Das Dorfzentrum als Gemeinschaftswerk

Nussmüller Architekten
6. Mai 2022
Foto: Simon Oberhofer

In einem Beteiligungsprozess haben Nussmüller Architekten den Ortskern von Stanz neugestaltet. Ihre Anlage, die unter anderem Wohnungen und einen Nahversorger umfasst, steigert die Lebensqualität der Menschen vor Ort.

 

Herr Nussmüller, worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe? 

Das Projekt unterscheidet sich von anderen durch den speziellen Planungsprozess. Begonnen hat alles im Jahr 2016 mit dem Beteiligungsprojekt »Agenda 21 – Stanz gemeinsam gestalten«. Mit 80 Aktivbürger*innen wurde in der neu eingerichteten »Dorfwerkstätte« eine Vielzahl von Ideen für Stanz geschmiedet. Diese wurden dann in kurz-, mittel- und langfristige Vorhaben unterteilt. Begleitet durch die Landentwicklung Steiermark und Soziologen der Agentur SCAN wurden rasch kurzfristig umsetzbare Projekte angegangen und auch abgeschlossen. Im Laufe des partizipativen Prozesses kristallisierte sich der dringende Wunsch der Bevölkerung nach einer umfassenden Sanierung des Ortskerns heraus.

Aufgrund einer Analyse der vorhandenen Häuser und ihrer Bausubstanz durch unser Büro wurde aus den Wünschen der Arbeitsgruppen ein umfassendes Konzept für ein multifunktionales Bauprojekt entwickelt, das folgende Forderungen der Einwohner*innen von Stanz erfüllt:

  1. Wiederherstellen eines Nahversorgers
  2. Schaffung eines Hauptplatzes, einer Begegnungszone
  3. Wohnraum im Zentrum inklusive betreubares Wohnen
  4. Einrichtung eines Kultur- und Veranstaltungsraums
  5. Sanierung des Verwaltungsbaus der Gemeinde und der umliegenden Gebäude

 

Foto: Simon Oberhofer
Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?


Unterschiedlichste Anforderungen, die komplexe Topografie und der baufällige Altbestand erforderten eine Mischung aus Sanierung, Abbruch und Neubau. Durch die Trennung des Haupthauses und des »Sewerahauses« am Platz wurde ein wichtiger erster Schritt getan. Die Platzsituation hat sich dadurch stark verändert. Das Ensemble hat durch die entstandene Fußgängerzone einen urbanen Charakter erhalten. 

Wo früher ein ADEG-Markt war, der über Jahre leer stand, ist nun ein neuer Nahversorger. Auf dessen Flachdach liegen zwei Baukörper mit Satteldach. In diesen finden 16 Wohnungen Platz. 

Der dritte neue Baukörper ist der Gemeinde zugeordnet. Der Hauptplatz mit den Geschäftslokalen, das Gemeindeamt mit dem neuen Saal und sämtliche neuen Wohnungen sind über eine zentrale Erschließung mit Liftanlage barrierefrei verbunden. Den Wohnungen sind Freibereiche in Form eines gemeinsamen Innenhofs (auf dem Dach des Nahversorgers) angeschlossen. Diese Hoftypologie ermöglicht zugleich einen attraktiven Ausblick für die nördlich angrenzende Wohnbebauung, die Ost-West-Orientierung der Wohnungen und eine durchgesteckte Grundrisstypologie. Die Neubauten über dem Sockelgeschoss wurden in konstruktivem Holzbau errichtet.

 

Foto: Simon Oberhofer
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen den Entwurf beeinflusst?


Das neue Gebäude im Ortszentrum von Stanz ist das Ergebnis eines von mehreren partizipativen Entwicklungsprozessen der Gemeinde und ihrer engagierten Bürger*innen. Durch das frühzeitige Hinzuziehen von uns Architekten im Entwicklungsprozess konnte in enger Zusammenarbeit eine auf die Bedürfnisse der Gemeinde zugeschnittene Studie entwickelt werden. Sie bildete schließlich die Ausgangsbasis für den Entwurf.

 

Foto: Simon Oberhofer
Wie gliedert sich das Gebäude in die Reihe der bestehenden Bauten Ihres Büros ein?


Seit jeher verwenden wir gerne Holz in unseren Bauten und sind stets offen für das Erforschen und Kennenlernen neuer Methoden und Technologien. Auch das Konzept der partizipativen Projektentwicklung hat mittlerweile Tradition in unserem Büro.

 

Grundriss auf Platzniveau
Grundriss Erdgeschoss
Schnitt
Bauwerk
Ortszentrum Stanz
 
Standort
Stanz 46, 8653 Stanz im Mürztal
 
Nutzung
8 betreubare Wohneinheiten, 8 Starterwohnungen, Nahversorger, Gemeindeamt mit Gemeinderatssaal, Friseur, Bankstelle und 2 Wohnungen
 
Auftragsart
Direktauftrag
 
Bauherrschaft
Gemeinde Stanz im Mürztal, Wohnbaugruppe Ennstal
 
Architektur
Nussmüller Architekten ZT GmbH, Graz
 
Fachplaner 
Statik: Ingenieurbüro DI Peter Rath, Hausmannstätten
Bauphysik: rosenfelder & höfler consulting, Graz
HKLS: TBH Ingenieur GmbH, Graz
Gebäudesystemtechnik: IB Stengg GmbH, Knittelfeld
 
Jahr der Fertigstellung
2020
 
Auszeichnung
Steirischer Holzbaupreis 2021
Nominierung Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit 2021 
Beispielhafter Wohnbau 2021
 
Fotos
Simon Oberhofer

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