Ein Künstler? Ein Architekt? Ein wahrer Baukünstler!

Falk Jaeger
15. Juni 2021
Gottfried Böhm im Jahr 2015 an der Premiere des Films »Die Böhms – Architektur einer Familie« (Foto: Elke Wetzig via Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Gottfried Böhm ist im Alter von 101 Jahren verstorben. Der Pritzker-Preisträger war einer der bedeutendsten Architekten der Moderne und ein Doyen in der bundesdeutschen Architekturszene.

Sicherlich, die 1960er-Jahre waren die große Zeit des Brutalismus in Deutschland, als die Architekten Baukunst mit skulpturalen Formen gleichsetzten und den Sichtbeton als Material der gestalterischen Freiheit feierten. Und es war der Bildhauer-Architekt Gottfried Böhm, der ihn nutzte, um mit Verve über den kargen Rationalismus der 1950er-Jahre hinauszuwachsen und den Expressionismus wieder aufleben zu lassen. Seine Wallfahrtskirche in Neviges, dieses eindrucksvolle Bergmassiv mit dem geheimnisvollen, spirituell aufgeladenen Inneren, gehört neben Hans Scharouns Philharmonie und Ludwig Mies van der Rohes Neuer Nationalgalerie zu den drei Inkunabeln der deutschen Baukunst der 1950er-Jahre. Expressiv wurde er nicht nur bei dafür prädestinierten Kirchenbauten, von denen er, durchaus in der Nachfolge seines Vaters, des Kirchenbaumeisters Dominikus Böhm, Dutzende realisieren konnte. Mit rohem Beton und mittelalterlichem Mauerwerk schuf er auch Amalgame von Alt und Neu, indem er den Gemäuern der Godesburg bei Bonn, der Kauzenburg in Bad Kreuznach oder der Burgruine Bensberg neue Bauteile kongenial implantierte. Gerade das expressionistisch aufgetürmte Rathaus von Bensberg (1967) wurde im Denkmalschutzjahr 1975 als Paradebeispiel für das »Bauen in historischer Umgebung« und als mustergültiger und überaus kreativer Umgang mit historischen Bauten gefeiert.

Mariendom in Neviges, 1968 (Foto: Rabanus Flavus via Wikimedia Commons, PD)
Rathaus Bensberg, 1969 (Foto: Grkauls via Wikimedia Commons, PD)

In den 1970er-Jahren trat Böhm in eine neue Phase ein, entwickelte holländisch anmutende strukturalistische Tendenzen, etwa bei der Wallfahrtskirche Wigratzbad, die aus sechseckigen Raumkompartimenten zusammengesetzt ist. Auch Skelette als Tragstrukturen traten auf den Plan – beim Rathaus in Bocholt, beim Stadthaus Rheinberg und beim großartigen Bürgerhaus Bergischer Löwe in Bergisch Gladbach (1974–1980). Auch wenn er Konstruktions- und Raummodulstrukturen in Wirkung setzte, wurde nie Schematismus daraus, sondern skulptural wirkende Bauwerke, die sich trotz entschieden moderner Haltung auch in ein historisch geprägtes Umfeld einfügten. Bei Böhms Gestaltungsfreude war es nicht verwunderlich, dass er in den 1980er-Jahren prompt in seine postmoderne Phase eintrat. Die Universitätsbibliothek in Mannheim schaut aus Bullaugen in die Stadt und präsentiert in den Erdgeschossfeldern riesige, von Böhm selbst geschaffene Kugelskulpturen. Es war auch die Zeit der Passagen und gläsernen Hallen. Das Kölner Hotel Maritim hat eine solche Halle und reiht sich im Übrigen mit seinen burgenromantischen Bauformen in den historischen Kontext am Rheinufer ein.

Bürgerhaus Bergischer Löwe, Bergisch Gladbach, 1980 (Foto: A.Savin via Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)
Züblin-Haus, Stuttgart, 1984 (Foto: Karlo via Wikimedia Commons, PD)

In Stuttgart gab ihm der Baukonzern Züblin die Gelegenheit, ein mächtiges Verwaltungsgebäude zu entwerfen: zwei Verwaltungstrakte, zwischen denen sich eine haushohe gläserne Halle aufspannt. Böhm färbte die Betonfertigteile rot wie schwäbischen Buntsandstein und setzte eine seiner erstaunlichen Treppenturm-Erfindungen samt Brückengespinnst inmitten der Halle. Beim Zeichnen solcher Brückentürme, skurriler Gerüstbauten und konstruktivistischer Bogenorgien ließ er seiner Fantasie stets freien Lauf. Hin und wieder bestritt er damit Wettbewerbe für Museen, den Reichstag in Berlin und ähnliche Projekte, aber ohne ernsthafte Realisierungschancen. Diese fantasievollen, ja zuweilen poetischen Entwürfe gingen nahtlos über in seine künstlerische Arbeit, der er sich neben der Architektur sein Leben lang widmete, und die nicht nur auf Papier blieb, sondern als Wandmalereien, Glasfenster und Bauplastiken auch Eingang in sein gebautes Werk fanden.

Stadtbibliothek Ulm, 2004 (Foto: timsdad via Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

In den 1990er-Jahren tauchte in Böhms Entwürfen nochmals ein signifikantes Motiv auf: Schalen als Großformen. Dies beispielsweise beim Entwurf für die Reichstagskuppel, beim Wettbewerbsbeitrag für die Philharmonie in Luxemburg und schließlich beim Hans-Otto-Theater in Potsdam. Die »Orchidee am Tiefen See«, die mit ihren feuerroten, gestaffelten Schalen wie die berühmte Sydney Opera malerisch am Wasser liegt, ist der letzte große Entwurf, den er zwischen 1995 und 2008 realisieren konnte – zusammen mit Sohn Stefan Böhm. Bis zuletzt schaute er, wenn es seine Gesundheit erlaubte, täglich in seinem Kölner Büro vorbei, griff zur Zeichenkohle und brachte in seiner unnachahmlichen Kunstfertigkeit Raumerfindungen zu Papier. Am 9. Juni ist Professor Gottfried Böhm, vielfach hoch geehrt, unter anderem als einer der beiden einzigen deutschen Pritzker-Preisträger, im Alter von 101 Jahren in Köln gestorben.

Hans-Otto-Theater, 2006 eröffnet (Foto: Suse, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)

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