4. Gesamtschule Aachen

Lernen als Team

Katinka Corts
9. August 2017
Die Flure sind nicht mehr ausschließlich Erschließungsflächen, sondern werden durch Lerninseln und Sitznischen zu Aufenthaltsbereichen.

Die 4. Gesamtschule in Aachen wurde so ergänzt und saniert, dass Innen- und Außenraum einem zeitgemäßen Schul- und Lernkonzept entsprechen. Kilian Kresing beantwortet unsere Fragen zum Projekt.

Projekt: 4. Gesamtschule Aachen | Architektur: Kresings, Münster | Bauherrschaft: Stadt Aachen | vollständige Bautafel siehe unten

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?
Zum einen sollte das Ensemble aus Bestandsbauten und Neubau mit einem einheitlichen gestalterischen Duktus versehen werden. Dabei spielte der Gedanke eines Schulcampus eine entscheidende Rolle. Neben der behutsamen Einbindung der Schule in die umliegende Wohnbebauung bestand der Wunsch eines erkennbaren Eingangs, genauer gesagt einer öffentlichen Adresse inmitten der Stadt. Des weiteren wurde im Voraus ein neues pädagogisches Konzept entwickelt, das auf die Gebäudestruktur zu übertragen war.

Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?
Unser Ziel war es, das Schulareal zu einer eigenen kleinen Welt im kindgerechten Maßstab werden zu lassen, eingebettet in und geschützt durch die umgebende Wohnbebauung. Die Außenraumgestaltung greift diesen Gedanken auf und entwickelt den Schulkomplex weiter zu einer grünen Lern-Oase im Stadtblockinneren.
Auch innerhalb des Schulgebäudes wollten wir für die Schüler kleine Welten schaffen. Lerninseln und Sitznischen in den Fluren bieten Rückzugsmöglichkeiten zum konzentrierten Arbeiten oder zur Erholung. Das Foyer haben wir so gestaltet, dass es zum zentralen Treffpunkt für Schüler und Lehrer, aber auch für außerschulische Veranstaltungen wird.

Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?
Durch ihre Lage inmitten einer Wohnbebauung war die Schule eher versteckt und hatte keine Adresse. Daher geben wir ihr insbesondere an der Sandkaulstraße ein neues Gesicht, indem wir den Neubau der Sporthalle in die Bautenfolge des Schulkomplexes legten. Breite Treppen unterstützen den Weg zum Schulgebäude und verleihen ihm eine stärkere öffentliche Wahrnehmung im Stadtbild bei einem gleichzeitig sensiblen Umgang mit der Umgebung.

Durch den gebäudeübergreifenden Einsatz von Klinker werden Turnhalle und Schulgebäude vereint.

Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?
Im Voraus wurde durch die Stadt Aachen in enger Zusammenarbeit mit der Schulleitung, den Lehrern, Eltern und Schülern eine Studie durchgeführt, um eine neue pädagogische Struktur festzulegen, welche gestalterisch umgesetzt und auf das Gebäude übertragen werden sollte. Im weiteren Planungsverlauf wurden unter Beteiligung des Nutzers Lern- und Arbeitsabläufe vertieft und die Konzeption weiter ausgearbeitet. Auch die Vorgaben des Bauherrn zum Thema Energieeffizienz (Nachweis nach Passivhaus- Projektierungspaket) wurden bereits in der Entwurfsplanung berücksichtigt.

