»Jetzt hob i a Haus in Wien«

Ein Dorf zum Bleiben

gaupenraub +/-
27. September 2019
Im sanierten Bestandsgebäude befinden sich die notwendige Infrastruktur wie Küche, Duschräume und Waschküche sowie die Büroräumlichkeiten der VinziWerke Wien. Im ausgebauten Dachgeschoss gibt es 8 Wohnplätze mit Bad. (Foto: Kurt Kuball)

Das Büro gaupenraub +/- hat mit dem »VinziDorf« eine Wohnanlage für 24 obdachlose Menschen gestaltet. Ulrike Schartner erklärt das architektonische Konzept und spricht über die vielfältigen Herausforderungen, die es bei der Umsetzung zu meistern galt.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Zentral war die Frage, wie Menschen leben wollen und können, die das »Wohnen« im Laufe vieler Jahre in Obdachlosigkeit verlernt haben. Welche Bedürfnisse gibt es und wie können diese – trotz geringer finanzieller Mittel – so befriedigt werden, dass die neuen Wohnorte nicht stigmatisieren, sondern die Bewohner und Betreuer*innen stolz machen?

Weiters war die Vielfalt der über die »normale« Architekt*innenarbeit hinausgehenden Bearbeitung von Themen wie Projektentwicklung, Auffinden eines geeigneten Bauplatzes, Bürgerinformation, Verhandeln mit Bürger*innen und kommunalen Entscheidungsträger*innen, Akquise und Betreuung von Sponsor*innen, Arbeit vor Ort mit ehrenamtlichen Helfer*innen oder Organisation von Workshops mit Studierenden der TU Graz und der Zusammenarbeit mit der HTL-Mödling, deren Schüler*innen die Holzwände vorgefertigt und montiert haben, besonders.

Um dem Rückzugsbedürfnis der Bewohner zu entsprechen, wurden 16 Wohnmodule in Holzbauweise am Rand eines Obstgartens zwischen dem alten Baumbestand platziert. (Foto: Kurt Kuball)
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?

Vorbild ist das von Pfarrer Pucher initiierte VinziDorf Graz, ein Containerdorf für schwerst alkoholkranke Männer, das heuer seinen 25. Geburtstag feierte. Der sozialarbeiterische Ansatz ist, das Suchtverhalten der Bewohner nicht von außen verändern zu wollen, sondern jeden einzelnen so anzunehmen wie er ist. Dieses Prinzip wurde auch in Wien übernommen.

Ehrenamtliche Helfer*innen und Sozialarbeiter*innen kümmern sich rund um die Uhr um die 24 Bewohner. (Foto: Kurt Kuball)
Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?

Zuerst musste dieser Ort gefunden werden. Im Laufe von fünf Jahren wurden vier unterschiedliche Projekte entwickelt, die leider immer am Widerstand der Nachbarschaft oder der Bezirkspolitik gescheitert sind. Der jetzige Bauplatz ist aber ein wirklicher Glücksfall: Es handelt sich um eine weitläufige grüne Oase mit altem Baumbestand und Bauwidmung, ruhig am Ende einer Sackgasse gelegen und trotzdem gut an das öffentliche Verkehrsnetz angebunden. Der Baumbestand, den wir so weit wie möglich schützen wollten, kam der baulichen Idee eines Dorfes sehr entgegen. Die Holzpavillons wurden so positioniert, dass fast alle Bäume stehen bleiben konnten. Das ehemalige Wirtschaftsgebäude aus der Jahrhundertwende wurde saniert und in ein Gasthaus umgewandelt, denn ein Gasthaus braucht jedes Dorf. Die Weitläufigkeit des Grundstückes ermöglichte auch einen »Dorfplatz« mit Linde, Lagerfeuerstelle und Naschgarten – gemeinschaftlicher Gemüseanbau ist geplant.  

Ein Großteil der Projektfinanzierung wurde durch Sach- und Arbeitsspenden sowie den Einsatz von Ehrenamtlichen und Schüler*innen der HTL-Mödling aufgebracht. (Foto: Kurt Kuball)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen den Entwurf beeinflusst?

