Stefan Marte sprach mit Elias Baumgarten über die Haltung des Büros Marte.Marte und seine Leidenschaft für Wettbewerbe.

»Architekturwettbewerbe sind wie Sport«

25. Oktober 2019
Bernhard und Stefan Marte (Foto © Faruk Pinjo)

Heute sind Bernhard und Stefan Marte in Österreich wie im gesamten deutschen Sprachraum bekannt und erfolgreich. Längst ist aus dem beengten Büro der Anfangstage in Weiler die repräsentative Alte Dogana unterhalb der imposanten Schattenburg in der Altstadt von Feldkirch geworden. Doch wie haben sich die Architekten und ihre Arbeitsweise in all den Jahren verändert? Welche Positionen beziehen sie heute? Und wie bewerten sie die aktuelle Lage der Architekt*innen in Österreich und Mitteleuropa? Wie steht es zum Beispiel um das Wettbewerbs- und Vergabewesen? 

Elias Baumgarten: 1993 habt ihr euer Büro gegründet. Mehr als zweieinhalb Jahrzehnte ist das schon her. Viel habt ihr in all den Jahren verwirklichen können. Welches ist bisher dein Lieblingsprojekt?

Stefan Marte: Wir haben mit kleinen Wohnbauten und Infrastrukturen begonnen. Später kamen etliche Schulbauten hinzu. Und jüngst durften wir wichtige Sonderbauten wie Museen gestalten. Das sind natürlich die schönsten Aufgaben. Weit vorne rangiert für mich deshalb die Ausstellungshalle, die wir für die Messe Dornbirn entworfen haben. Soll ich aber ein Projekt herausheben, wähle ich die neue Landesgalerie Niederösterreich in Krems. Dass wir den Wettbewerb gewonnen haben, war schon eine faustdicke Überraschung für uns. Doch es kam noch besser: Wir konnten unseren Entwurf mit Unterstützung der Bauherrschaft ohne größere Abstriche umsetzen. 

Messe Dornbirn, 2018 (Foto © Faruk Pinjo)

EB: Bei der neuen Landesgalerie scheint ihr ein Stück weit mit eurer sonst oft streng orthogonalen Formensprache gebrochen zu haben. Inwiefern steht der Bau sinnbildlich für eure Haltung beziehungsweise dokumentiert dahingehend eine Veränderung?

SM: Man könnte angesichts der schwungvollen Form und der Bögen im Erdgeschoss meinen, wir steckten in einer Midlifecrisis. Und überhaupt ist ja derzeit eine formenreiche, fast barocke Architektur angesagt. Im Ernst: Unsere Arbeitsweise hat sich über die Zeit immens verändert. Anfangs haben wir uns stark an unseren Vorbildern orientiert, oft fischten wir dabei im Trüben. Es fiel uns mitunter schwer, zu entscheiden, was das Richtige für einen bestimmten Ort ist. Das ist heute anders. Die Landesgalerie ist dafür ein gutes Beispiel. Wir haben uns an zwei Anforderungen aus der Ausschreibung orientiert: Zum einen sollte ein Gebäude von besonderer Strahlkraft entwickelt werden, mit einer Anmutung, die auch über die Grenzen des Landes Niederösterreich und der Republik hinaus Beachtung findet. Zweitens sollte durch den Neubau eine Verbindung zur Donau und zur Wachau aufgebaut werden. Zugleich hat Krems eine schöne Altstadt, in die es den Bau einzubetten galt.
Unser Gebäude hat einen quadratischen Fußabdruck, seine Positionierung orientiert sich an der Struktur der Altstadt. In Modellstudien haben wir die Geschosse um eine zentrale Achse verdreht, um Bezüge zu wesentlichen Punkten in der Umgebung herzustellen. So ergab sich die dynamische Gebäudeform.

Landesgalerie Niederösterreich, Krems, 2018 (Foto © Roland Horn)

EB: Auf die Anforderungen und den Ort reagieren – das klingt sehr pragmatisch. Wo findet ihr noch Inspiration für eure Entwürfe?

