Haus am See

Ulf Meyer
6. März 2020
Foto © Lukas Schaller

querkraft architekten haben ein Wohnhochhaus in Wiens Entwicklungsgebiet Seestadt Aspern entworfen. Gestalterische Highlights – doppelgeschossige Räume oder schöne Holzfußböden etwa – wurden durch Einsparungen an anderen Gebäudeteilen möglich.  

Die Seestadt Aspern in Wiener ist eines der größten Stadtentwicklungsprojekte Europas. Mehr als 20'000 Menschen werden auf dem Gelände des ehemaligen Flugfeldes Aspern dereinst wohnen und arbeiten, das 1977 geschlossen wurde. Nach dem Entwurf des schwedischen Architekten Johannes Tovatt, der sich 2007 beim Wettbewerb mit seinem Masterplan durchsetzte, wird ein durchmischter Stadtteil mit 15'000 Büroarbeitsplätzen und 5'000 Arbeitsplätze in Gewerbe, Wissenschaft, Forschung und Bildung entstehen. Zu sehen ist davon bisher das Ergebnis der ersten von drei Bauphasen im Süden der Anlage. Hier hat das Büro querkraft das Wohnhochhaus »Wohnen am See« (J5A) gestaltet, das zeigt, wie die Zukunft von Wiens Neustadt aussehen könnte. Bauherr waren der prominente Wiener Immobilienhändler Günter Kerbler und Caroline Palfy, die mit dem »HoHo« auch das aktuell höchste Wohnhochhaus in Holz der Welt errichten ließ, das in Sichtweite des querkraft-Baus steht.

Ziel der Architekt*innen, die sich den Auftrag in einem Wettbewerb sicherten, war eine »Kombination von Effizienz und Qualität«. Sie haben nur einen einzigen Erschießungskern mit L-förmigem Flur bauen lassen, über den neun Wohnungen pro Etage zu erreichen sind. Die Flurwände sind ebenso wie der Eingang in einem hellen Gelb gestrichen und zeigen sich so auch an der Fassade, die von dem gelben Streifen in einen hellen und einen dunkleren Bereich gegliedert wird. Das hilft, die wahre Tiefe des Hochhauses zu kaschieren. 

Die Unterkanten der grauen Kasten-Balkone sind schräg, ihre polygonale Ansicht nimmt die Form des Hausgrundrisses auf. querkraft architekten hatten zuvor mit Berger+Parkkinen ein Wohnhaus in Holz für die Seestadt Aspern entworfen, bei dem die großen Balkon-Kästen schon erprobt wurden. Diese erzielen eine an MVRDV erinnernde Schubladen-Anmutung. 

Foto © Lukas Schaller

Der zentrale Flur hat an drei Stellen Öffnungen zum Außenraum und ist entsprechend gut natürlich belichtet. Die sieben Wohnungen im Erdgeschoss werden direkt von der Straße aus erschlossen und wirken Townhouse-artig. Sie verfügen über rückwärtige Mietergärten. Die Verkehrsflächen sind ebenso minimiert wie Tragwerk und Haustechnik. 

Foto © Lukas Schaller

Bei dem Projekt auf einem Eckgrundstück an der Janis-Joplin-Promenade ging es den Entwerfern auch um eine Art Quersubventionierung: Große Verglasungen und die hinterlüftete Alucobond-Fassade mit vertikalen Profilierungen konnten sie nur durchsetzen, weil die Bauweise sonst sehr sparsam ist. Auch in den Interieurs konnten sie so hochwertigere Materialien verwenden, Holzfußböden zum Beispiel. Viele Wohnungen haben Wohnzimmer mit doppelter Raumhöhe von 5,4 Metern. Es handelt sich aber nicht um Maisonettes. 

Aus jeder Wohnung hat man Zugang zu Gemeinschaftsräumen mit begrünten Terrassen. Der große Hof ist ebenfalls bepflanzt. Doch der wichtigste Punkt ist immaterieller Natur: Alle Wohnungen im Turm genießen einen herrlichen Blick auf das Gewässer, welches der Seestadt ihren Namen gibt. Ein Wermutstropfen allerdings bleibt: Der See liegt im Norden des Hauses, die Orientierung ist also nicht optimal. Insgesamt überzeugt das Projekt mit den gezielt gesetzten Highlights, die durch Einsparungen anderenorts ermöglicht wurden.

Situation
Grundriss Erdgeschoss
Schnitt

Andere Artikel in dieser Kategorie