Verbandsgebäude der Nordwestdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie e.V.

Fließender Stein

8. November 2017
Von der Straße zeigt sich das Gebäude als geschlossenes Volumen (Bild: Thomas Wrede)
Dreiseitig geschlossen, nach Norden orientiert: Das Büro behet bondzio lin architekten schmückt ein Verbandsgebäude in Münster mit einer hochwertigen Fassade. Roland Bondzio berichtet uns davon, wie man mit Steinen fließende Formen schafft.
Projekt: Verbandsgebäude der Nordwestdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie e.V., Münster | Architektur: behet bondzio lin architekten, Münster/Leipzig/Taichung | Bauherr: Verband der Nordwestdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie e.V., Münster | vollständige Bautafel s.u.
Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?
Wir hatten das große Glück, mit dem Textilverband einen sehr engagierten Auftraggeber mit einem ungewöhnlich hohen gestalterischen Anspruch und Sachverstand zu haben. Das Präsidium hatte das Ziel, mit dem neuen Verbandsgebäude sowohl optimale Arbeits- und Tagungsbedingungen zu schaffen als auch ein prägnantes und optimistisches Zeichen für die gesamte Branche zu setzen. 
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?
Das Textile sollte in dem Gebäude das Leitthema darstellen. Der Bebauungsplan gab aber vorrangig roten Ziegel als Fassadenmaterial vor. Inspiriert hat uns die Beethoven Skulptur von Max Klinger (zu sehen im Leipziger Museum der Bildenden Künste), die er Anfang des 20. Jahrhunderts in einem siebzehnjährigen Prozess aus verschieden Steinen zusammengesetzt und bearbeitet hat. Klinger zeigt hier dem Betrachter in Perfektion die Anmutung eines „leichten Faltenwurf“, der offensichtlich aus Stein besteht und dennoch den Eindruck erweckt, durch einen Windhauch von Beethovens Knien gleiten zu können.
Alle Mitarbeiter können sich an dem ungehinderten Ausblick in den Landschaftsraum erfreuen. Die konsequente Nordausrichtung erlaubt es, auf Sonnenschutz zu verzichten (Bild: Thomas Wrede)
Mauern nach Zahlen: 74'000 Ziegelsteine, sieben verschiedene Steingrößen, fünf Maurer, die die von eins bis sieben nummerierten Steine nach Vorgabe gesetzt haben (Bild: behet bondzio lin architekten)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?
Bei diesem Projekt haben alle Beteiligten – das Präsidium und der Bauausschuss des Verbandes, die Mitgliedsunternehmen, die Fachplaner und Handwerksunternehmen, die Architekten – „in bester textiler Tradition“ zusammengewirkt. Die hohen technischen und gestalterischen Kompetenzen auf Bauherrenseite haben diesen Prozess mit intensiven Diskussionen und vielen guten Ideen bereichert. Die gute Gestaltung stand hierbei immer im Vordergrund.
Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?
Die Idee des dreiseitig geschlossenen Baukörpers, mit der eindeutigen Ausrichtung der Arbeitsbereiche nach Norden und Blick in den angrenzenden Grünraum, bestand von Anfang an. Um die Anmutung einer textilen Oberfläche zu erreichen, haben wir viele Varianten getestet. Am besten konnte die Entwicklung der Sondersteine das Bild transportieren. Die versetzte Anordnung und die Auskragung um bis zu sieben Zentimeter aus der Fassadenebene ergab in zahlreichen 1:1 Mock-ups schliesslich das bewegte, textile Bild, das wir uns gewünscht haben. Die Bewegtheit und das damit verbundenen Licht-Schatten-Spiel ist eine Eigenschaft des Ziegels, die schon seit seinem Aufkommen in der Architektur als Gestaltungsmittel eingesetzt wird. 
Der zentrale Transit-, Kommunikations- und Aufenthaltsraum. Die vertikale Bewegung innerhalb der Geschäftsstelle findet ausschließlich über die hinter der Wand gelegene Treppe statt. Hier begegnen sich alle Mitarbeiter des Verbandes während des Arbeitstages, hier liegen die Teeküche, die Besprechungsräume, die Pausenräume und der Ausgang auf die Terrasse. (Bild: Reimund Braun)
Zentrales gestalterisches Element im Sitzungsraum ist ein 13m x 3,5m großes Filzgeflecht (Bild: Reimund Braun)
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?
Das Gebäude ist konsequent nach Osten, Süden und Westen geschlossen. Eine Nebenraumspange bildet eine „dicke Wand“ nach Süden. Alle Büro- und Aufenthaltsräume, sowie der Veranstaltungsbereich öffnen sich nach Norden. Durch diese Entscheidung wird die Aufheizung der Innenräume durch direkte Sonneneinstrahlung verhindert. Ergänzende Sonnenschutzmaßnahmen sind nicht notwendig, der Ausblick in den angrenzenden Grünraum mit dem Wandel der Jahreszeiten ist uneingeschränkt möglich. Die Nordausrichtung in Kombination mit einer Betonkernaktivierung sichert ohne weitere aktive Kühlung einen hohen klimatischen Raumkomfort über das ganze Jahr.
Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?
Für die äußere Erscheinung des Gebäudes sind es die Wasserstrichziegel. Zum Einsatz kamen Standardsteine sowie sechs Sondersteine, die wir bereits in den frühen Planungsphasen in enger Kooperation mit der Ziegelei Deppe entwickelt haben. Hierbei haben wir sehr viel mit der Oberfläche und der Farbe der Ziegel sowie dem Verlauf und der Fugenfarbe experimentiert.
In der Innenraumgestaltung haben wir gemeinsam ein Farbkonzept entwickelt, das alle textilen Elemente umfasst. Dabei haben wir zum Beispiel die guten akustischen und klimatischen Eigenschaften von Filz ausgenutzt. Ob als großes Wandbild im Vortragssaal oder als kleinere Wand- und Tischelemente in den Mitarbeiterbereichen.  
Lageplan
Grundriss Erdgeschoss
Längsschnitt
Projekt
Verbandsgebäude der Nordwestdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie e.V.
Martin-Luther-King-Weg 10
48155 Münster