SM: Schon immer haben Bernhard und mich Festungsanlagen und insbesondere mittelalterliche Burgen fasziniert. Wir haben uns kontinuierlich mit diesen Bauten befasst, und bis heute berührt mich kaum etwas mehr als eine wunderschöne, komplexe Burg. Dichte und Atmosphäre dieser Objekte begeistern mich. Heute kann man dergleichen leider schwerlich mehr bauen oder vorschlagen. Gefragt sind möglichst viel Abstand zueinander, Individualität und immer breitere Straßen.
Und natürlich – ich habe es schon angedeutet – gibt es Architekt*innen deren Arbeit wir besonders wertschätzen und genau studieren. Am meisten beeindruckt uns Peter Zumthor mit seiner unglaublichen Konsequenz und seiner unglaublichen Sinnlichkeit. Die Atmosphären in seinen Bauten sind großartig. Geprägt hat uns sicher auch Rem Koolhaas, der immer wieder neu zu überraschen weiß. Wunderbar sind die Geschichten, die er um die Projekte spinnt. Auch wir versuchen stets einen solchen roten Faden zu entwickeln. Das hilft bei einem Projekt über lange Zeiträume ausdauernd am Ball zu bleiben und die Gestaltung über den ganzen Prozess der Umsetzung gegen Überformung und faule Kompromisse zu verteidigen. Inspirierend sind ferner Herzog & de Meuron, die immer wieder neue Impulse setzen. Auch Tadao Ando und Peter Märkli schätzen wir. Und ich erinnere mich mit Freude an Vorträge von Mario Botta, Luigi Snozzi oder Raimund Abraham, die ich einst gehört habe.

Alfenzbrücke, Lorüns, 2010 (Foto © Marc Lins)
Kompetitiv

EB: Ihr seid ein Wettbewerbsbüro, die meisten eurer Aufträge resultieren aus Siegen. Doch das Wettbewerbswesen steht heute in Österreich und Deutschland, ja sogar in der Schweiz in der Kritik. Viele Architekt*innen beklagen, dass es zu wenig offene Verfahren gebe. Gerade junge Büros seien dadurch benachteiligt, sagen sie. Jüngst wurde der Wettbewerb um die Gestaltung des Kaufhauses des Westens in Wien entschieden, den OMA gewonnen hat. Nur vier Büros waren eingeladen, alle aus dem Ausland.

SM: Wettbewerbe sind unsere große Leidenschaft! Wir machen nichts lieber! Bei einem Bewerb kann man frei ein Konzept entwickeln, ohne sich fortwährend bei einem Bauherrn anbiedern zu müssen, und wird hernach von einer zumeist hochkarätigen Jury bewertet. Uns gefällt der Wettkampf, wir messen uns gerne mit anderen.
Doch zurück zu deiner Frage: Ein Verfahren mit nur vier Büros ist gewiss nicht ideal, das ist keine gute Idee. Generell muss man aber differenzieren: Bei kleinen Projekten von regionaler Bedeutung sind offene Wettbewerbe fein. Aber bei größeren Vorhaben wird das Feld dann oftmals riesig, was nicht unbedingt mehr Qualität bringt. Es mag jetzt gemein klingen: Ein Konkurrenzverfahren mit 300 Teilnehmer*innen macht mich nicht nervös, aber eines mit nur 50 ausgesuchten schon. Besser finde ich daher, einige namhafte Büros einzuladen und in einem Bewerbungsverfahren weitere Plätze zu vergeben. Ein kompaktes, starkes Teilnehmerfeld ist dann gewiss, und alle haben potenziell die Chance dabei zu sein. Zur Verteidigung der Auslober*innen muss man außerdem sagen, dass viele erfolgreiche Büros nur auf Einladung mitmachen. Man darf nicht vergessen, dass jede Teilnahme einen hohen Aufwand bedeutet und viele Ressourcen bindet.
Schwierig finde ich hingegen das Vorgehen in Deutschland, wo häufig Plätze über Losverfahren vergeben werden. Das führt selbstredend nicht unbedingt zu einem qualitätsvollen Teilnehmerfeld, besonders sportlich ist es auch nicht.

S.I.E. Hauptsitz, Lustenau, 2002 (Foto © Ignacio Martinez)

EB: Du hast es vorhin bereits angedeutet: Schwierig ist auch, nach einem gewonnenen Wettbewerb den Entwurf möglichst unverfälscht umzusetzen.

