Discordo Ergo Sum

StudioVlayStreeruwitz
12. Juni 2020
Renate Bertlmann, »Discordo Ergo Sum«, 2019 (Installationsansicht: Österreichischer Pavillon, Kunstbiennale 2019 © Renate Bertlmann, Foto: Sophie Thun)

StudioVlayStreeruwitz hat die Ausstellungsarchitektur für Österreichs Beitrag zur 58. Kunstbiennale von Venedig entwickelt. Lina Streeruwitz und Bernd Vlay erklären uns, wie sie einen geeigneten Rahmen für die Arbeiten von Renate Bertlmann geschaffen haben, mit der erstmals eine Frau als Einzelposition Österreich bei der Schau vertreten hat.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?


Der Österreichische Pavillon ist mit seiner starken Symmetrie und dem subtil-hierarchischen Aufbau der Innen- und Außenräume – etwa in der Abstufung der Niveaus – sehr bestimmend als Raum. Gleichzeitig behauptet er eine gewisse Leichtigkeit. Diese Spannung wollten wir – im wahrsten Sinne des Wortes – herausschälen. Unser Ziel war es, dass die räumliche Intervention sich von der Architektur des Pavillons absetzt und diesen in Besitz nimmt, aber ohne ihn zu dominieren. Der Raum im Raum sollte in diesem Sinne auch eine neue Lesart des Pavillons ermöglichen. Das war natürlich in der Materialisierung bis ins letzte Detail eine Herausforderung, nicht zuletzt was die strengen Auflagen der Biennale und des Denkmalschutzes angeht. Die zentrale Motivation, unseren Eingriff als spezielle Form der Raumbesetzung zu inszenieren, war die eigentliche Entwurfsaufgabe – einen geeigneten Rahmen für die Arbeiten Renate Bertlmanns zu schaffen. Mit ihr vertrat erstmals eine Frau als Einzelposition Österreich bei der Biennale, was die Frage des Inbesitznehmens für uns über das Räumliche hinaus natürlich auch politisch aufgeladen hat.

Renate Bertlmann, »Discordo Ergo Sum«, 2019 (Installationsansicht: Österreichischer Pavillon, Kunstbiennale 2019 © Renate Bertlmann, Foto: Sophie Thun)
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?


Besonders beschäftigt hat uns, wie die Inbesitznahme des Pavillons gleichzeitig ein Erfahrbarmachen seiner latenten Qualitäten werden kann. Dabei waren wir auf der Suche nach einer Leichtigkeit, die wir aus dem räumlichen Aufbau des Bestands gewissermaßen herausarbeiten wollten. So kam die Idee einer »Schachtel« auf, die wie aus Papier gefaltet den Pavillon füllt und einen Raum im Raum bildet.

Dennoch sollte der Pavillon nicht verstellt werden, denn gerade im Dialog mit der Massivität und Schwere des Bestands kann die Schachtel ihre Leichtigkeit entfalten. Dadurch werden die Kontinuität des Raumflusses und der starke Bezug zum Außenraum – wie in der Architektur von Josef Hoffmann angelegt – auf neue Weise erfahrbar. Betont werden die Möglichkeiten des Raumes durch eine neu eingezogene durchgehende Ebene in Pavillon und Innenhof. Dadurch werden die im Niveau differenzierten Räume alle auf dieselbe Ebene gehoben und die vorgegebene Hierarchie und Abstufung wird aufgelöst. Diese Bodenfläche klappt sich im nächsten Schritt wie bei einer gefalteten Schachtel in die Vertikale, jedoch mit ganz bewussten Unterbrechungen, die Hoffmans Bau dahinter auftauchen lassen. Die vertikalen Flächen bilden nun unterschiedlich große Displayelemente für die Arbeiten der Künstlerin, die sich wie eine zweite Schale, ein subversives Echo vor die Wände des Pavillons stellen.

Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?


Beatriz Colomina erwähnte in ihrer Biennale Lecture im November 2018, dass der Begriff Pavillon von »papilon«, also von Schmetterling, kommt. Sie leitet daraus auch die Leichtigkeit als wesentliche Qualität jedes Pavillons ab. Wir sehen den Pavillon in diesem Zusammenhang als Zwitterwesen: Er changiert zwischen klassizistischer Schwere und moderner Leichtigkeit. Unsere räumliche Intervention greift letztere auf und führt sie aus der Schwere heraus – quasi ein Überzeichnen der Leichtigkeit, das den Pavillon selbst sanft in den Hintergrund drängt. Durch die Entfernung der Glaspaneele in Richtung Hof bekommt der Bau gleichzeitig etwas Ruinenhaftes. Er erfährt eine Umdeutung und wird ein anderer, was uns von vielen Besucher*innen bestätigt wurde.

Renate Bertlmann, »Discordo Ergo Sum«, 2019 (Installationsansicht: Österreichischer Pavillon, Kunstbiennale 2019 © Renate Bertlmann Foto: Sophie Thun)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen den Entwurf beeinflusst?


