Eins und eins plus eins gleich eins

STUDIO LOIS
27. November 2020
Foto: David Schreyer

Über acht Jahrzehnte hinweg wurde die Schulanlage Kettenbrücke in Innsbruck weitergebaut. Das neuste Kapitel hat Barbara Poberschnigg mit ihrem Team hinzugefügt. Wie ist sie die Aufgabe angegangen?

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?


Abreißen und neu bauen oder doch besser sanieren? – diese Frage stand im Zuge der Arbeiten am Ostflügel des Schulgebäudes Kettenbrücke in Innsbruck immer wieder im Raum. Es ist in sieben Bauphasen und über einen Zeitraum von achtzig Jahren gewachsen. Es bestand kein Denkmalschutz, welcher die Abbruchfrage schnell beantwortet hätte. Deshalb galt es, die Stärken und Qualitäten der ursprünglich gebauten Substanz zu suchen und herauszuarbeiten.

Foto: David Schreyer
Foto: David Schreyer
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?


Im Innenraum fand ein ›Abschminkprozess‹ statt: Die Wände hatten im Laufe der Jahre unterschiedliche  Farbgebungen und Beschichtungen erhalten. Darunter verborgen lag eine Betonstruktur, die von gekonnter Handarbeit zeugt. Natürliche Materialien und roh belassene Betonoberflächen bilden atmosphärische, ruhige Räume. Durch das Entfernen von Wänden wurden neue Raumstrukturen geschaffen.

Unsere Entscheidung, die Qualitäten des Bestands wieder zum Vorschein zu bringen, folgte dem Gedanken, sich Herausforderungen zu stellen und einen Gebäudekomplex mit einem gesunden Ressourcenaufwand sensibel um- und weiterzubauen.

Foto: David Schreyer
Foto: David Schreyer
Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?


Die jüngsten Bauarbeiten wurden als Sanierungs-, Umbau-, und Erweiterungsmassnahmen tituliert. Genau genommen wurde aber sehr viel entfernt und reduziert. Das beginnt schon vor dem Gebäude, wo wir Mauern und Zäune entfernt haben. Der schuleigene Freiraum wurde mit dem Stadtraum zu einer kollektiv zugängliche Fläche verbunden. Das hat großes Potenzial: Zukünftig soll die benachbarte Kreuzung umgestaltet werden und ein weitläufiger, offener und urbaner Bereich entstehen.

Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen den Entwurf beeinflusst?


Alle Menschen, die mit dem Gebäude in Verbindung stehen, spielten bei der Fassadengestaltung eine maßgebliche Rolle – von den Ordensschwestern als Gründer*innen über die Direktor*innen, die Lehrer*innen und Schüler*innen bis hin zu den Hausmeistern. Als Reaktion auf den belebten öffentlichen Raum wird die Fassade als Kommunikatonsmedium genutzt: Das ›WIR‹ auf ihr ist offen für vielfältige Interpretation. Auf jeden Fall aber soll sichtbar werden, was einen besonderen Wert darstellt: die Gemeinschaft der Menschen, die mit dem Gebäude verbunden sind. Deren Namen sind auf die Fassadenplatten geschrieben und bilden gemeinsam den Schriftzug.

Foto: David Schreyer
Foto: David Schreyer
Wie gliedert sich das Gebäude in die Reihe der bestehenden Bauten des Büros ein?


Das Projekt zeigt wieder einmal, dass für jede Aufgabe, für jedes Gebäude ein Prototyp generiert wird. Das Bauen auf der grünen Wiese ist offenbar weniger unsers, vielmehr dürfen wir uns immer wieder mit besonderen Orten und Aufgaben auseinandersetzen. Wir lieben es, zuzuhören und genau hinzusehen. Wir versuchen jeder Aufgabe mit Sensibilität entgegenzutreten.

Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?


Bei der Sanierung von Bestandsbauten spielen energetische Aspekte eine große Rolle. Allerdings gilt es diese mit Augenmaß zu betrachten und eine ganzheitliche Perspektive zu bewahren. Aufwand, Ressourcenverbrauch und Nutzen müssen abgewogen werden und in einem gesunden Verhältnis zueinander stehen.

Foto: David Schreyer
Welches Produkt oder Material hat zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?


Das alte Hauptgebäude passt sich mit seiner Putz-Fassade den umliegenden Villen an. Im Süden grenzt eine Pfarrkirche mit einem Hauch von Beton-Brutalismus an. Diese Kontraste wurden am dazwischen gelegenen Gelenksbau mittels einer einheitlichen Fassade vereint. Das ›Sammelsurium‹ der verschiedenen Bauphasen, Fassaden und Höhenentwicklungen wurde in einem zeitgemäßen Fassadenkleid aus transluszenten Polycarbonatplatten zusammengefasst.

Grundriss Erdgeschoss
Grundriss 1. Obergeschoss
Grundriss 2. Obergeschoss
Grundriss 3. Obergeschoss
Grundriss 4. Obergeschoss
Schnitt
Bauwerk
Schulen Kettenbrücke
 
Standort
Falkstrasse 28, 6020 Innsbruck
 
Nutzung
Bildungseinrichtung
 
Auftragsart
direkt
 
Bauherrschaft
Schulverein der Barmherzigen Schwestern Innsbruck
 
Architektur
STUDIO LOIS Architektur, Innsbruck
 
Fachplaner 
Statik: DIBRAL, Natters
Haustechnik: A3, Innsbruck
E-Planung: DI Andreas Plattner, Rinn
Bauphysik: Fiby, Innsbruck
 
Bauleitung
LOCHNER Baumangagement
 
Jahr der Fertigstellung
2019
 
Kunst am Bau
himmel Graphik & Kommunikation, Innsbruck
 
Auszeichnung
Auszeichnung des Landes Tirol für Neues Bauen 2020
 
Fotos
David Schreyer

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