In historischer Umgebung: Museum auf dem Grazer Schloßberg

studio WG3
13. August 2021
Der Eingang zum Graz Museum Schlossberg (Foto: Karin Lernbeiß, Lupi Spuma)

Das Team von studio WG3 durfte an einem der beliebtesten und zugleich geschichtsträchtigsten Orte der Stadt ein Museum einrichten. 

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?


Der Grazer Schloßberg ist einer der markantesten Orte der ganzen Stadt. So gut wie jeder Bewohner verbindet mit ihm Erinnerungen und hat eine dementsprechend klare Meinung dazu, wie mit ihm umzugehen ist. Und das Gleiche gilt auch für die zahlreichen Besucher, die jedes Jahr nach Graz kommen.

Zum neuen Museumsareal auf dem Schloßberg gehört unter anderem auch die Kasematte in der ehemaligen Stall- oder Kanonenbastei – der älteste und geschichtsträchtigste Bestandteil der Anlage. Die Herausforderung bestand darin, sowohl für die historische Substanz als auch das Anforderungsprofil des Graz Museums als Auftraggeber sowie die Besucher mit ihrer Erwartungshaltung eine passende architektonische Antwort zu geben, die sich der historischen Wichtigkeit des Ortes bewusst ist, ohne aber darüber die Anforderungen eines modernen Museums zu vergessen.

Vom Empfangsbereich blickt man in den Hof der Stall- oder Kanonenbastei. (Foto: Karin Lernbeiß, Lupi Spuma)
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?


Ursprünglich bildete eine Mauer im bestehenden Ensemble eine ausgeprägte Barriere. Sie trennte den Hof des heutigen Museums vom restlichen Gelände ab. Ziel des Projekts war daher unter anderem, eine wesentlich einladendere Situation zu schaffen. Unser wichtigster architektonischer Eingriff war, eine Verbindung zwischen der Bastei und dem übrigen Schloßberggelände zu schaffen. 

Die geometrische Figur des Kreises ist die zentrale ästhetische und strukturelle Geste unseres Entwurfes. Der Kreis organisiert die Wegführung für die Besucherinnen und Besucher. Er ordnet und öffnet die zuvor problematische Außenwand und macht sie zu einer intuitiven Eingangssituation. Entlang des Kreises sind die stark frequentierten öffentlichen Bereiche angesiedelt. Sie aktivieren in dieser Konfiguration den Hof.

Grazer Wundergarten im Hof der Stall- oder Kanonenbastei (Foto: Karin Lernbeiß, Lupi Spuma)
Im ehemaligen Feuerwächterhaus befindet sich neu ein Veranstaltungssaal. (Foto: Karin Lernbeiß, Lupi Spuma)
Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?


Für die Grazer ist der Schloßberg Lebens- und Kulturraum zugleich und das grüne Herz der Stadt; er ist Naherholungsgebiet, Ausflugsziel und Treffpunkt. Er ist der Ort, den man gerne herzeigt, wenn auswärtige Freunde zu Besuch sind, aber auch der Ort, an dem man für kurze Zeit vor dem Trubel der Stadt ins Grüne entfliehen kann. Kurzum: Der Schloßberg ist ein sehr wichtiger Identifikationspunkt der Grazer.

Das neue Graz Museum Schlossberg befindet sich somit an einem der zentralsten Punkte der Stadt und bildet zusammen mit dem Graz Museum in der Sackstraße ein Gesamterlebnis, welches den Schloßberg in seiner historischen und naturwissenschaftlichen Dimension widerspiegelt. Es ist Anlaufstelle und Informationszentrum und gibt den Besucherinnen und Besuchern auf dem Schloßberg Orientierung.

Unser architektonisches Konzept bezieht sich zwar auf die alte Festungssituation und die Verteidigungsgemeinschaft des 16. bis 19. Jahrhunderts, schafft jedoch einen neuen, offenen Rahmen für die heutige Gemeinschaft der Erholungssuchenden.

Rundweg im Wundergarten (Foto: Karin Lernbeiß, Lupi Spuma)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen den Entwurf beeinflusst?


Ohne die Idee von Professor Otto Hochreiter, dem Direktor des Grazer Museums, auf dem Schloßberg ein neues Museum einzurichten, wäre das Projekt sicher nicht so zustande gekommen. Entscheidend war auch seine Konzeption der entsprechenden Ausstellungsformate als Grundlage für den Architekturwettbewerb. Ohne diese Vorarbeit wäre es nicht möglich gewesen, die Gestaltung schon nach der ersten Entwurfsphase so konkret auszuformulieren.

Auch alle weiteren Planungsschritte erfolgten in enger Abstimmung mit dem Auftraggeber, dem Kuratorenteam des Museums und natürlich auch einem großen Team an Fachplanern. Ohne ein gut zusammenarbeitendes Projektteam wäre die Umsetzung des Projekts in dieser Form nicht möglich gewesen.

