Jung und talentiert – doch ohne Chance?

Ulf Meyer, Elias Baumgarten
23. April 2021
Benjamin Eder, Umbau eines Bergbauernhofes, Juffinger Jöchl (Foto: Sebastian Schels)

Junge Architekt*innen haben es schwer in Bayern und ganz Deutschland: Das Wettbewerbs- und Vergabewesen benachteiligt sie. In München fand im Zuge der Ausstellung des BDA-Preises »max40 – Junge Architektinnen und Architekten 2021« ein Streitgespräch statt.

Architekturwettbewerbe in Österreich werden immer wieder kritisiert – Kathrin Aste, Professorin an der Universität Innsbruck, beklagte zum Beispiel im Interview mit uns, diese seien immer weniger künstlerische Ideenwettbewerbe und verkämen zum Einsammeln bereits baubarer Projekte. Schwierig ist die Lage auch in Bayern und ganz Deutschland, wo sich der Architekturnachwuchs schwer tut, an interessante Aufträge zu kommen, weil die Zugangshürden bei vielen Wettbewerben hoch sind. Welch großes Potenzial so verschenkt wird, will die Ausstellung »max40 – Junge Architektinnen und Architekten 2021« zeigen, die der bayerische Landesverband des Bundes Deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) derzeit in der Architekturgalerie München präsentiert. Anlässlich der Vernissage stellten zwei einheimische Preisträger der älteren Generation von Bauherren, Berufs- und Baupolitikern unbequeme Fragen.

Der BDA-Preis für junge Architekturschaffende wurde erstmalig von acht Landesverbänden ausgelobt. Dieses Engagement ist wichtig und wird hoffentlich noch ausgeweitet.
Fürsprecher

In Tirol kennt man Benjamin Eder bereits gut: Voriges Jahr erhielt er im Rahmen der Auszeichnung des Landes für Neues Bauen eine lobende Erwähnung. Unter anderem mit seinem Münchner Kollegen Fabian A. Wagner, wie Eder max40-Preisträger, diskutierte er »Wege, wie die nächste Architektengeneration Zugang zu interessanten Bauaufgaben bekommen kann, die den Weg in die Selbstständigkeit ermöglichen«. Eder und Wagner haben es bereits geschafft – sie sind selbständige Architekten und haben mit der Sanierung eines Tiroler Bergbauernhofes (Eder) beziehungsweise dem Schwarzen Haus am Ammersee (Wagner) bereits erfolgreich gebaut.

Beim einsamen Bergbauernhof auf 1100 Metern Seehöhe am Juffinger Jöchl mit Aussicht auf das Brixental in den Kitzbühler Alpen war es Eders Anspruch, »das Alte zu bewahren und, wo nötig, mit Neuem zu stärken«. Stahl hat der junge Architekt in bewusstem Kontrast zum Bestand eingesetzt: Wände und Boden wurden »ohne Scham vor Flickwerk« ergänzt. Eders Umgang mit dem Bestand ist minimalinvasiv und zeitgemäß. 
Wagners Schwarzes Haus spricht mit seiner verkohlten Holzfassade eine andere, doch ebenso überzeugende Sprache. Es füge seiner heterogenen Nachbarschaft ein weiteres Element hinzu, sagt der Nachwuchsarchitekt. Unterschiedlich hohe Räume wurden ineinander gesteckt. Dank zweier entwurfsprägender Pivot-Fenster lassen sich die Räume vollständig öffnen. Küche, Schränke, Türen und Fenster sind aus geölter Eiche, die Wände und Decken aus Sichtbeton wurden sandgestrahlt.

Fabian A. Wagner, Schwarzes Haus, Ammersee (Foto: Florian Holzherr)
Keine systemischen Probleme?

