Wichernkrankenhaus im Evangelischen Johannesstift

Neu gebettet im Park

huber staudt architekten bda
12. September 2018
Blick von Nord-Osten (Bild: Werner Huthmacher)
Das Büro huber staudt architekten hat den Neubau von drei geriatrischen Pflegestationen für das Wichernkrankenhaus in Berlin-Spandau fertiggestellt. Joachim Staudt beantwortet unsere Fragen zum Projekt.
Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?
Der Bestandsbau des Wichernkrankenhauses aus den 1980er-Jahren hatte keinerlei Bezug zum großartigen Patientenpark mit einem kleinen See und einem wunderbaren alten Baumbestand im evangelischen Johannesstift. Die fächerförmig angeordneten Flachbauten dienten Funktionen, wie Radiologie und Diagnostik, die keine Anbindung an den Außenraum brauchen. Um die Patienten an der besonderen Qualität des Gartens partizipieren zu lassen, haben wir das Gebäude „auf den Kopf gestellt“: Die Patienten wandern aus dem Bettenhochhaus in ein neues Gartenbettenhaus und die Funktionen, wie Radiologie, Sonografie, Funktionsdiagnostik und Verwaltung ziehen in das freiwerdende Bettenhochhaus um.
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?
Bei dem Projekt haben wir uns von Anfang an mit dem Thema kostengünstiges Bauen auseinandergesetzt. Die Krankenhäuser stehen ja heute unter einem sehr großen Kostendruck. Daher war als Material für die Außenhaut ein einfaches Wärmedämmverbundsystem quasi gesetzt. Die Situation mit dem wunderbaren Patientengarten erinnert an den Campus der Architekturfakultät von Porto in Portugal. Die Art, wie Alvaro Siza mit seinem U-förmigen Pavillon die alten Bäume gewissermaßen umarmt, hat uns sehr inspiriert. Hinzu kommen die Wohnungsbauten von Michael Alder in Basel. Eine wohnliche Atmosphäre in den Pflegestationen ist uns immer sehr wichtig. Wir orientieren uns beim Bau von Kliniken sehr an Wohnungsbauten.
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?
Um die alten Bäume auf dem Grundstück zu retten, haben wir den Neubau fast exakt an die Stelle des Gebäudebestands gesetzt. Der Neubau verknüpft sich auch darüber hinaus mit den Garten: Es gibt auf zwei Ebenen einen direkten barrierefreien Ausgang in den Patientenpark. Ein großzügiger Balkon, der an eine Liegeterrasse in einem traditionellen Sanatorium erinnert, orientiert sich zum nahen See. Der Balkon ist ein wichtiger Bestandteil unseres Konzepts, obwohl er sich nach Norden orientiert. Er gibt dem Haus eine wohnliche Atmosphäre.
Der Andachtsraum ist leicht aus dem Gefüge des Gebäudes herausgedreht. Das große Fenster schafft eine Blickbeziehung zur Hauptkirche im Zentrum des evangelischen Johannesstifts.
Schwesterndienstplatz und Foyer (Bild: Werner Huthmacher)
Stationslobby mit Blick in den Park (Bild: Werner Huthmacher)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?
Das Wichernkrankenhaus hat einen Schwerpunkt in der Betreuung älterer Menschen. Da gibt es einige wesentliche Regeln zu beachten, die wir in den vielen Nutzergesprächen aufnehmen konnten. Geholfen hat uns da auch die Erfahrung aus dem Bereich der Alterspsychiatrie. Wir bauten etwa zeitgleich ein gerontopsychiatrisches Fachkrankenhaus in Reichenau am Bodensee. Die Einbindung der späteren Nutzer in den Planungsprozess ist uns sehr wichtig. Nur so wird das fertiggestellte Gebäude dann auch von den Nutzer angenommen und vielleicht sogar ein wenig geliebt. Wenn das der Fall ist, funktioniert es meistens auch sehr gut.
Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?
Der Bauherr wollte von uns zunächst lediglich ein Konzept zur Modernisierung des Bestandsgebäudes. Die Patientenzimmer in den bestehenden Stationen sollten zu 1- und 2-Bettzimmern mit direkt zugeordnetem barrierefreien Bad umgebaut werden. Leider erwies sich der Altbau als nicht sehr flexibel. Das Tragwerk ließ eine Verschiebung der Zimmerachsen und vor allem den Einbau von zeitgemäßen Bädern, die den Zimmern direkt zugeordnet sind, nicht zu. Krankenhäuser müssen flexibel gedacht werden und sich Veränderungen in der Nutzung anpassen können. Hier blieb dem Bauherrn am Ende nur die Option, die Stationen neu zu bauen.
Arbeitsmodell (Bild: huber staudt architekten bda)
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?
Während des Planungsprozesses spielten wir die Errichtung des Neubaus als Modulbau durch. Wir versprachen uns hier klare Kosten- und Zeitvorteile. Die Tatsache, dass das Gebäude sehr unregelmäßig ist und viele unterschiedliche Situationen erzeugt, führte zu der Entscheidung für eine konventionelle Bauweise. Dabei tragen die Außenwände und die Flurwände, während die Trennwände zwischen den Räumen nichttragend sind. So kann sich das Gebäude an veränderte Anforderungen in der Zukunft anpassen. Sichtbetonwände betonen die gestalterischen Schwerpunkte des Projekts, den Andachtsraum um die „Gebäudefuge“, die den Innenhof zum Außenraum öffnet. Ansonsten mussten wir mit dem Thema Sichtbeton aus Kostengründen sehr sparsam umgehen.
Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?
Das WDVS mit Glattputz formt die Kubatur des Gebäudes. Große Holzfenster mit Sitzbänken öffnen den Blick in den Innenhof und an den Flurenden in die Landschaft. Helle Farben im Innenraum und die Verwendung vom Holz bei Innenfenstern und Türen, sowie bei den Einbaumöbeln schaffen eine patientenfreundliche Atmosphäre. In den Fluren schaffen linienförmige LED-Leuchten eine gute Ausleuchtung, in den Patientenzimmern liefern Leuchten von Trilux an den Betten und am Besuchertisch das angemessene Ambiente. Leuchtende Farben als Farbakzente dienen der Orientierung im Gebäude.
Schwarzplan
Luftbild (Bild: huber staudt architekten bda)
Diagramm Bauabschnitte
Lageplan
Grundriss Ebene 2
Schnitt
Wichernkrankenhaus im Evangelischen Johannesstift
2018