Langzeitobdachlose Menschen sind oftmals in ihren sozialen Kontakten sehr eingeschränkt und leben gerne zurückgezogen. Viele können aufgrund ihre psychischen Struktur nicht in Schlafsälen übernachten. Sie sind auf der Suche nach einem Rückzugsort, der abgeschlossen werden kann und an dem sie keine Angst haben müssen, dass ihr spärlicher Besitz gestohlen wird oder sie wieder vertrieben werden. 

Aus diesen Gründen ist die Idee entstanden, ein Dorf zu planen. Jeder hat sein eigenes kleines Häuschen als ultimativen Rückzugsort. Gemeinsame Tätigkeiten wie Essen, Kochen oder Waschen wurden in das ehemalige Wirtschaftsgebäude verlagert. Dort kann man sich auch im erwähnten Gasthaus treffen – aber nur, wenn man Lust hat, die anderen zu sehen!

Eine Herausforderung war der konzeptionell sinnvolle Einsatz der geleisteten Materialspenden. (Foto: Kurt Kuball)
Welches Produkt oder Material hat zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?

Schon während der Planungsphase haben wir Firmen gesucht, die uns mit Sachspenden unterstützen konnten. Die Herausforderung für uns in der Planung war es, diese Spenden so einzusetzen, dass das Ergebnis eben nicht wie ein unterfinanziertes Sozialprojekt aussieht, sondern das Design-Konzept »Dorf« verstärkt wird. Die Fenster, alle verschieden, weil aus dem Showroom eines Fensterherstellers, geben jedem Modul ein anderes Aussehen. Bei den Faserzementplatten der Fassadenbekleidung handelt es sich um Restbestände, damit konnte der Wiedererkennungswert jedes Pavillons erhöht werden. Im Dorf sehen sich die Häuser ähnlich und doch sind alle verschieden – genau wie ihre Bewohner!

Jedem Dorfbewohner steht ein abschließbares Zimmer mit Nasszelle zur Verfügung. (Foto: Kurt Kuball)
Wer mehr Anschluss an das Leben im Dorf möchte, kann das Gasthaus besuchen. Dort gibt es täglich warme Mahlzeiten, frische Wäsche und ein freundliches Wort. (Foto: Kurt Kuball)
Lageplan 
Grundriss Erdgeschoss 
Grundriss Obergeschoss
Ansichten und Schnitt
Name des Bauwerks VinziDorf Wien
Ort Boërgasse 7, 1120 Wien
Nutzung niederschwelliges Wohnangebot für langzeitobdachlose Menschen
Auftragsart Direktvergabe  
Bauherrschaft Verein Vinzenzgemeinschaft Eggenberg – VinziWerke
Architektur gaupenraub +/-, Wien: Mag.a arch. Ulrike Schartner, FH Prof. Mag. arch. Alexander Hagner, DI Iris Cerny
Fachplaner Tragwerksplanung: Werkraum Ingenieure ZT GmbH | Bauphysik:  S&P energydesign e.U. | Haustechnikplanung: Lenz-Engineering Gmbh                                    
Bauleitung Dipl. Ing. Wilhelm Sedlak GesmbH, 1100 Wien
Örtliche Bauaufsicht StGr Baumanagement e.U.: Fanny Grasser
Jahr der Fertigstellung 2018
Gesamtkosten EUR 1.5 Mio. (Spenden nicht mitgerechnet) 
Gebäudevolumen 4'115 m3
Kubikmeterpreis EUR 365
Energiestandard Niedrigstenergiehaus
Maßgeblich beteiligte Unternehmer Generalunternehmer: Dipl. Ing. Wilhelm Sedlak GesmbH, Wien | Elektro: Elektro Blazek, Drosendorf | HKLS: HMI-Anlagenbau, Biedermannsdorf 
Sponsoren und Unterstützer (Sachspenden, Arbeitsspenden) Ausschreibung: Günther Schütter | HTL-Mödling: Thomas Radatz mit Schüler*innen der Abteilung Holztechnik | Saubermacher | Wienerberger | Internorm | Eternit | Grohe | Doskocil | Bodenständig GmbH | Wohngesund | Helopal | ehrenamtliche Helfer
Auszeichnung gebaut 2018 – Auszeichnung der Magistratsabteilung 19, Architektur und Stadtgestaltung der Stadt Wien
Fotos Kurt Kuball

Für die VinziWerke können Sie spenden und damit deren Arbeit für die Zukunft unterstützen.

Vorgestelltes Projekt

Atelier Deshaus

Taizhou Contemporary Art Museum

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