Der Raum entstand in intensiver Zusammenarbeit mit Renate Bertlmann, Felicitas Thun-Hohenstein und ihrem Team. Wir haben anhand eines Modells im Maßstab 1:20 verschiedene Varianten ausprobiert und über ihre konzeptuelle Schlüssigkeit genauso diskutiert wie über die räumlichen Qualitäten. Im Gegenzug waren wir auch in die Frage einbezogen, wie man die Arbeiten selbst in diesem Raum adäquat positionieren kann. Es lässt sich kaum sagen, was zuerst kam – Auswahl der Inhalte, Art des Displays oder die Form des Raums. All das hat sich parallel und in engem Austausch miteinander entwickelt.

Gab es bedeutende Projektänderungen vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk?


Die Gestaltung des Pavillons als »Bühne« für die Arbeiten einer Künstlerin im Rahmen einer Kunstbiennale ist eine sehr spezielle Bauaufgabe. Wir haben uns – gemeinsam mit dem gesamten Team – für einen iterativen Entwurfsprozess entschieden, der von vornherein auf einem intensiven Dialog zwischen Display, Auswahl der auszustellenden Arbeiten, Denkmalschutz und Raumentwurf basierte. Der sogenannte »erste Entwurf« war daher das räumliche Konzept der ganz speziellen Inbesitznahme, das schrittweise präzisiert und in die Materialisierung geführt wurde – eine Raumfigur, die sich in den Pavillon einschreibt, ohne ihn zu berühren; ein Raum im Raum, der sich zugleich an die Architektur anlehnt und von ihr abhebt. Im Prozess der Materialisierung standen wir daher vor der Herausforderung, eine Leerstelle zwischen Bestand und neuer Raumschicht herzustellen, was auch das Setzen von »anderen« Grenzen und punktuellen Eingriffen in den physischen Körper des Pavillons notwendig machte. Dabei waren klarer Weise auch die Anforderungen der Nutzungssicherheit und des mittlerweile äußerst strengen Denkmalschutzes zu berücksichtigen. Das hat einer sehr genauen Entwicklung von Details bedurft, die letztlich kaum sichtbar sind, aber gerade darum die Idee unterstreichen. Durch den iterativen Konkretisierungsprozess kann man also weniger von Projektänderungen gegenüber einem fertigen Entwurf sprechen, sondern eher von einem Entwicklungsprozess, der das Konzept schrittweise in die Machbarkeit führt und dabei eine Reihe von Hürden überwinden muss.

Renate Bertlmann, »Discordo Ergo Sum«, 2019 (Installationsansicht: Österreichischer Pavillon, Kunstbiennale 2019 © Renate Bertlmann, Foto: Sophie Thun)
Wie gliedert sich das Gebäude in die Reihe der bestehenden Bauten des Büros ein?


In den letzten Jahren haben wir uns hauptsächlich mit Städtebau, großvolumigen Projekten und Wohnbau auseinandergesetzt. Die Planungs- und Umsetzungsprozesse derartiger Projekte sind nicht nur langwierig, sondern auch einer Vielzahl von Einflussfaktoren ausgeliefert, welche den Entwicklungsprozess oft kompliziert und umständlich machen. So gesehen war es ein großes Vergnügen, an der ganz unmittelbaren Entwicklung des Raums mitzuwirken; und zwar in einem sehr direkten und persönlichen Dialog mit Renate Bertlmann, Felicitas Thun-Hohenstein und dem gesamten Team. Da wir in der Vergangenheit an verschiedenen Ausstellungsgestaltungen und -beiträgen an der Schnittstelle von Kunst und Architektur mitgearbeitet haben und dieser Austausch von Anfang an unsere Entwurfsarbeit stark geprägt hat, war es für uns auch gewissermaßen eine Rückkehr, die wir als sehr erfrischend empfanden. Letztlich denken wir, dass unsere Herangehensweise bei allen Projekten, egal in welchem Maßstab und in welcher Programmierung, eine sehr ähnliche ist: Wir suchen nach Ideen, die ungeahnte Möglichkeiten offenlegen und neue Verbindungen herstellen. Wir denken, dass sich diese Suche auch in unserer Arbeit für den österreichischen Pavillon sehr gut ablesen lässt.

Raum in Raum: Die Fläche des Bodens klappt sich wie bei einer gefalteten Schachtel in die Vertikale. 
Ein durchgehender Boden legt sich in den Pavillon und den Innenhof. Er setzt alles auf ein Niveau und hebt alle Räume auf dieselbe Ebene.
312 aus Murano-Glas gefertigte Messer-Rosen sind im Garten des Pavillons präzise im Raster installiert.
Name des Bauwerks
»Discordo Ergo Sum«
 
Standort
Giardini della Biennale, Sestiere Castello, 30122 Venedig, Italien
 
Nutzung
Ausstellungsarchitektur für Österreichs Beitrag von Renate Bertlmann zur Kunstbiennale 2019
 
Auftragsart
Direktauftrag
 
Bauherrschaft
Bundeskanzleramt Österreich, Kuratorin Felicitas Thun-Hohenstein
 
Architektur
StudioVlayStreeruwitz ZT-GmbH, Wien
Stefanie Nolz (Projektleiterin), Monika Georgieva
 
Fachplaner 
Statik: werkraum Ingenieure, Wien

Projektleitung 
section.a, Katharina Boesch
 
Jahr der Fertigstellung
2019

Fotos
Sophie Thun

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