
Schlossearbeiten: AM Stahl und Metallbau GmbH, Mannheim
Schlossearbeiten: Vorndran Metallbau GmbH & Co.KG, Kleinwenkheim
Malerarbeiten: Helmut Lindt GmbH, Frankfurt am Main
Malerarbeiten: Heinrich Schmid GmbH & Co.KG, Hanau
Linoleumarbeiten: Fußboden Sauer GmbH, Weilburg
Gussasphaltestrich: Schiefner & Schreiber Asphaltbau GmbH & Co.KG, Hanau
Trockenbau: EDO Gesellschaft für Trockenbau GmbH, Maintal
Akustiksegel Ausstellung: Lehmann Ausbau GmbH, Offenbach
Außenanlagen: F. Koc Garten-und Landschaftsbau, Bischofsheim
Elektroanlagen: EAB Elektroanlagenbau GmbH Rhein/Main, Dietzenbach
Abbruch: CDM Consult GmbH, Alsbach
Leitungsverlegung: Grontmij | BGS, Frankfurt am Main

Bruttogeschossfläche
10.165 m²

Gesamtkosten
54.300.000. €

Fertigstellung
2017

Fotos
Roland Halbe
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