Bei der Erweiterung der Schule mussten Sie mit drastischen Budgetkürzungen und einer umfassenden Asbestsanierung umgehen. Wie haben Sie das Projekt zeitlich und finanziell angepasst?
Im Rahmen der Entwurfsplanung war es unsere Aufgabe zu überprüfen, ob das angesetzte Budget ausreicht – was nicht der Fall war. Daraufhin wurde das Budget gekürzt und der Bauherr ist unserer Empfehlung gefolgt die Umsetzung der 4. Gesamtschule in einer Baustufe umzusetzen und nicht, wie zunächst geplant, in zwei nacheinander folgenden Bauabschnitten.
Hierdurch wurden bei den europaweiten Ausschreibungen wirtschaftlichere Synergieeffekte erreicht und günstigere Angebotsabfragen führten zu Kosteneinsparungen. Auf diese Weise konnten wir die Budgetvorgaben der Stadt Aachen einhalten.
Die Asbestsanierung führte im Bauablauf zu Störungen, da nicht vorhersehbare Befunde zu berücksichtigen waren. Diese zogen natürlich Mehrkosten bei der Schadstoffsanierung nach sich, wodurch das Budget belastet wurde. Durch Beschleunigungsmaßnahmen bei den Ausbaugewerken konnte der aufgetretene Terminverzug jedoch abgebaut werden.

Die Turnhalle (l.) legt sich bewusst in die Bautenfolge des Schulkomplexes und unterstützt so den Zuweg zum Schulgebäude.
Das Schulgelände wird zur grünen Oase im Stadtblockinneren, einer eigenen kleinen Welt im kindgerechten Maßstab.

Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?
Die funktionale Ordnung der Schule orientiert sich stark an dem individuell erarbeiteten pädagogischen Konzept für einen Ganztagsschulbetrieb. Jedes der beiden «Turmhäuser» (die erhaltenen Bestandsbauten) beherbergt in jedem seiner zwei Geschosse Räume für Lehrer und Klassen, welche sogenannte Teams bilden. Die Teams differenzieren sich durch farblich unterschiedlich gestaltete Räume voneinander. Herzstück der Teams sind die Teamquader – großflächig verglaste Räume, in denen die Lehrer arbeiten, den Schülern jederzeit zur Verfügung stehen und ihnen größtmögliche Transparenz bieten. Sitznischen sowie Lerninseln in den Fluren unterstützen diese gemeinschaftliche Atmosphäre und schaffen eine hohe Aufenthaltsqualität.

Das großzügig gestaltete Foyer im Neubauteil wird zum zentralen Ort der Begegnung – nicht nur für den Schulbetrieb. Die gemeinschaftlichen Bereiche im Neubau von Foyer, Mensa sowie Mensagarten sind Kommunikationsflächen für das gesamte Ensemble. Große Glasflächen ermöglichen die Verbindung von Innen- und Außenraum und setzen die helle und positive Lernatmosphäre im Neubau fort. Die Schule wurde im Passivhaus-Standard umgesetzt und hat schlussendlich die geltenden Grenzwerte der Energieeinsparverordnung sogar unterschritten.

​Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?
Die Materialien wurden so gewählt, dass der übergeordnete Gedanke eines innerstädtischen Campus' besonders gut zum Tragen kommt. Der warme Farbton des Klinkers vermittelt und vereint die beiden Neubauteile – Turnhalle und Mittelbauteil – mit den zwei Turmhäusern. Die bronzefarbenen Alufenster fügen sich lückenlos und harmonisch in dieses Bild ein. Für die Türen und Absturzsicherungen haben wir gleichfarbiges Alu gewählt. Der häufige Einsatz von Glas vermittelt ein freundliches sowie offenes Erscheinungsbild und heißt seine Nutzer und Besucher willkommen.

Im Inneren wird diese Philosophie weiter fortgeführt. Der Einsatz von hellen Böden sowie Holz in den Rückzugsecken und den Türen zu den Klassen geben den Räumen in Kombination mit viel Tageslicht eine natürliche Anmutung mit viel Weitblick. Auch die Turnhalle bedient sich des Materials Holz und setzt einen weiteren Akzent durch ihren roten Hallenboden.

