Sympathische Symbiose: Vorarlberger Architektur im Holzland Steiermark

Berktold Weber
12. März 2021
Foto: Paul Ott

Ein »Nest« für Kinder wollten Berktold Weber Architekten mit einem Kindergarten und einer Kinderkrippe nahe Graz schaffen. Helena Weber und Philipp Berktold beantworten unsere Fragen.

Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?


Uns faszinieren Gebäude, die eine gewisse Zeitlosigkeit ausstrahlen und nach vielen Jahren noch gerne genutzt werden. Das ist für uns ein wichtiger Aspekt der Nachhaltigkeit – neben qualitätsvoller Gestaltung und dem Einsatz ökologischer Materialien auch flexible Strukturen zu entwickeln, die Variationen in der Nutzung erlauben. In unseren Projekten versuchen wir stets, eine gewisse Verdichtung zu erreichen. Diesen Prozess des Weglassens sieht man nicht unmittelbar, er ist jedoch wesentlich, damit konzeptionelle Klarheit und atmosphärischer Reichtum entstehen können.

Die Analyse der Aufgabenstellung ist ein Herzstück unserer Arbeit. Das betrifft sowohl den Einbezug der Umgebung, den Dialog mit dem Kontext, als auch den typologischen Ansatz, der sich im Entwurf daraus ableitet. 

Ein umgrenzter, schützender Innenhof schafft Raum zum Spielen im Freien. (Foto: Paul Ott)
Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?


Der relativ heterogenen Baustruktur haben wir ein ruhiges, klar strukturiertes Gebäude hinzugefügt. Hinsichtlich der Topografie nimmt es den nach Norden abfallenden Hangverlauf auf und fügt sich in das bestehende Gelände ein. Der witterungsgeschützte Eingangsbereich erweitert sich platzartig unter das auskragende Obergeschoss, eine einladende Treppe führt direkt nach oben in die Aufenthaltsbereiche, die L-förmig um einen räumlich gefassten Spielhof aufgespannt sind. Der direkte Bezug nach außen erweitert das Raumgefühl im Inneren und lässt die Nutzer Witterung und Jahreszeiten unmittelbar erleben.

Über den Hof gelangt man auf eine großzügige Freifläche, die gemeinsam mit den Schülern der angrenzenden Volksschule genutzt wird: ein parkartiger Außenraum mit vielfältigen Spiel- und Erlebnisorten. Die fußläufige Durchwegung nimmt die Quartierzugänge der umliegenden Bebauung auf und führt diese selbstverständlich und abwechslungsreich fort.

Die maßgefertigte Möblierung der Architekten und eine subtile Farbnuancierung prägen die warme Atmosphäre im Inneren. (Foto: Paul Ott)
Wie gliedert sich das Gebäude in die Reihe der bestehenden Bauten des Büros ein?


Bildungsbauten wie Kindergärten oder Schulen sind neben privaten Gebäuden und städtebaulichen Konzepten eines unserer wichtigsten und spannendsten Tätigkeitsfelder. Wir wollen Lebensräume schaffen, in denen die Kinder sich geborgen fühlen und frei entfalten können. In dieser Bauaufgabe sehen wir viel Sinn und arbeiten stets an neuen Lösungen und Konzepten.

Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?


Das ist eine Konstante unserer Arbeit: Wir sind offen für neue Themen, Ideen und Aufgabengebiete. Das kann sich auf Materialität, Technik oder auch den typologischen Ansatz beziehen. Auch wenn wir neue Wege gehen, versuchen wir immer, zeitlose und nachhaltige Lösungsansätze zu erarbeiten und umzusetzen. 

Miteinander verbundene Innenräume und ihr Bezug zum Außenraum und zur Natur (Foto: Paul Ott)
Die großzügigen Einbaumöbel mit Galerie als Raumlandschaft ermöglichen Rückzug und neue Perspektiven. (Foto: Paul Ott)
Welches Produkt oder Material hat zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?


Die vorvergraute Holzfassade bildet einen reizvollen Kontrapunkt zu den naturbelassenen, warmen Holzoberflächen im Innenraum. Diese treten in einen Dialog mit der wohnlichen Haptik und Ausdruckskraft farbiger Textilien. Der Einsatz robuster, lokaler und ökologischer Baumaterialen ist zentral für eine nachhaltige Struktur, eine lange Nutzungsdauer und regionale Wertschöpfung. Schlussendlich ist es die Kombination der Wirkkraft der verschiedenen Materialien, die ein atmosphärisches Ganzes ergibt.

Warme Innenräume in einer hüllenden »Neststruktur« (Foto: Paul Ott)
Lageplan
Grundriss Ebene 1
Querschnitt
Bauwerk 
Kindergarten und Kinderkrippe Mühlgasse
 
Standort
Mühlgasse, 8502 Lannach
 
Nutzung
Kindergarten und Kinderkrippe
 
Auftragsart
Wettbewerb 1. Preis
 
Bauherrschaft
Marktgemeinde Lannach
 
Architektur
Berktold Weber Architekten, Dornbirn
Philipp Berktold, Helena Weber und Susanne Bertsch
 
Fachplaner
Statik: gbd ZT, Dornbirn
Bauphysik: Vatter&Partner ZT, Gleisdorf
Elektro: Kouba, Stainz
Heizung, Klima, Lüftung und Sanitär: Reiterer & Scherling, Lannach
Außenanlagen: Monsberger, Graz
 
Bauleitung
Maitz+Partner, Lannach
 
Jahr der Fertigstellung
2019
 
Auszeichnung 
Geramb Rose 2020 – Architekturpreis des Vereins BauKultur Steiermark
 
Fotos
Paul Ott, Graz

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