Gemeinsam mehr – wenn das Zusammenrücken kein Kompromiss, sondern ein Mehrwert ist

ARSP Architekten
29. Oktober 2021
Die Form Hauses M entwickelt sich aus der Hangkante. (Foto: zooey braun Fotografie)

ARSP Architekten haben in Alberschwende ein Haus für die Familien zweier Brüder gestaltet. Frank Stasi erklärt, wie das Team dabei auf den Kontext und die Bedürfnisse der Bewohner*innen reagiert hat.

Herr Stasi, worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?


An der speziellen Fragestellung: Wie kann man ein Haus für die Familien zweier Brüder entwerfen und die unterschiedlichen Lebenskonzepte dabei unter einem gemeinsamen Dach vereinen? Und wie kann man das liebgewonnene kleine »Edelweißhaus« durch eine neue, größere Kubatur ersetzen, ohne die rechtlichen Rahmenbedingungen und das Orts- und Landschaftsbild zu verletzen?

Die zwei übereinander gestapelten Wohnwelten öffnen sich zum Grünraum. (Foto: zooey braun Fotografie)
Der zusammenhängende Grünraum sollte möglichst unbebaut bleiben. (Foto: zooey braun Fotografie)
Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?


Das steile Hanggrundstück ist vom Ortskern aus sehr präsent. Deshalb war uns wichtig, dass der Grünraum in diesem Bereich möglichst unbebaut bleibt. Um die gewünschten Wohnflächen trotzdem realisieren zu können, haben wir einen sehr schmalen und langen Baukörper entwickelt, den wir so nah wie möglich an den Fahrweg zur Hangkante gerückt haben. So schaut nur die Schmalseite zum Ort. Die nahezu geschlossene Straßenfassade haben wir von der vorgefundenen, stark befestigten Hangkante bis über das Hausdach skulptural gedacht und gestaltet. Alle Wohnräume orientieren sich zum Grünraum und das »Wohnregal« mit den zwei übereinander gestapelten Lebenswelten tritt an dieser Stelle maximal transparent in Erscheinung.

Die aus dem Baukörper entwickelte innenräumliche Qualität schafft besondere Situationen. (Foto: zooey braun Fotografie)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen den Entwurf beeinflusst?


Selbstverständlich entsteht ein perfekt abgestimmtes Haus nur im Zusammenspiel mit allen Beteiligten. Speziell beim Haus M waren die Wünsche der Geschwisterfamilien dabei sehr unterschiedlich, was sich im gesamten Entwurfsprozess widergespiegelt hat. Der vertrauensvolle Umgang mit uns als Planer*innen hat dazu geführt, dass die Wohnwelten jeweils kompromisslos und maßgeschneidert umgesetzt werden konnten. In der Familienwohnung im Erdgeschoss lag das Hauptaugenmerk darauf, die nötige Anzahl an Individualräumen mit den jeweils gewünschten Qualitäten zu planen. Das Loft im Dachgeschoss wurde dagegen als innenräumlich erlebbare Raumskulptur mit fließend ineinander übergehenden Zonen realisiert. 

Die dienenden Räume sind in einer »Spange« neben den Wohnräumen angeordnet. (Foto: zooey braun Fotografie)
Fließende Übergänge verbinden Innen- und Außenraum (Foto: zooey braun Fotografie)
Gab es bedeutende Projektänderungen vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk?


Eigentlich nicht. Es war aber so, dass wir beim Entwerfen ungewöhnlich lang gebraucht haben, um die aus unserer Sicht perfekt organisierte Lösung und die maßstäblichste Skulptur zu entwickeln. Die Version, die wir dann als Vision vorgestellt haben, wurde – bis auf kleine Änderungen während des Bauens – genauso realisiert.

Das Haus ist sehr klar organisiert. Nach Osten präsentiert es sich nahezu hermetisch geschlossen und wächst sozusagen aus dem Hang, nach Westen öffnet es sich mit großen Glasflächen zum Grünraum. Die innenräumliche Organisation folgt dieser Logik. Die dienenden Räume sind in einer »Spange« neben den Wohnräumen angeordnet, die sich an der Westseite aneinanderreihen. Dieses Konzept hat sich als sehr stringent und stark erwiesen. Es wurde deshalb nie grundsätzlich infrage gestellt.

Innenräumlich erlebbare Raumskulptur (Foto: zooey braun Fotografie)
Wie gliedert sich das Gebäude in die Reihe der bestehenden Bauten des Büros ein?


Jedes Projekt wirft eine spezielle Fragestellung auf und die Entwürfe sind dann unsere Antwort darauf. Dabei sind die Größe der Aufgabe und ihre Komplexität unwesentlich. 

Der Entwurf für das Haus M war stark von den persönlichen Bedürfnissen der Nutzer*innen und dem speziellen Ort geprägt. Mehrere methodisch unterschiedliche Entwurfsansätze haben für uns erst nicht zu einem befriedigenden Ergebnis geführt. Schlussendlich war aber der volumetrische Entwurfsansatz der richtige, den wir dann erfolgreich weiter planen und schließlich auch realisieren durften. 

Die Oberflächen und Ausführungsdetails sind von großer haptischer Qualität. (Foto: zooey braun Fotografie)
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?


Unsere Arbeit zeichnet sich dadurch aus, dass wir immer versuchen, den Tendenzen voraus zu sein. Aktuell beobachten wir, dass die Planungs- und Baubranche noch am Anfang steht, wenn es darum geht, die unter anderem durch die Klimakrise notwendig gewordenen Veränderungen zu vollziehen. Hier muss ein strukturelles Umdenken stattfinden, das nicht nur allein bei den Architekt*innen liegt. Alle Beteiligten müssen ihre vermeintlich unumstößlichen Ansprüche hinterfragen und auf ein verträgliches Maß anpassen. 

Das Haus M ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie die Menschen und Familien wieder näher zusammenrücken können, um gemeinsam einen Mehrwert zu schaffen oder um überhaupt ein essenzielles Vorhaben wie die Schaffung von Wohnraum zu realisieren.

Gelungene Verbindung von Wohnen und Arbeiten (Foto: zooey braun Fotografie)
Lageplan
Grundriss Untergeschoss
Grundriss Erdgeschoss
Grundriss Obergeschoss
Bauwerk
Haus M
 
Standort
Hof 415, 6861 Alberschwende
 
Nutzung
Zweifamilienhaus
 
Auftragsart
Direktauftrag
 
Bauherrschaft
Privat
 
Architektur
ARSP Architekten, Dornbirn
 
Jahr der Fertigstellung
2018
 
Fotos
zooey braun Fotografie, Stuttgart

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