Huchler Scheune

Improvisation im Zusammenspiel

COAST Architekten
13. Juni 2018
Bild: David Franck Photographie
Coast Architekten haben die Huchler-Scheune in Waiblingen denkmalgerecht umgebaut und saniert. Details zur Umnutzung des 300 Jahre alten Baus an der Waiblinger Stadtmauer erläutert Architekt Zlatko Antolovic.
Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?
Die 300 Jahre alte Scheune liegt direkt an der historischen Stadtmauer innerhalb der Waiblinger Altstadt. Die Stadtmauer mit dem historischen umlaufenden Wehrgang bildet dabei die nördliche Außenwand und verläuft so auch durch das Bestandsgebäude hindurch.
Der sechsgeschossige Bestand mit dem 55 Grad steilen historischen Kehlbalkendach stand aufgrund des sehr maroden Zustands über viele Jahre hinweg leer. Große Teile des Ost- und Westgiebels, Teile der Holzbalkendecken sowie des Holztragwerks waren durch die Feuchtigkeit stark beschädigt und machten eine Nutzung unmöglich. Zudem hat sich die Scheune über die Jahre hinweg um einen halben Meter in Richtung Stadtmauer geneigt.
Einem historischen Bestand dem sprichwörtlich der Zerfall droht durch ein neues Nutzungskonzept neues Leben einzuhauchen, dabei dem Denkmalschutz, Brandschutz sowie dem Anspruch an zeitgemäßem Wohnen und Arbeiten gleichermaßen gerecht zu werden. Moderne Haustechnik, Architektur und Gestaltung galt es mit dem zu vereinen, was der Bestand uns vorgab. Wir wollten Geschichte für die nächsten Generation erhalten.
Bild: David Franck Photographie
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?
Ursprünglich wurde die Scheune über das Scheunentor von der unteren Sackgasse aus erschlossen. Wichtig für die Umsetzung des neuen Gesamtkonzepts (Nutzungskonzept, Grundrissorganisation, Denkmalschutz) war dabei die neue Lage des Zugangs. Diesen legten wir in den Innenhof, die interne Erschließung führt als gerade Treppe entlang der Stadtmauer. In Verbindung mit dem Luftraum im ersten Obergeschoss haben wir so innenräumliche eine Art Fuge zur Stadtmauer ausgebildet. Die Stadtmauer mit Wehrgang erscheint so freigestellt und ist über mehrere Geschosse hinweg erlebbar. Uns war es sehr wichtig, die Stadtmauer nicht einzelnen Einheiten zuzuschlagen, sondern für alle gleichermaßen erlebbar zu lassen.
Bild: David Franck Photographie
Bild: David Franck Photographie
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?
Als neues Nutzungskonzept für das ehemalige Lager- und Wirtschaftsgebäude sahen wir die Mischnutzung von Wohnen und Arbeiten unter einem (Scheunen)-Dach vor. Während die unteren drei Geschosse als Büroflächen strukturiert sind, organisiert sich über die drei oberen Geschosse eine Privatwohnung mit ca.150 qm Wohnfläche. 
Über die schwarze Stahltreppe entlang der Stadtmauer und dem Wehrgang erschließt man die Wohnung. Das Wohngeschoss ist als offener Grundriss gestaltet und der historische Dachstuhl,
ein Kehlbalkendach mit kombiniertem liegendem und stehendem Stuhl so im „Gesamten“ erfahrbar. Ein zentrales „Treppenmöbel“ ist genau an der Stelle verortet, an der sich einst der historische Flaschenzug zu Beförderung der Ware befand. Gemeinsam mit dem bestehenden Dachtragwerk wird die offene Wohnfläche so völlig selbstverständlich in mehrere Nutzungsfelder wie Kochen, Essen, Wohnen und Arbeiten aufgeteilt. Der begehbare schwarze „Holzblock“ aus gebürstetem schwarz 
gebeiztem heimischem Fichtenholz birgt zudem Schränke, Hausbar und einen Abstellraum.
Bodentiefe Lichtbänder, Lufträume und beidseitige Dachfenster bringen ausreichend Tageslicht in den zwölf Meter tiefen Grundriss und sorgen zudem auch für natürliche Belüftung der Ebenen.
Das Kinderzimmer ist mit einer Schlafgallerie zweigeschossig gestaltet. Über die Schlafgalerie und die südseitigen Dachfenster gelangt so auch in die untere nach Norden orientierte Ebene ausreichend Sonnenlicht. Beim Durschreiten der Wohnebenen ergeben sich immer wieder interessante Ausblicke 
auf die „Rems“, ins Grüne, den historischen Beinsteiner Torturm, den Hochwachturm und weitere historische Wahrzeichen der Stauferstadt Waiblingen.
Bild: David Franck Photographie
Bild: David Franck Photographie
Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?
Bei einem Projekt wie diesem geht man mit allen Planungsbeteiligten gemeinsam einen Weg, der im Vorfeld nie zu 100% durchgeplant werden kann. So gibt es, trotz aller im Vorfeld sorgfältig getätigter umfangreicher Bestandsuntersuchungen und Planungen, während der laufenden Baustelle immer wieder neue Erkenntnisse, auf die es dann zu reagieren gibt. Das Projekt hat sich insofern vom ersten Entwurf bis zur Fertigstellung nicht verändert – der Entwurf war durch das gesamte Projekt hindurch eigentlich nie wirklich beendet sondern ständiger Teil des Prozesses. Projekte wie diese sind ein bisschen wie JAZZen, das Thema wird angeschlagen, aber die gekonnte Improvisation im Zusammenspiel macht erst die Qualität des Ergebnisses aus.
Bild: COAST
Bild: David Franck Photographie
Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?
Wie oben erwähnt, hatte sich die Scheune aufgrund der maroden Substanz über die Jahre hinweg um einen halben Meter hin zur Stadtmauer geneigt. Ein Gefälle, das beim Begehen der Ebenen sofort spürbar war. Nachdem die Statik mittels neuer Gründung, Stahlträgern und Stützen sowie der Instandsetzung des Holztragwerks wiederhergestellt war, galt es ein Produkt einzusetzen, welches dieses enorme Gefälle ausgleicht, an höchster Stelle nur minimal aufbaut, sehr wenig Eigengewicht und Feuchtigkeit einbringt und eine schnelle Trocknungszeit hat bzw. auch sehr schnell belegreif ist.
Diese Anforderungen hat eigentlich nur das Turbolight-system von Uzin Utz erfüllt. Alternativ zu üblichen Systemen wie z.B. Trockenschüttungen ist dieses noch leichter und schneller in der Verarbeitung. Es wird wie ein Estrich eingebracht, trägt an höchster Stellen nur 2 cm auf und ist nach einem Tag begehbar. Für unseren Einsatz und den Bauablauf war das absolut ideal.
Ein weiteres großes Thema bei dem Tiefen Grundriss in den Wohngeschossen war Tageslicht.
Dieses haben wir mit den verschiedenen Dachfenstersystemen der Firma Velux ins Gebäude holen können. Aufgrund der zum Teil engen Dachsparrenabstände wurden hier sogar Dachfenster auf Maß produziert. Lichtbänder sorgen so für ausreichend Tageslicht und einen schönen unverbaubaren Ausblick über der Stadtmauer ins Grüne.
Bild: David Franck Photographie
Bild: David Franck Photographie
Lageplan
Grundriss Erdgeschoss
Schnitt
Bild: COAST Architekten
Huchler Scheune
Denkmalgerechter Umbau / Sanierung / Umnutzung einer 300 Jahre alten Scheune an der Waiblingen Stadtmauer
2017