SM: Heute lastet auf Architekt*innen ein enormer Kostendruck. Man muss in der Bauherrschaft einen leidenschaftlichen Verbündeten haben, wie es für uns etwa bei der Landesgalerie in Krems der Fall war, andernfalls wird es sehr schwer, den Entwurf gegen Einsparwünsche zu verteidigen. 
Problematisch ist auch, dass wir Architekt*innen im Begriff sind, unsere Rolle als Generalist*innen zu verlieren. Wir besorgen die Kostenrechnung bei unseren Projekten selbst. So können wir sparen, ohne dass das Projekt an Kraft verliert. Verfügt man aber über dieses Knowhow nicht und ist auf Expert*innen angewiesen, läuft man große Gefahr, die eigene Gestaltung verwässert zu bekommen. Als reiner Entwurfsarchitekt hat man es ziemlich schwer. Man muss dann darauf hoffen, mit den richtigen Leuten arbeiten zu können. Bei uns in Vorarlberg ist das noch relativ unproblematisch, aber je weiter man sich in Österreich nach Osten bewegt, desto schwieriger wird es, denn das Verständnis für Architektur und die Bereitschaft in eine gute Gestaltung mehr zu investieren nimmt merklich ab. Man muss dann bisweilen sehr mühsame Debatten führen.
Interessant kann unserer Meinung nach auch die Teilnahme an einem Generalplaner-Verfahren sein, um sich ein Team nach Wunsch zusammenstellen zu können. Denn viele Fachplaner*innen haben leider kaum Interesse an den Projekten. In Krems waren wir zum Beispiel teilweise Generalplaner.

Haus Marte, Dafins, 1998 (Foto © Ignacio Martinez)
Der Reiz des Besonderen

EB: Lass uns in die Zukunft schauen: Ihr habt in den 1990er-Jahren mit regionalen Projekten in Vorarlberg begonnen und seid mittlerweile in ganz Österreich wie auch in Deutschland sehr erfolgreich. Versucht ihr künftig noch mehr Aufträge im Ausland zu ergattern?

SM: Wir möchten gerne weitere wichtige Sonderbauten verwirklichen. Die weitaus meisten davon entstehen nicht in Österreich, sondern in den großen Metropolen dieser Welt. Wir wollen nicht im Ausland bauen, aber die Projekte, die wir bearbeiten möchten, entstehen nun einmal im Gros dort. Außerhalb des deutschen Sprachraums zu arbeiten, ist extrem aufwendig und ganz bestimmt kein Zuckerschlecken – schon allein wegen der Logistik, der Sprachbarriere und den kulturellen wie mentalitätsmäßigen Unterschieden. Ich kenne Architekt*innen, die in London, Paris oder gar in China bauen – wir können uns glücklich schätzen, in Österreich und Deutschland Projekte umzusetzen. Die Rahmenbedingungen in Mitteleuropa sind merklich angenehmer. 
Unser Ziel ist, es auf die Shortlists der Wettbewerbe um die Gestaltung wichtiger Bauten weltweit zu schaffen. Und das ist unglaublich schwierig, denn es gibt international hunderte, vielleicht sogar tausende tolle Büros. Das Niveau ist sehr hoch. Architekturwettbewerbe sind wie Sport, international zu konkurrieren ist wie in der Champions League zu spielen: Alle dribbeln besser und laufen schneller, man muss sich extrem anstrengen.

Diözesanmuseum Fresach, 2011 (Foto © Marc Lins)

EB: Ihr seid sehr erfolgreich an Wettbewerben und sitzt auch öfters in Jurys – was würdest du jungen Architekt*innen als Rat für die Teilnahme mitgeben? Worauf kommt es an, wenn man gewinnen will?

SM: Es gibt einen Fehlschluss, der ist sehr verbreitet: Viele achten zuvorderst auf schöne Visualisierungen und möglichst extravagante Figuren. Aber in Wirklichkeit geht es zuallererst immer nur um die Funktion. Wer da nicht liefert, hat keine Chance. Man muss Anforderungen lesen und verstehen können. Danach erst kommt es auf eine schöne Ausgestaltung an. Und kann man beides verbinden, hat man es geschafft; dann stehen die Chancen ziemlich gut.

Stefan Marte ging zur HTL Rankweil und studierte an der Universität Innsbruck Architektur. 1993 gründete er ein gemeinsames Büro mit seinem Bruder Bernhard in Weiler. 1999 bis 2005 war er Vorstandsmitglied der Zentralvereinigung der Architekten Vorarlbergs. Seit 2005 ist er Präsident des Vorarlberger Architektur Instituts (vai).

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