Das Forum wird zum zentralen Treffpunkt – nicht nur für den Schulbetrieb, sondern auch für außerschulische Veranstaltungen.
Die Flure sind nicht mehr ausschließlich Erschließungsflächen, sondern werden durch Lerninseln und Sitznischen zu Aufenthaltsbereichen.
Flexibel gestaltbare Inklusions- und Differenzierungsräume sind fester Bestandteil des Raumprogramms.
Die farbliche Differenzierung der Teams findet sich auch in den Fachräumen wieder.
Die Turnhalle setzt mit ihrem roten Hallenboden einen Akzent, der mit Holz und Sichtbeton an den Wänden harmoniert.
Lageplan
Grundriss Erdgeschoss
Ansicht Nord
Projekt
4. Gesamtschule Aachen
Sandkaulstraße 75
52062 Aachen

Auftragsart
Generalplanung LP 1-9

Bauherrschaft
Stadt Aachen

Architektur
Kresings, Münster
Projektleiter: Thomas Vöge
MitarbeiterInnen: Jan Toelle, Timm Schlarmann, Raul Zinni-Gerk, Frank Küllertz (Ausschreibung), Hubertus Holle (Bauleiter)

Fachplaner
Statik: gantert + wiemeler ingenieurplanung, Münster
Baugrundgutachten: H. Dieler & Partner GmbH, Aachen
Prüfstatik: Thomas & Bökamp Ingenieurgesellschaft mbH, Münster
Haustechnik HLS: DS-Plan Ingenieurgesellschaft für ganzheitliche Bauberatung und Generalfachplanung mbH, Köln
Haustechnik ELT: E-C-K Ingenieure GmbH, Brühl
Brandschutz: BFT Cognos GmbH, Aachen
Bauphysik: GRANER + PARTNER Ingenieure, Bergisch Gladbach Landschaftsarchitektur: RMP Stephan Lenzen Landschaftsarchitekten, Bonn Aufzugplanung: UPDOWN Ingenieurteam für Fördertechnik GmbH, Hürth Küchenplaner: HÖRSTKE Großküchen/Einrichtungen GmbH

Ausführende Firmen
Schadstoffausbau Bestand: RÜDIGER Umwelttechnik GmbH, Tutzing
Robauarbeiten: Gerhard Lühn GmbH & Co. KG, Lingen (Ems)
achdeckerarbeiten: Weinand & Pauken GmbH, Greimersburg
Metallbau – Verglasung: Metall & Stahlbau Schmickler GmbH & Co. KG, Remagen Sanitärinstallation: Bartolomey Haustechnik GmbH, Jülich
Technische Dämmung: Klees GmbH, Leverkusen
Aufzug: Windscheid & Wendel GmbH & Co. KG, Düsseldorf
Heizungsinstallation: IGD Installationsgesellschaft Dresden mbH, Herne
Elektroinstallation: Elektro Schröder GmbH, Heinsberg
Trockenbau: TBK Montage- und Handelsgesellschaft Steinfurt – Magdeburg mbH, Steinfurt Lüftung: Wisag Gebäude und Industrieservice Nord-West GmbH & Co. KG, Langenfeld

Hersteller
Fassade Neubau: Klinker, Verblendziegel, Format DF 490/115/52 mm, Farbe Arrezzo (Beige) - Hersteller: Klinkerwerke Janinhoff GmbH & Co.
Fassade Bestand: Oberputz Silikatputz KR Hersteller: Brillux
Alufenster: Fenster System AWS 75 SI - Hersteller: Schüco
Metallständerwände: Produkt: Knauf Metallständerwand W111 - Hersteller: Knauf
Abgehängte Unterdecken: Knauf Plattendecke D112 - Hersteller: Knauf
Abgehängte Hygienedecke: Hygiene Rasterdecke - Hersteller: OWAcoustic Premium
WC Trennwände: WC Kabinen, Trennwand 13 RP - Hersteller: META GmbH
Innentüren: Holztüren, stumpfeinschlagend mit Sonderfalz Zargen: Bos - Hersteller: Westag Getalit

Energiestandard
Die Neubauteile Schule und Turnhalle sind im Passivhaus Standard (Jahresheizwärmebedarf < 20 kWH (m2A)) ausgeführt.

Bruttogeschossfläche
Bauteil Schule: 7.717 m²
Bauteil Turnhalle: 1.720 m²

Gebäudevolumen
Schule: 27.196 m³

Gesamtkosten
15.000.000 €

Fertigstellung
​2017

Fotos
Roman Mensing

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