Kleiner Bau, große Wirkung

smartvoll
7. Juni 2019
Das umgebaute Kutscherhaus (Foto: Dimitar Gamizov)

smartvoll haben ein altes Kutscherhaus in einem Wiener Innenhof unweit des Museumsquartiers wieder flott gemacht. Philipp Buxbaum stellt sich unseren Fragen.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Definitiv darin, 30 m2 wie 80 wirken zu lassen und dem kleinen Kutscherhäuschen samt Terrasse in einem einsehbaren Hof mit einer viel höheren Nachbarbebauung eine gute Privatsphäre zu verschaffen.

Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?

Abgesehen vom fantastischen Ausblick auf das Wiener Museumsquartier von der Dachterrasse aus haben eher das bestehende Kutscherhaus und das 5-stöckige Nachbargebäude den Entwurf beeinflusst. Das kleine Haus war historisch in 4 beengte Kammern fragmentiert – die Futterkammer, den Stall für die Pferde, den Schlafplatz des Kutschers und eine Küche sowie ein kleines Bad. Um diesen 30 m2 die gefühlte räumliche Großzügigkeit von 80 zu geben, hat es zwei Dinge gebraucht:

Erstens waren alle Wände zu entfernen und die Umgestaltung in ein Apartment mit nur einem Raum vorzunehmen. Dabei wurden alle ansonsten raumgreifenden Funktionen (Bad, Küche) in einem wandbegleitenden Kasten untergebracht. Alle offenen und teils sozialen Vorgänge wie Essen, Wohnen und Schlafen haben wir hingegen auf ein niedriges Inselmöbel inmitten des Raums gelenkt, das diesen zwar strukturiert, aber eben nicht fragmentiert.

Zweitens wäre durch die Lage in einem gründerzeitlichen Innenhof die dem Apartment vorgelagerte Terrasse vom Nachbarhaus sehr gut einzusehen gewesen. Daher haben wir uns entschlossen, diese mit einem Lamellenkleid einzufassen, um dadurch gleichsam zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Einerseits geben die Lamellen der Terrasse die nötige Privatsphäre und halten neugierige Blicke fern, andererseits fokussiert das Lamellenkleid den Terrassenraum nach innen und koppelt ihn mit dem Apartment – ein kontinuierlicher, großzügiger und durchgehender Raum entsteht und das Apartment scheint weitläufig.

Der Zustand vor den Umbauarbeiten (Foto: Dimitar Gamizov)
Das sanierte und umgestaltete Kutscherhaus (Foto: Dimitar Gamizov)
Gab es bedeutende Projektänderungen vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk?

Irgendwann sind wir auf dem vom Spengler fertiggestellten Dach gestanden und vor uns haben sich die neuen (MQ und Sammlung Leopold) und dahinter die alten Museen (Natur- und Kunsthistorisches Museum) ausgebreitet – ein fantastischer Ausblick. Eigentlich haben wir nicht gedacht, dass man vom Dach aus die Museen so gut sieht. Wir haben dann gemeinsam mit den Bauherren kurzerhand beschlossen, das Projekt um eine Dachterrasse zu erweitern.

Foto: Dimitar Gamizov
Foto: Dimitar Gamizov
Wie gliedert sich das Gebäude in die Reihe der bestehenden Bauten des Büros ein?

Formal gar nicht – wir legen großen Wert darauf, Projekte aus den jeweiligen Situationen, Orten, Rahmenbedingungen und vor allem unter Berücksichtigung der Auftraggeber*innen und ihrer Bedürfnisse zu entwickeln. Nachdem diese naturgemäß sehr unterschiedlich sind, wird auch unser Portfolio als pluralistisches Potpourri wahrgenommen. Wenn man jedoch genau hinsieht, wird man wiederkehrende inhaltliche Qualitäten finden, die sich viele unserer Projekte teilen.

Die neue Küche ist Teil eines Kastens entlang der Wand. (Foto: Dimitar Gamizov)
Das Innere des Kutscherhauses wird von einem Inselmöbel geprägt und zoniert. (Foto: Dimitar Gamizov)
Welches Produkt oder Material hat zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?

Ein gewisses Experiment sind wir mit dem gewählten Heizsystem eingegangen. Nachdem wir weder einen Gasanschluss herstellen noch eine Wärmepumpe aufstellen konnten, haben wir uns für einen Heizanstrich mit Carbonfasern entschieden. Dabei wird unter der Decke und über dem Fußboden ein Kupferband in der Wand verlegt; auf die Fläche dazwischen wird dann ein Carbonfaseranstrich aufgebracht. Die Fasern leiten den Strom und wandeln diesen in Wärmestrahlung um. Erhitzt werden nur feste Körper nicht aber die Luft und man nimmt eine angenehme Wärmestrahlung wie bei einem Kachelofen wahr – keine Konvektion. Überdies kann man den Anstrich überall durchschrauben. Nachdem wir einen Subzähler eingebaut haben, um das System zu überprüfen, können wir nun nach einem Jahr bestätigen: Die Betriebskosten sind mit jenen einer Wärmepumpe vergleichbar.

Name des Bauwerks Kutscherhaus
Nutzung Ferienhaus
Ort Karl Schweighofer Gasse 14, Wien
Architektur smartvoll: Philipp Buxbaum (Projektleitung), Christian Kircher (Projektleitung), Michael Knoll, Dimitar Gamizov, Olya Sendetska
Jahr der Fertigstellung 2017
Auszeichnung Schorsch-Preis – »gebaut 2017«
Fotos smartvoll: Dimitar Gamizov

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