Untere Sackgasse 6
71332 Waiblingen

Nutzung
Wohnen und Arbeiten

Auftragsart
Privat

Bauherrschaft
Privat

Architektur
COAST Architekten, Stuttgart,
Zlatko Antolovic, Alexander Wendlik

Fachplaner
Statik: Ingenieurbüro Grau - Wurst.Wisotzki.GbR, Bietigheim-Bissingen
Brandschutz: Sinfiro GmbH & Co. KG, Balingen
Lichtplanung: Schilli Licht Consult, Leinfelden-Echterdingen

Ausführende Firmen
Abbrucharbeiten: Eber Gmbh, Stuttgart
Rohbauarbeiten: Egelhof Bau GmbH, Schorndorf
Gerüstbauarbeiten: Ligeba GmbH, Uhingen
Zimmerer- und Dachdeckerarbeiten: Fessmann Holzbau, Waiblingen
Blecharbeiten: Matthias Wolf, Fellbach
Heizung- und Sanitärarbeiten: TK-Haustechnik GmbH, Weinstadt
Elektroarbeiten: Elektro Finkbeiner, Weinstadt
Stahlbauarbeiten, Stahltreppen: Deihle Metallbau GmbH, Waiblingen
Fensterbauarbeiten Metall: Metallbau Bösenecker GmbH, Weinstadt
Fensterbauarbeiten Holz: Schanz Fenster, Dornhan
Putz- und Stuckarbeiten: Bernd Kranzler, Weinstadt
Maler-Trockenbauarbeiten: Toplak Trockenbau GmbH, Waiblingen | Jürgen Letters, Korb
Schreinerarbeiten: Schreinerei Lell, Heilbronn | Andreas Reizel, Waiblingen
Estrich und Parkettlegearbeiten: Fussboden Haag, Fellbach
Brandmeldeanlage: Alarm Partner, Winnenden

Hersteller
Ausgleischüttung: Uzin Utz
Dachfenster: Velux
Parkett: Bauwerk
Lichtschalter: Albrecht Jung
Freie Möbel: Vitra
Leuchten: Prolicht, Delta Light, Flos, Normann Copenhagen
Sanitärobjetke,:Duravit
Armaturen: Hansa, Keuco, Dornbracht
Oberflächen: Fenix NTM, LG HiMacs

Bruttogeschossfläche
​582,5 m²

Gesamtkosten
k.A.

Auszeichnung
Auszeichnung der Heimatvereins Waiblingen

Fotos
David Franck Photographie
COAST Architekten

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