Auftragsart
Direktauftrag im Anschluss an ein konkurrierendes Verfahren

Bauherrschaft
Verband der Nordwestdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie e.V., Münster

Architektur
behet bondzio lin architekten – münster leipzig taichung
Martin Behet, Roland Bondzio, Michael Lin
PL: Stefanie Gaasch
Team: Tim Kossel, Pavla Briksova, Ines Schulte, Anika Schneider, David Chen, Sebastian Gatz

Fachplaner
Tragwerk / Bauleitung: Gantert + Wiemeler Ingenieurplanung, Münster
Technische Gebäudeausrüstung: Ingenieurbüro Nordhorn GmbH & Co. KG, Münster
Landschaftsplanung: Tamkus Landschaftsarchitektur, Dortmund

Kunst am Bau
Planung: behet bondzio lin architekten, Roland Bondzio, Stefanie Gaasch, Pavla Briksova
Ausführung: Hey-Sign GmbH, Meerbusch
Filzobjekt Erschließung – Design: Bernadette Ehmanns
Filzobjekte in Sitzungsraum, Büroräumen und Erschließung

Ausführende Firmen / Hersteller
Klinker: Deppe Backstein-Keramik GmbH
Teppiche: Vorwerk & Co. Teppichwerke GmbH & Co. KG 
Linoleum: Forbo Flooring GmbH
Rohbau- und Verblendarbeiten: Averbeck Bau GmbH & Co. KG 
Metallbau-Fassaden: Alubau Puhlmann GmbH & Co. KG 
Lichtwände/-decken, Segeldecken: Ellermann GmbH
Blend- / Sichtschutz Büros und Vorhang Sitzungsraum: DRAPILUX Schmitz-Werke GmbH + Co. KG  
Systemtrennwände: Strähle Raum-Systeme GmbH 
​Wandbild Mitarbeiterraum im 1.OG: PONGS Textil GmbH 
Paravent  Mitarbeiterraum im 1.OG: Hey-Sign GmbH 
Pendelleuchten im Foyer: YDOL GmbH & Co. KG 

Bruttogeschossfläche
2.620 m²

Gebäudevolumen
11.356 m³

Gesamtkosten
8.200.000 € brutto

Fertigstellung
2017

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