Sturm – Mond – Holz

Pedevilla Architects
5. Juni 2020
Ansicht von Süden mit geschütztem Außenbereich (Foto: Gustav Willeit)

Pedevilla Architects haben im Südtiroler St. Vigil ein Vollholz-Wohnhaus gestaltet. Das archaische Gebäude besteht, wie uns Armin Pedevilla erklärt, aus lokalen Materialien und wurde von Handwerker*innen aus dem Dorf errichtet. Eine zusätzliche Dämmung wurde genauso wenig verwendet wie Leime und Harze.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?


Die Bauherrschaft hat gegenüber der Natur eine sehr spirituelle Wertschätzung. Für uns bestand die Herausforderung darin, den damit verbundenen Anspruch in Architektur zu übersetzen und so respektvoll und nachhaltig wie möglich mit der Natur, den Menschen und den Materialien umzugehen.

Die differenzierten Höhen der trapezförmigen Erker nehmen auf die umliegende Gebirgslandschaft Bezug. (Foto: Gustav Willeit)
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?


Die Inspiration lag vor allem in und bei der Bauherrschaft, in deren spiritueller Haltung zur Natur, zur Landschaft und zu den Materialien der Umgebung. Sie sieht die Natur – und was sie uns schenkt – als etwas ganz Besonderes, mit dem wir sehr bewusst und respektvoll umgehen sollten. Diese Gedanken und Prioritäten waren eine schöne Grundlage, um ihr Eigenheim zu planen.

Entstanden ist ein sakral anmutender Bau mit einem aufstrebenden und gleichzeitig beschützenden Dach. Gebaut haben wir es aus Materialien der Umgebung, ohne zusätzliche Dämmung, aber auch ohne Leime oder Harze. Das Holz stammt aus den Wäldern, die 2018 vom Sturmtief »Vaja« betroffen waren, die Steinböden aus den Findlingen der Dolomiten.

Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?


Der Ort schenkte uns die Materialien; der Sturm das Mondholz, die Dolomiten den Naturstein, die Thermalquelle das Wasser. Die Bauherren teilten unsere Überzeugungen in Bezug auf den richtigen Umgang mit Natur und Materialien. Die Handwerker*innen liehen uns ihre Erfahrung in der respektvollen Verarbeitung der Naturmaterialien. Aus der unmittelbaren Topographie resultieren die Ausrichtung und die Öffnungen im Gebäude. So hat der Ort auf uns eingewirkt.

In die Umgebung ist das Einfamilienhaus nahtlos eingebunden. (Foto: Gustav Willeit)
Wie ein Baum nimmt die ciAsa eine aufstrebende Haltung ein und ist dabei wie ein Zapfen mit schützenden Lärchenschindeln eingekleidet. (Foto: Gustav Willeit)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen den Entwurf beeinflusst?


Wir bauen für unsere Bauherren – deshalb beeinflussen sie uns wesentlich. In diesem Fall war es der respektvolle und spirituelle Umgang mit Natur, mit deren Materialien. Es ging um den Gedanken von gelebter Nachhaltigkeit.

Die Bauherren stammen aus Enneberg, derselben Gemeinde inmitten der Dolomiten, in der auch unser Ferienhaus »La Pedevilla« steht. Sie haben uns beobachtet – in erster Linie unsere Art, mit Architektur umzugehen. Somit haben wir sie wohl bereits im Voraus etwas beeinflusst. Sie kamen zu uns, weil sie für ihr Hotel ein Gesamtkonzept haben wollten – inklusive Therme, Restaurant und Wohnhaus.

In der Entwurfsphase wurden wir von ihnen täglich mit frischem Thermalwasser aus der hauseigenen Quelle versorgt. So konnten wir den Spirit des Ortes und unserer Bauherrschaft besser aufnehmen und im Entwurf umsetzen.

Wohlriechendes Zirbelholz bestimmt das Innere der ciAsa. Es wurde sowohl für Böden und Wände als auch für die maßgefertigten Möbel verwendet. (Foto: Gustav Willeit)
Der symmetrische Grundriss vermittelt Ruhe und Harmonie. (Foto: Gustav Willeit)
Gab es bedeutende Projektänderungen vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk?


