Gärtnern in Wien

synn architekten
24. Juli 2020
Gesamtansicht von Osten (Foto: Manfred Seidl)

synn architekten haben eine große Wohnanlage am Helene-Thimig-Weg in Wien gestaltet. Wie Michael Neumann erklärt, bietet »querbeet« unterschiedliche Wohnungstypen und vor allem viel Raum für gemeinschaftliche Aktivitäten der Bewohner*innen.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?


Unser Projekt »querbeet« formuliert eine vermittelnde Position zwischen den beiden vorhandenen, sehr unterschiedlichen Ansätzen zur Wohnraumschaffung in der unmittelbaren Nachbarschaft: Während auf der einen Seite im bekannten Bau von Harry Glück (1925–2016) die Gemeinschaft mit zahlreichen Angeboten gefördert und unterstützt wird, geht es bei der Zeilenbebauung im Osten darum, möglichst vielen Menschen gleichwertigen und günstigen Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Der städtebauliche Entwurf für das Baugebiet ermöglichte uns, einen Mittelweg einzuschlagen. Einerseits reagieren die abgewinkelten Baukörper mit Nord-Süd-Ausrichtung auf die Abschottung durch die angrenzende U-Bahn-Anlage und ermöglichen eine wirtschaftliche Erschließung der Häuser durch ost- beziehungsweise westorientierte Wohnungen, andererseits legen die Gelenkpunkte in den Bauteilen vor allem im Zusammenspiel mit dem Thema »urban gardening« gemeinschaftliche Nutzungen nahe.

Knotenpunkt mit Markthalle (Foto: Manfred Seidl)
Foto: Manfred Seidl
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?


Einerseits war uns die Auflösung und Gliederung des großen Bauvolumens in der Art, dass ein vielschichtiges, differenziertes Erscheinungsbild entsteht und das Thema der Freiräume (urban gardening) in den Vordergrund rückt, ein Anliegen. Andererseits war wichtig, vielfältige Wohnungstypen anzubieten – vom Loft bis zur Familienwohnung. Grundsätzlich gibt es zwei Grundrisstypen – einmal mit eingestellter Sanitärzelle und einmal »klassisch« mit einem Bad angeordnet an der Wand. Die größeren Wohnungen sind vorwiegend in den Türmen über Eck positioniert, sonst finden sich ost- beziehungsweise westorientierte Wohnungen in »NORM«- und »SMART«-Ausführung. In der Regel sind die »SMART«-Wohnungen weniger tief und erzeugen so im Erschließungsbereich räumliche Aufweitungen, die immer wieder auch in Öffnungen der Fassade münden – und so einen helle und abwechslungsreiche Erschließungszone ausbilden.

Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?


Die Einbettung zwischen den markanten Wohntürmen von Harry Glück im Westen und der sachlichen Wohnbebauung der Putzendoplersiedlung im Osten haben wir bereits erwähnt. Das städtebaulich vorgegebene Volumen des Baukörpers sah einen sehr tiefen Knotenpunkt in der Mitte des Gebäudes, sozusagen im Knick, vor. Diesen haben wir möglichst mit Lufträumen und horizontalen und vertikalen Einschnitten versehen, der Marktplatz hat sich entwickelt. Das Gebäude selbst haben wir in mehrere Teile gegliedert: die markanten Türme am Nord- und Südende, die schlanke 3-geschossige abgewinkelte Spange und jeweils ein 3-geschossiges Volumen mit bewachsenen Balkonen, die »greenbox«. Die Türme kragen jeweils in einigen Geschossen aus: der Südturm nach Süden zum gemeinschaftlichen Platz hin und der Nordturm nach Osten. So wird eine einladende Geste an die Bewohner*innen der bestehenden Wohnbauten der Putzendoplersiedlung ausgesandt. 

Detail der Fassadengestaltung (Foto: Manfred Seidl)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen den Entwurf beeinflusst?


In hohem Ausmaß durch ihren Wunsch nach Gemeinschaft: Geboten werden sollten Platz für gemeinsames Gärtnern, ein teilbarer Bewegungsraum, zwei Gemeinschaftsküchen und natürlich ein Marktplatz mit einem kleinen Verkaufspavillon, der den Knotenpunkt im Erdgeschoss darstellt. Hier befindet sich übrigens auch der Eingang zum Kindergarten. Dieser überdachte Bereich ist das Zentrum der Anlage, ein Treffpunkt und der Start für alle gemeinschaftlichen Aktivitäten und Wege durchs Haus. Er verbindet aber auch die Freiräume des Quartiers miteinander und öffnet die lange Bebauung für die Bewohner*innen.

Ansicht von Norden (Foto: Manfred Seidl)
Welches Produkt oder Material hat zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?


Die Gliederung des Baukörpers wird durch die unterschiedlichen Fassadenlösungen unterstützt. So konnten wir ein im Verhältnis zum großen Volumen aufgelockertes Erscheinungsbild erreichen. Die eingesetzten Materialien sind Metallgeflechte als Rankhilfen für die Pflanzen – die Pflanztröge stellte GreenLab in Zusammenarbeit mit arbeitslosen Jugendlichen her – und Balkone aus Sichtbeton, die stellenweise mit horizontalen Elementen verbunden sind, um die Privatheit der Balkonzone zu unterstreichen. Auch die großzügigen Flachdächer sind gestaltet, teilweise begrünt und ermöglichen das Gärtnern der Bewohner*innen.

Städtebauliches Konzept
Grundriss Erdgeschoss
Querschnitt
Name des Bauwerks
»querbeet – In der Wiesen Ost, urban gardening«
 
Standort
Helene-Thimig-Weg 9, 11, 13, 15, 1230 Wien
 
Nutzung
Wohnhausanlage mit 243 Wohneinheiten und einem 7-gruppigen Kindergarten
 
Auftragsart
Bauträgerwettbewerb für das ÖVW
 
Bauherrschaft
ÖVW Österreichisches Volkswohnungswerk Gemeinnützige GmbH
 
Architektur
synn architekten ZT-OG, Wien
Monika Kuch BSc (Projektleiterin), DI Vera Fischer, DI Daniela Stöger, DI (FH), Nicole Mange
 
Fachplaner
Carla Lo Landschaftsarchitektur, Wien
 
Bauleitung
Ingenos.Gobiet GmbH
 
Jahr der Fertigstellung
2019
 
Energiestandard
Niedrigenergie
 
Fotos
Manfred Seidl, Wien 

Andere Artikel in dieser Kategorie

Bibliothek mit Ausblick
vor einem Tag
Tradition neu interpretiert
vor einer Woche
Wiener Leuchtfeuer
vor 2 Wochen
Mut zur Lücke
vor 3 Wochen
Neue Mitte
vor 4 Wochen
Aushängeschild
vor einem Monat