Ein Stadthaus als Experimentierfeld

mia2 Architektur
19. März 2021
Foto: Kurt Hörbst

Das Team von mia2 Architektur hat ein Stadthaus in Linz saniert und aufgestockt. Die Architekten traten dabei nicht nur als Gestalter auf, erzählen Sandra Gnigler und Gunar Wilhelm, sondern auch als Bauherren, Entwickler, Bauleiter und Handwerker.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?


Wir sind bei diesem Projekt nicht nur Architekten, sondern auch Bauherren gewesen. Das verschaffte uns einmalige Möglichkeiten, und das Vorhaben wurde zu einem Experimentierfeld. Wir haben versucht, eine zukunftsweisende Sanierung zu entwickeln und das Potenzial des Weiterbauens am Bestand aufzuzeigen. Zum Beispiel wurde der Lehm vom Aushub im Erdgeschoss beim Bau benutzt. Wir haben Stampflehmwände daraus hergestellt, die als Fertigelemente Teile des Firstes tragen. Mittels Holz-Beton-Verbundtechnik konnten unterdessen die mehrere hundert Jahre alten Holzdecken erhalten werden. Außerdem haben wir ein Betonfertigteil entwickelt, aus dem eine Spindeltreppe gebaut wurde, die fünf Geschosse miteinander verbindet. Auch haben wir Geländer, die bei anderen Bauvorhaben als Abfall übrig geblieben sind, benutzt. Es ist die Summe dieser Geschichten, die das Gebäude für uns zu etwas Besonderem macht.

Foto: Kurt Hörbst
Foto: Kurt Hörbst
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?


Inspiriert hat uns wie bei allen unseren Projekten die Herausforderung, das Echte zu finden. Wer sind die Nutzer? Was ist die Aufgabe? Welche Fragen stehen im Raum? Und was bergen die Substanz und der Ort?

Foto: Kurt Hörbst
Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?


Bei diesem Haus war uns wichtig, dass es sich wie selbstverständlich in seine städtische Umgebung einfügt. Es sollte auf die Außenräume rundherum – sei es nun die Straße oder der Innenhof – angemessen reagieren und so lebenswerte Räume für Nutzer, Bewohner, Nachbarn und Passanten schaffen. Denn dadurch können sich die Menschen mit ihm identifizieren. Die Baugeschichte ist von der Fassadenstruktur abzulesen. Alt und Neu zeichnen sich deutlich sichtbar ab.

Foto: Kurt Hörbst
Foto: Kurt Hörbst
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen den Entwurf beeinflusst?


Sehr, da wir bei diesem Projekt in eine Vielzahl von Rollen geschlüpft sind: Architekt, Projektentwickler, Bauherrschaft, Baustellenleitung, Handwerker …

Gab es bedeutende Projektänderungen vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk?


Während der Sanierungsarbeiten am Bestand kam es ständig zu Änderungen. Da es ein langjähriger Bauverlauf war, haben wir mit wachsendem Erfahrungsschatz im Prozess manches neu gedacht und auf neu Entdecktes und Freigelegtes reagiert. Doch dem grundsätzlichen Entwurfsgedanken sind wir bis zum Ende treu geblieben.

Foto: Kurt Hörbst
Foto: Kurt Hörbst
Welches Produkt oder Material hat zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?


Bei einer Sanierung ist stets der Umgang mit gegebenen beziehungsweise geerbten Materialen von wesentlicher Bedeutung. Diese werden je nach Notwendigkeit bereinigt und in ihren Eigenschaften und Funktionen sichtbar gemacht. So ergibt sich eine Selbstverständlichkeit, die wir auch im Neubauteil zu finden versuchten. 

Natürlich ist Holz im Sinne einer ökonomischen und ökologischen Aufstockung das Material der Wahl, aber schlussendlich ist es die Summe aller eingesetzten Materialien, die den Charakter des Hauses prägt. 

Lageplan
Grundriss Erdgeschoss
Grundriss 1. Obergeschoss
Grundriss 2. Oberschoss
Grundriss 3. Obergeschoss
Grundriss 4. Obergeschoss
Grundriss 5. Obergeschoss
Schnitt
Bauwerk
Stadthaus
 
Standort
Lederergasse 24, 4020 Linz
 
Nutzung
Büros im Erdgeschoss, Wohnungen in den oberen Geschossen
 
Auftragsart
Direktauftrag
 
Bauherrschaft
privat
 
Architektur
mia2 Architektur ZT GmbH, Linz
Sandra Gnigler und Gunar Wilhelm
 
Jahr der Fertigstellung
2020
 
Gebäudevolumen
3650 m3
 
Maßgeblich beteiligte Unternehmer 
Holzbau und Holzfassade: Simader Baumeister und Zimmermeister GmbH, Oberneukirchen
Dach: W. Stadler GmbH - Bauspenglerei, Alberndorf in der Riedmark
Fenster und Gaubenverkleidung: Elmer GmbH, Oberneukirchen
Innentüren: Tischlerei Pühringer GmbH, Freistadt
Treppe und Betonfertigteile: Josef Lehner GmbH, Amstetten
Putzfassade: Röfix AG, Geschäftsstelle Hörsching 
Elektro und HKLS: Expert Thaller, Attnang-Puchheim, und Peter Bönisch Installations GesmbH
 
Auszeichnung
Bauwerke des Jahres, eine Auszeichnung der Landesregierung Oberösterreich
 
Fotos
Kurt Hörbst

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