»Gläsernes Schloßbergmodell« in der Kasematte (Foto: Karin Lernbeiß, Lupi Spuma)
Neuer Lift und barrierefreier Steg in der Kasematte (Foto: Karin Lernbeiß, Lupi Spuma)
Blick auf Graz aus der ehemaligen Kanonenhalle (Foto: Karin Lernbeiß, Lupi Spuma)
Gab es bedeutende Projektänderungen vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk?


Bauen im Bestand – im konkreten Fall sogar im historisch besonders bedeutsamen Bestand – birgt immer gewissen Unvorhersehbarkeiten mit sich. Eine behutsame Vorgehensweise und eine archäologische Begleitung während der Bauphase erlaubten uns allerdings, den Entwurf größtenteils entsprechend der ursprünglichen Ideen umzusetzen.

Ausstellungsgestaltung im »Geschichtsparcours – Graz Museum Schlossberg« (Foto: Karin Lernbeiß, Lupi Spuma)
Foto: Karin Lernbeiß, Lupi Spuma
Wie gliedert sich das Gebäude in die Reihe der bestehenden Bauten des Büros ein?


Der Bau eines Museums stellt mit Sicherheit für jeden Architekten eine ganz besondere Planungsausgabe dar, bei der man mit besonderer Umsicht an die Arbeit geht. Auch das Bauen im historischen Bestand erfordert eine feinfühlige Herangehensweise. 

Obgleich sich unter den von uns bisher umgesetzten Projekten auch etliche Neubauten befinden, umfasst unser Portfolio besonders viele Um- und Zubauten im Bestand. In Zukunft werden sich Architekten immer häufiger mit dieser Planungsaufgabe auseinandersetzen müssen, um einen ressourcenschonenden Umgang sowohl mit der nur noch begrenzt zur Verfügung stehenden Fläche als auch den Materialien gewährleisten zu können.

Der Eingang zum Graz Museum Schlossberg aus der Nähe betrachtet (Foto: Karin Lernbeiß, Lupi Spuma)
Grundriss Erdgeschoss
Grundriss Untergeschoss mit der historischen Kasematte
Schnitt
Bauwerk 
Graz Museum Schlossberg
 
Standort
Schloßberg 5, 8010 Graz
 
Nutzung
Museum
 
Auftragsart
Geladener, einstufiger Realisierungswettbewerb
 
Bauherrschaft
Auftraggeberin und Betreiberin: Graz Museum – Stadtmuseum Graz GmbH
Grundeigentürmerin: Stadt Graz – Abteilung für Immobilien
Projektentwicklung und -koordination: Stadt Graz – Stadtbaudirektion
Totalunternehmerin und Baumanagement: GBG – Gebäude- und Baumanagement Graz GmbH
 
Architektur
Generalplanung und ÖBA: studio WG3 ZT KG, Graz
 
Fachplaner
Ausstellungsgestaltung und Fach-ÖBA: buero41A, studio WG3 ZT KG
Freiraumplanung und Fach-ÖBA: studio boden
BauKG: CMB Bauplanung GmbH
Bauphysik: Rosenfelder & Höfler Consulting Engineers
Brandschutz: Norbert Rabl Ziviltechniker GmbH
Denkmalsanierung und Fach-ÖBA: Zechner Denkmal Consulting GmbH
Archäologische Begleitung: archnet Bau- und Bodendenkmalpflege GmbH
Elektroplanung und Fach-ÖBA: Tasotti e.U. – Ingenieurbüro für Elektrotechnik
HKLS und Fach-ÖBA: Ingenieurbüro Saier
Tragwerksplanung: DI Gerhard Baumkirchner
Ökologische Bauaufsicht: DI Maria Baumgartner
Entwicklung Corporate Design: En Garde
 
Jahr der Fertigstellung
2020
 
Maßgeblich beteiligte Unternehmer 
Baumeister: Franz Lederer-Grabner Baugesellschaft mbH
Elektro: Elektro Josef Leitner GmbH
Heizung, Lüftung, Sanitär: Trieb & Kreimer GmbH & Co KG
Klimatechnik: E.W.K. Sparer GmbH
Aufzugsanlage: Otis GmbH
Restaurierung: archnet Bau- und Bodendenkmalpflege GmbH
Denkmal- und Fassadensanierung: Greil Reinhard GmbH
Portale, Fenster, Sonnenschutz: Metallbau Hubert Trummer GmbH & Co KG
Konstruktiver Stahlbau / Schlosserarbeiten: Meistermetall GmbH
Dachdecker: Spitzer Dach
Zimmerer: Anton Wallner Holzbau GmbH
Trockenbau: Alois Schweighofer GmbH
Glaser: Glas Sajko GmbH
Maler: Malermeister WEGL GmbH
Tischler: Josef Prödl Tischlerei, PAIER GmbH
Bodenleger: Schatz Böden GmbH
Fliesenleger: Fliesen Wurm GmbH
Garten- und Landschaftsbau: Forstdienst Lebensräume im Grünen GmbH
Schließanlage: Erich Guldenbrein, Tresor- und Schlüsseldienst Nachfolger Michael Guldenbrein
 
Auszeichnung
Architekturpreis des Landes Steiermark, 2021
 
Fotos
Karin Lernbeiß, Lupi Spuma

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