Urbaner Hybrid

LAAC
19. Juli 2019
Foto: Marc Lins

LAAC haben den Bau P2 in Innsbruck gestaltet. Der Komplex ist Stadtbibliothek, öffentlichen Raum mit Gastronomie und Wohnbau in einem. Er ist eine »räumliche Organisation urbaner Beziehungen und verhandelt sowohl öffentliche als auch private Interessen«, sagen Kathrin Aste, Frank Ludin und Daniel Luckeneder, die sich unseren Fragen stellen.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Der P2 ist ein Hybrid, der unterschiedliche Funktionen in einem architektonisch gegliederten und dennoch räumlich verschränkten Baukörper vereint. Er setzt sich aus drei unterschiedlichen Volumen zusammen: dem Sockelgebäude mit den Räumlichkeiten der Neuen Stadtbibliothek, dem Wohnturm und einem öffentlichen Raum in 11 Metern Höhe über dem Straßenniveau. Letzterer nimmt zusätzliche Räume für Gastronomie auf.

Hochhäuser beanspruchen ihr Umfeld weitreichender als gewöhnliche Gebäude. Dementsprechend galt es den Anspruch zu formulieren, dass das Bauwerk seinem Umfeld einen sozialen und urbanen Mehrwert bringt. Im Fall des P2 entsteht ein öffentlicher Platz, dessen Programmierung durch die darunter liegende Stadtbibliothek geprägt ist. Ein Restaurant hat hier einen Gastgarten, die Stadtbibliothek, ein öffentliches Bücherregal und Stadtmöbel laden zum konsumfreien Verweilen ein. Das sogenannte Lesedeck ist über großzügige Freitreppen im Norden und Süden vom Straßenraum aus erreichbar. Die Querung des Platzes über der Amraserstraße versteht sich als Verbindung zum zukünftigen Frachtbahnhofareal, einem der letzten Stadterweiterungsgebiete Innsbrucks.

Foto: Marc Lins
Foto: Marc Lins
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?

Wie in vielen europäischen Städten ist auch in Innsbruck nach der Hochhausbegeisterung der 1960er- und 1970er-Jahre die Diskussion um eine flächeneffiziente Bodenpolitik abgeflaut. Zu gravierend schien die Präsenz dieser Eingriffe im Kontext der Stadt zu sein. Zu wenig wurden die Qualitäten und Möglichkeiten des Gebäudetypus Hochhaus ausgelotet. Dabei ist gerade in Innsbruck, durch die alpine Tallage mit ihren begrenzten räumlichen Ressourcen, eine Auseinandersetzung mit der Vertikalität der Stadt erforderlich. Damit stellt sich die Frage, ob und wie eine Hochhaustypologie die räumlichen und funktionalen Entwicklungsziele der Stadt unterstützen können. Die »Hochhausstudie Innsbruck«, herausgegeben vom Architekturzentrum aut (architektur und tirol), nahm sich dieser Fragestellung an und skizzierte eine Hochhaustypologie in Form einer »Urbanissima«. Die Gestaltung des P2 orientiert sich an dieser Idee.

Foto: Marc Lins
Foto: Marc Lins
Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?

In unmittelbarer Umgebung des Bahnhofs und am Kreuzungspunkt von drei Quartieren soll das hybride Gebäude Identifikationspunkt für bestehende und Weichenstellung zukünftiger Stadtteile sein. Stadträumlich folgt die Bibliotheksfassade konsequent der Flucht der Amraserstraße, die nach Pradl weist, und stärkt diese in ihrer Funktion als Hauptverkehrsachse. Sowohl die Positionierung als auch die Nord-Süd-Ausrichtung des Turms mit vorwiegend Wohnnutzung garantieren die für die Stadt charakteristischen Sichtbeziehungen in Richtung Mittelgebirge und Nordkette. Die Ausblicke aus den Räumlichkeiten auf die Bahnsteige steigern das Gefühl von Urbanität. 

Foto: Marc Lins
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen den Entwurf beeinflusst?

Das P2 ist das Bauwerk und die Initiative eines privaten Investors, das Siegerprojekt eines geladenen Architektenwettbewerbs und das Ergebnis einer Kooperation mit der Stadt Innsbruck.

Die Stadt Innsbruck verfügt über den sogenannten »Projektsicherungsvertrag«, um die Qualität der Projekte auch von privaten Investoren weitgehend zu sichert. Die Stadt hat den Sockel des P2 gekauft und dort die neue Stadtbibliothek auf insgesamt 3'500 Quadratmetern errichtet. Mit dem Neubau der Stadtbibliothek gewinnt eine wichtige öffentliche Institution an Bedeutung, und die angrenzenden Stadtteile erhalten eine Verbindung in Form eines attraktiven städtebaulichen Gelenks. Das Konzept der neuen Stadtbibliothek Innsbruck versteht die Bibliothek als öffentlichen Raum, als einen Ort des Lernens und der Begegnung. Sie verschafft Zugang zu Information, Bildung und Kultur für alle. Durch Lern- und Lesebereiche, einer Kinderbibliothek, ein Lesecafé, einen Veranstaltungsraum und eine kleine Galerie erweitert die Bibliothek ihre Kernaufgabe und wird zu einem höchst integrativen und sozialen Ort.

Foto: Marc Lins
Welches Produkt oder Material hat zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?

Die Gebäudehülle aus Glas ist essentiell für die Präsenz des Bauwerks. Durch das Glas wirkt das große Volumen leicht und verändert sich im Verlauf der Tages- und Jahreszeiten. Die Fassade bildet das Interface zwischen Innen- und Außenraum, zwischen Gebäudenutzung und Stadtleben. Besonders bei derart großen Bauwerken ist das Zusammenspiel zwischen Material, Geometrie und Funktion wichtig, um architektonisch nachhaltige Lösungen zu verwirklichen. Dafür entwickelten wir mit Hilfe digitaler Entwurfstechniken und Planungsinstrumente eine moderne Fassade. Für diese beziehungsweise die Verteilung der Fenster wurde ein eigenes Skript entwickelt, das die Grundrisse berücksichtigt und die monolithische Wirkung des Turms unterstützt.

Situationsplan
Grundriss Erdgeschoss
Grundriss 1. Obergeschoss
Grundriss 2. Obergeschoss
Grundriss 3. Obergeschoss
Schnitt
Name des Bauwerks P2 Urbaner Hybrid | Stadtbibliothek
Ort Amraserstraße 2–4, Innsbruck
Nutzung Stadtbibliothek, öffentlicher Raum, Gastronomie, Wohnen
Auftragsart Geladener Wettbewerb
Bauherrschaft PEMA Gruppe | Stadt Innsbruck
Architektur LAAC: Kathrin Aste, Frank Ludin, Daniel Luckeneder (Projektleitung), Simone Brandstätter (Projektleitung), Simone Benedikt, Ivan Niedermair, Marc Ihle, Peter Massin, Allison Weiler, Rupert Maleczek, Benjamin Jenewein, Ufuk Sagir
Fachplaner PORR Bau GmbH
Bauleitung PORR Bau GmbH
Jahr der Fertigstellung 2018
Kunst am Bau Thomas Feuerstein, Wien: Das Projekt »Truri« behandelt mit 26 Textblasen die molekulare Struktur von Neurotransmittern.
Maßgeblich beteiligte Unternehmen Generalplaner: PORR Bau GmbH | Fassade: Sauritschig, Alu-Stahl-Glas GmbH | Innenausbau: Spechtenhauser GmbH
Auszeichnung Nominiert für Mies van der Rohe Award
Fotos Marc Lins

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