Kontext und Verdichtung

feld72 Architekten
3. April 2020
Gemeinsam mit dem denkmalgeschützten Bestandsgebäude »Zürcherhaus« bilden die Baukörper ein Ensemble. (Foto: Hertha Hurnaus)  

feld72 Architekten haben die Wohnsiedlung Maierhof in Bludenz gestaltet. Die Anlage hat viel zu bieten: Sie überzeugt mit hoher Ausführungsqualität sowie schönen Holzfassaden und spannt nicht nur Räume für die Bewohner*innen, sondern das ganz Quartier auf. Richard Scheich spricht über das Projekt.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?


Dem Projekt ging eine Bebauungsstudie voraus, in der gemeinsam mit der Stadt Bludenz und im Austausch mit den Bürger*innen des Ortsteils Brunnenfeld die Parameter für die neue Siedlung definiert wurden: Durchlässigkeit, öffentliche Durchwegung sowie gemeinschaftlich genutzte (Frei-)Räume waren gewünscht. Der neue Siedlungsbaustein sollte einen Mehrwert für den gesamten Ort generieren. Die Herausforderung war dabei, Kontextbezug und Verdichtung auf dem eher schwierigen, dreieckigen Grundstückszuschnitt verträglich unter ein Hut zu bringen. Durch die große Akzeptanz der Dorfbevölkerung konnte eine höhere Baudichte als ursprünglich vorgegeben umgesetzt werden.

Die Häuser des Maierhofs gruppieren sich um einen Innenhof mit Spielplatz. (Foto: Hertha Hurnaus)
Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?


Acht Häuser bilden gemeinsam mit dem denkmalgeschützten Bestandsbau »Zürcherhaus« ein dörfliches Ensemble. Am Quartiersplatz wurden ortstypische Elemente wie Brunnen und Gartenmauer aufgegriffen und neu interpretiert. Die neuen Baukörper passen sich sowohl in ihrem Volumen als auch mit ihren frei angeordneten quadratischen Fassadenöffnungen an den historischen Bau an. Jedes Haus ist unterschiedlich dimensioniert und ausgerichtet, um vielseitige Blickbeziehungen auf die umgebende Berglandschaft zu ermöglichen und den Charakter eines gewachsenen Dorfes zu verstärken. So fügt sich die durchlässige Bebauung präzise und harmonisch in das durch landwirtschaftliche Nutzung geprägte Ortsbild mit Ställen, Einfamilienhäusern und Zweckbauten ein. 

Der Quartiersplatz am Siedlungseingang mit Brunnen, Mauer, Sitzbank und Linde bildet die Schnittstelle zur Nachbarschaft. (Foto: Hertha Hurnaus)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen den Entwurf beeinflusst?


Einen bedeutenden Einfluss auf den Entwurf hatte die frühe Kooperation mit der Stadt und die Einbindung der Bürger*innen. Auf Basis der gemeinsam definierten Parameter ist eine offene und durchlässige Wohnanlage entstanden, deren Freiflächen – der erwähnte neue Quartiersplatz am Siedlungseingang sowie ein grüner Innenhof mit Spielplatz – nicht nur den Bewohner*innen, sondern dem gesamten Ortsteil zur Verfügung stehen. Mit Blick auf Begegnung und ein nachbarschaftliches Miteinander wurde außerdem ein von der Stadt Bludenz verwalteter Gemeinschaftsraum geschaffen. Dank der intensiven Zusammenarbeit zwischen der Bauherrschaft, den Landschaftsarchitekten und uns ab dem Vorentwurf konnte die Wohnsiedlung trotz des engen Kostenrahmens eines gemeinnützigen Wohnbauträgers qualitätsvoll errichtet werden.

Wie gliedert sich das Gebäude in die Reihe der bestehenden Bauten des Büros ein?


Das Konzept des »Dorf im Dorf« hat sich bereits bei unseren Südtiroler Wohnbauprojekten in Kaltern und Eppan bewährt. Dabei ging es stets um die Frage, wie man bekannte Qualitäten aus noch funktionierenden dörflichen Strukturen in die heutige Realität übersetzen kann. Bei allen Projekten nahm für uns der Raum zwischen den Gebäuden jeweils eine besondere Rolle ein. Neben individuellen Freiflächen wollten wir kollektive Freiräume mit hohem Alltagsgebrauch schaffen – Verhandlungsräume, in denen öffentliches Leben stattfinden kann. Dass wir die Siedlungen weitestgehend autofrei gestalten konnten, stellt nach wie vor eine Besonderheit im ländlichen Raum dar.