Schönwalder Allee 26
13587 Berlin-Spandau

Nutzung
Gesundheitsbau, Fachkrankenhaus für Altersmedizin, Geriatrie

Auftragsart
​Direktauftrag

Bauherrschaft* (Institutionsbezeichnung, Ort, oder «privat») Evangelisches Johannesstift Wichernkrankenhaus gGmbH, Paul Gerhardt Diakonie

Architektur
huber staudt architekten bda, Berlin
Projektleiter: Christian Huber
Team: Joachim Staudt, Jan Schombara, Pedro Coelho, Yifang Liu, Sohta Mori, Marian Almansa, Grèta Dalma Medgyesi

Fachplaner
TGA Elektroinstallation: GENIUS Ingenieurbüro GmbH, Berlin
TGA Sanitär-Heizung-Lüftung-Kälte: IB Weinstock, Berlin
Tragwerksplanung: IB Kaiser, Berlin
Brandschutz: Peter Stanek, Berlin
Außenanlagen: Irene Fiedler, Berlin

Modellbau
Alexander Hammes Architekten, Berlin

Ausführende Firmen
Rohbau: E+W Bautec GbR, Fürstenberg/Havel
Fassade WDVS: KOWA Bau GmbH, Potsdam
Tischlerarbeiten-Fenster / Außentüren: Tischlerei Helm GmbH, Fürstenberg/Havel
Tischlerarbeiten-Innentüren: Appold Türelemente GmbH, Prichsenstadt
Tischlerarbeiten-Einbaumöbel:, altho GmbH, Ahaus
Schlossarbeiten: Moltzower Service & Handels GmbH, Moltzow
Heizung/Sanitärtechnik: Wärme+Wasser, Heizungs-u. Sanitärinstallation GmbH & Co.KG, Schlieben
Elektrotechnik: SICOTRON Service GmbH, Berlin
Lüftung: LKK Klimatechnik, Handels- und Service GmbH, Strausberg

Hersteller
WDVS: Heck Wall Systems
Holzfenster: Helm Tischlerei & Fensterbau GmbH, Fürstenberg/Havel
Fussbodenbelag: Forbo

Energiestandard
EnEV 2016

Bruttogeschossfläche
4.705 m²

Gesamtkosten
12.975.000 €

Fotos
Werner Huthmacher, Berlin
​huber staudt architekten bda

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