Wir haben die Bauherren wohl überrascht mit unserem Entwurf, in den sie sich sofort verliebt haben. Sie haben sich im Projekt wiedergefunden und von ihm bestätigt gefühlt. So kam es im weiteren Prozess zu keinen wesentlichen Projektänderungen.

Wie gliedert sich das Gebäude in die Reihe der bestehenden Bauten des Büros ein?


Das Projekt ist eine konsequente Weiterentwicklung unserer Gebäude, wenn man sich die Reduziertheit und Einfachheit vor Augen führt. Vor allem leben und erleben wir den puristischen Einsatz von Materialien – in diesem Fall Holz. 

Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?


Ein regionaler Gedanke, Traditionen, Handwerk, Kultur und vor allem der innige Wunsch der Bauherrschaft nach gelebter Nachhaltigkeit – das sind bei diesem Projekt die wesentlichen Einflussfaktoren gewesen. Für uns sind das jedoch weniger aktuelle Tendenzen, als vielmehr unsere Art, Architektur zu machen. Davon ausgehend haben wir daran gearbeitet, dies bis ins kleinstmögliche Detail umzusetzen. So wurde beim Bau der ciAsa auf sämtliche Kleber und Kunststoffe verzichtet und viel Wert darauf gelegt, dass Materialien in ihrer Ursprünglichkeit eingesetzt wurden. Man kann das ausreizen und so bauen, wie es früher einmal normal war: Kurze Wege, Handwerker*innen vom Dorf, die Gewinnung und Weiterverarbeitung von Materialien vor Ort. Wir haben darüber hinaus konsequent Sturmmondholz verwendet.

»Wie ein Specht im Baum« lebe er nun, sagt der Bauherr. (Foto: Gustav Willeit)
Welches Produkt oder Material hat zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?


Das Holz; es fiel im Oktober 2018 während eines heftigen Unwetters. Der Mondphase war es zu verdanken, dass es sich um sogenanntes Mondholz handelte – ein gesuchtes Baumaterial, dem man besonders positive Verarbeitungseigenschafte zuspricht. Alle Beteiligten hatten dem Material Holz gegenüber den nötigen Respekt, wodurch ein wunderbarer Spirit auf der Baustelle herrschte. Das trug natürlich besonders zum Erfolg des Projekts bei.

Schwarzplan
Grundrisse
Schnitt
Name des Bauwerks
ciAsa Aqua Bad Cortina
 
Standort
Str. Fanes 40, 39030 St. Vigil in Enneberg
 
Nutzung
Einfamilienhaus
 
Auftragsart
Direktauftrag
 
Bauherrschaft
privat
 
Architektur
Pedevilla Architects, Bruneck
Armin und Alexander Pedevilla, Matteo Bolgan
 
 
Fachplaner 
Statik: Egon Pescollderungg, St. Vigil in Enneberg
Energie: Paolo Orrù, Schlanders
HLS: TKON, Pedraces
Elektro: Georg Mutschlechner, St. Vigil in Enneberg
 
Jahr der Fertigstellung
2020
 
Gesamtkosten
EUR 0.6 Mio.
 
Gebäudevolumen 
920 m3
 
Kubikmeterpreis
EUR 650
 
Energiestandard 
Klimahaus A
 
Maßgeblich beteiligte Unternehmer
Holzbau: holzius Vollholzhaus, Prad am Stilfserjoch
Fassade: Hubert Palfrader, St. Vigil in Enneberg
Fenster und Türen: Tischlerei NAGÀ, Wengen
Holzböden: Tischlerei MAMP, Wengen
Dolomitsteinböden: Eugenio Della Gaspera, St. Lorenzen
Elektro: Verginer, Piculin
Spengler und HLS: EnergyClara, St. Martin in Thurn
Baumeister: Erich Palfrader, St. Vigil in Enneberg
 
Fotos
Gustav Willeit, Corvara und Zürich

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