Die öffentlich zugänglichen Freiräume stehen auch der Nachbarschaft zur Verfügung. (Foto: Hertha Hurnaus)
Die Holzfassade besteht aus Brettern aus heimischer Weißtanne, die naturbelassen, sägerau und in verschiedenen Breiten montiert wurden. (Foto: Hertha Hurnaus)
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?

 

Obwohl es sich beim Maierhof um einen größtenteils geförderten Wohnbau handelt, konnte statt der klassischen Wärmedämmfassade eine Holzfassade umgesetzt werden. Eine große Rolle spielte hier sicher der Kontext, in dem das Projekt realisiert wurde: die lange Holzbautradition der Region Vorarlberg, die hohen Qualitätsansprüche an zukunftsfähiges Bauen sowie ein hohes handwerkliches Niveau. Die Außenwände aller Wohnhäuser wurden mit vorgefertigten Holzbauelementen aus heimischer und unbehandelter Weißtanne verkleidet. Durch die Fertigteilbauweise konnte der Bauprozess beschleunigt und gleichzeitig die Ausführungsqualität erhöht werden. Die tragenden Bauteile wurden in Stahlbeton und Stahl umgesetzt

Situationsplan
Axonometrie
Grundriss Erdgeschoss
Schnitt
Name des Bauwerks
Wohnsiedlung Maierhof
 
Standort
Maierhof 1-8, 6700 Bludenz
 
Auftragsart
Direktauftrag nach vorheriger Bebauungsstudie
 
Bauherrschaft
Wohnbauselbsthilfe
 
Architektur
feld72 Architekten ZT GmbH
Mitarbeiter*innen: Zsuzsanna Balla, Elisabetta Carboni, Marino Fei, Ana Patricia Gomes, Raphael Gregorits, Insa Luise Höhne, Adrian Judt, Hanna Kovar, David Kovařík, Nora Sahr, Alexander Seitlinger, Rebecca Sparr, Arjan van Toorenburg
 
Fachplaner
Landschaftsarchitektur: Gruber + Haumer Landschaftsarchitektur
Statik: Hämmerle – Huster
Bauphysik: DI Bernhard Weithas
Haustechnik: WILU
Elektro: EWA St. Anton
Versickerung: Ingenieurbüro Landa
 
Bauleitung 
Hinteregger Baumanagement
 
Jahr der Fertigstellung
2019
 
Energiestandard
Niedrigenergiestandard
 
Maßgeblich beteiligte Unternehmer
Erdarbeiten: Winsauer GmbH, Dornbirn
Zimmermeister: Joe Moosbrugger, Dornbirn
Baumeisterarbeiten: Winsauer GmbH, Dornbirn
Heizung-Sanitär: WILU Haustechnik GmbH, Schruns
Elektroinstallationen: Elektro Technik Theurer e.U., Wolfurt
Lüftung: WILU Haustechnik GmbH, Schruns
Aufzüge: Schindler Aufzüge und Fahrtreppen GmbH, Dornbirn
Brandschutztore/Rauchvorhänge: Zargen Bösch, Wolfurt
Holz-Alu-Fenster und Portale: Fenster: Fussenegger Holzbau GmbH, Dornbirn
Portale EG: Jobarid Metallbau GmbH, Röthis
Spengler-Schwarzdecker: Fritz, Bludenz
Estrich: BURTSCHER Böden, Nüziders
Schlosser Treppen: Summer, Feldkirch
Schlosser Balkon-/Fenstergeländer: Summer, Feldkirch
Sonnenschutz-Raffstore: HELLA Sonnen- und Wetterschutztechnik GmbH
Parkettboden: BAL-GmbH, Bregenz
Holzlattenroste Balkon: Joe Moosbrugger, Dornbirn
Trockenbau: Bohn, Feldkirch
Fliesenleger: BWI Keramik, Hörbranz
 
Fotos
Hertha Hurnaus           

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