Die Chemie stimmt: Das Chemistry Lab vereint Forschung und Lehre auf besondere Art

Franz&Sue mit Maurer & Partner
12. November 2021
Eines der neuen Bauwerke auf dem IST-Campus ist das LAB5 mit Forschungslabors für Chemie sowie einer Bibliothek nebst einer Graduate School. (Foto: Kurt Kuball)

Projektleiter Björn Haunschmid-Wakolbinger erklärt, wie das Team von Franz&Sue zusammen mit Maurer & Partner bei der Gestaltung des Bildungsbaus LAB5 in Klosterneuburg auf die Topografie des Grundstücks eingegangen ist.

Herr Haunschmid-Wakolbinger, worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?


Das Hanggrundstück war schwierig zu bespielen, und die unterschiedlichen Funktionen, die das Gebäude erfüllen sollten, waren eine Herausforderung. Bereits im Wettbewerb haben wir uns daher überlegt, den Übergang von den Räumlichkeiten für die Forschung zu jenen der Lehre funktional und selbstverständlich zu gestalten. Die Gliederung sollte einfach zu verstehen sein. Unser Credo: Je komplexer die Aufgabe, desto simpler muss die Lösung sein. 

Das Gelände des benachbarten Cafés, die terrassierte Bibliothek und das neue Chemiegebäude wachsen zu einem großen Ganzen zusammen. (Foto: Kurt Kuball)
Welche Inspiration liegt diesem Projekt zugrunde?


Wenn man sich mit dem Grundstück und der Aufgabe gründlich auseinandersetzt, kommt die Inspiration ganz von allein. In diesem Fall war uns klar, dass wir die hochtechnologischen Laborräume in einem sehr funktionalen Gebäudeteil übereinander stapeln müssen, um möglichst effizient zu sein. Ein in den Hang gestaffeltes Terrassengebäude sollte die kommunikativen Funktionen der Gradschool und Bibliothek übernehmen. Gestalterisch zusammengebunden und -gehalten werden Forschungs- und Lehrbereich durch die Betonbänder, die um das gesamte Gebäude führen. Der großzügige Vorplatz komplementiert das Ensemble mit einer einladenden Geste und bietet einen hochwertigen Aufenthaltsbereich im Freien.

Die Bibliothek bietet eine freundliche und großzügige Lern- und Leselandschaft. (Foto: Kurt Kuball)
Sämtliche Labors sind auf drei Geschossen übereinander angeordnet und flexibel nutzbar. (Foto: Kurt Kuball)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen den Entwurf beeinflusst?


Wir haben auf Wunsch des Auftraggebers zusätzliche Laborflächen geschaffen und außerdem einige Laboreinheiten individuell für die zukünftigen Forschungseinheiten geplant und errichtet.

Gab es bedeutende Projektänderungen vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk?


Die Grundzüge, die Gestaltung und die Funktionen des Wettbewerbsbeitrages sind unberührt geblieben. Aufgrund von behördlichen Auflagen und Nutzerwünschen kam es aber doch zu einigen Veränderungen. Aus statischer Sicht war es wirtschaftlicher, das Bauwerk in den bestehenden Hang abzutreppen, wodurch wir Technikflächen verlegen mussten. Den Labortrakt haben wir noch konsequenter strukturiert, den Erschließungskern und ersten Fluchtweg noch mehr ins Zentrum des Labortrakts gerückt und mit weiteren Funktionen ergänzt. Dem Nutzer war es beispielsweise ein großes Anliegen, den Mitarbeitenden in jedem Geschoss Loungebereiche anzubieten – nach einem gemeinsamen Brainstorming haben wir diese Zonen für Pausen und Austausch gestaltet.

Die Bibliothek und die Graduate School erstrecken sich über drei Geschosse, die von Galerien, vielfältigen Sichtbezügen und großen Fensterbändern geprägt werden. (Foto: Kurt Kuball)
Welches Produkt oder Material hat zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?


Ein sehr wichtiger Bestandteil des Projekts sind die durchgefärbten Betonfertigteile. Diese und auch die Brüstungselemente sowie die Fassadenplatten wurden in einem niederösterreichischen Werk vorfabriziert. Bevor die Fertigung starten konnte, haben wir mehrere Platten bemustert und Qualitäten festgelegt. Wir haben die Elemente schließlich in der Sichtbetonqualität SB4 ausführen lassen, ein roter Farbstoff wurde beigefügt. Abschließend hat der Hersteller die Platten im Werk sandgestrahlt, um ein homogenes Bild zu erzeugen. Die acht Zentimeter dicken Fassadenplatten und 24 Zentimeter dicken Brüstungselemente wurden in unterschiedlichen Chargen produziert – unter Zeitdruck, denn es war wichtig, nicht zu lange für die Produktion zu benötigen, da die Jahreszeiten zu unterschiedlichen Farbabstufungen hätten führen können.

Das Gebäude folgt der Topografie. Die Bibliothek und die Graduate School mit der großen vorgelagerten Terrasse bilden einen attraktiven öffentlichen Raum und rahmen den Platz zu drei Seiten. (Foto: Kurt Kuball)
Situation
Grundriss Erdgeschoss
Schnitt A und B
Bauwerk
I23 LAB5 und Graduate School
 
Standort
Am Campus 1, 3400 Klosterneuburg
 
Nutzung
Bau für Forschung und Lehre
 
Auftragsart
EU-weit offenes Verhandlungsverfahren
Generalplanung in ARGE mit Maurer & Partner, Wien
 
Bauherrschaft
Amt der NÖ Landesregierung, Abteilung Wissenschaft und Forschung
 
Architektur
Franz&Sue, Wien
Björn Haunschmid-Wakolbinger (Projektleitung), David Schiefer, Bernd Stuffer, David Huber, Philipp Wenzl, Joshua Meighörner, Anastasija Ilic, Anderas Miguel Mayer und Ajdin Vukovic 
 
Maurer & Partner, Wien
Ernst Maurer, Christoph Maurer, Thomas Jedinger, Stefan Töplitzer (PL), Georg Siegel, Barbara Tanzer, Thomas Skibar
 
Fachplaner
Statik: Woschitz Engineering ZT GmbH, Wien
Bauphysik: RWT Plus ZT GmbH, Wien
Gebäudetechnik: InPlan Ingenieure GmbH, Wien
Landschaftsplanung: EGKK Landschaftsarchitektur, Wien
Brandschutzplanung: FSE Ruhrhofer & Schweitzer GmbH, Statzendorf
Medizintechnik: VAMED Standortentwicklung und Engineering GmbH, Linz
 
Bauleitung
iC consulenten ZT GmbH, Wien
 
Jahr der Fertigstellung
2021 
 
Gesamtkosten
EUR 50 Mio. 
 
Gebäudevolumen
40686 m3
 
Fotos
Kurt Kuball

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