Aber nicht jede junge Architektin und jeder junge Architekt hat reiche Verwandte oder wohlhabende Freunde, die ein Erstlingswerk beauftragen. Deswegen ist der Zugang zu Wettbewerben für den Nachwuchs essentiell. Eder und Wagner fordern deshalb, dass junge Architekt*innen in Preisgerichten besser repräsentiert werden. Bisher ist das in ihrer Heimat Bayern zu selten der Fall – nur vereinzelt treten junge Gestalter wie Max Otto Zitzelsberger als Juroren auf. Allzu oft behindere Sicherheitsdenken die Innovation, sind sich Eder und Wagner einig. Diese Kritik wollte Michael Hardi, Leiter der Stadtplanung in München, so nicht stehen lassen. Sein Rat an die junge Generation lautete vielmehr, schon während des Studiums ein Netzwerk aufzubauen und »Guerilla-Planning« zu betreiben – also ohne Bauherrschaft zu entwerfen, um so einen Auftrag zu ergattern. Das setzt allerdings erhebliches Eigenkapital voraus. Solche Aussagen dürften auf viele junge Architekturschaffende befremdlich bis provokativ wirken.

Einen ganz anderen – aber ebenfalls nicht allen offen stehenden Weg – schlug Max von Bredow vom Entwickler Quest vor. Für ihn sind regionale Herkunft und Ortsverbundenheit entscheidende Qualitäten für Berufsanfänger. Gerne würde er mit jungen Architekt*innen in oder aus Oberbayern arbeiten. Für von Bredow sind auf dem Land »Großbüros eher schädlich«. Ein namhaftes Büro, »das schon fünf Glaspaläste in Berlin gebaut hat«, überfordere die Gemeinden in der Provinz. »Auf dem Land gibt es dadurch zwar weniger progressive Ästhetik, aber auch weniger Klagefreudigkeit«, so sein Fazit. 
Verzagtheit nützt jedenfalls nicht: Hardi verglich Architekturschaffende mit Juristen, die von sich behaupten, »alles zu können«. Architekt*innen müssten darauf achten, fachlich die »Fäden zusammenzuhalten«, so Hardi. Man müsse die »Fachthemen im Blick haben, aber nicht alles lösen können« – so formulierte es von Bredow.
Interessant, dass von Bredows Parteinahme für das regionale Bauen gewisse Schnittmengen mit der Position des international bekannten bayerischen Architekten Peter Haimerl aufweist. Haimerl wirbt schon seit geraumer Zeit dafür, dass Nachwuchsarchitekt*innen in ländlichen Regionen arbeiten und klare Positionen entwickeln.

Neidische Blicke ins Ausland

Doch solange die Vergabe weitgehend auf Referenzen beruht, nutzen Aufmunterungen dem Nachwuchs wenig und junge Gestalter*innen haben es weiterhin schwer. »Auf Belgien und die Niederlande werfen wir neidische Blicke«, sagte Eder in München. Denn dort würden Wettbewerbsteilnahmen bezahlt, allgemein herrsche mehr Experimentierfreude und Vertrauen als in Deutschland. Auch in der Schweiz, so möchte man ergänzen, ermöglichen Wettbewerbe jungen Architekt*innen viel öfter den Start in eine erfolgreiche Laufbahn. Die junge Generation solle neue Themen besetzen, riet Hardi: Nachhaltigkeit natürlich, aber auch die »Untrennbarkeit von Freiraum und Hochbau«, die dabei helfen könne, in der Post-Corona-Zeit in den »leeren Innenstädten Bauqualität zu erhalten«. Denn: »Die nächste Pandemie kommt bestimmt!«

Neben der Ausbildung einer starken Haltung wird für die Sicherung einer hochstehenden und zukunftsfähigen Baukultur in Bayern und Deutschland trotzdem kaum ein Weg an einer kritischen Inventur des Wettbewerbs- und Vergabewesens vorbeiführen. Wohlstand sollte nicht länger über die beruflichen Chancen entscheiden, sondern Leistung. Wünschenswert wären mehr offene Wettbewerbe. Es braucht einfachere Verfahren und besser zusammengesetzte, kompaktere Jurys. Auch muss sichergestellt werden, dass die Preisrichter*innen nicht immer wieder aus demselben Personenkreis rekrutiert werden. Wem es an Referenzen fehlt, der sollte die Möglichkeit haben, für die Umsetzung seiner Ideen Partnerschaften einzugehen. Und schließlich muss ein Sieg im Wettbewerb auch einen Auftrag bedeuten – anders als beispielsweise bei der Überbauung San Riemo der Kooperative Grossstadt in München, wo am Ende das zweitplatzierte Projekt doch das Rennen gemacht hat. Wer weiß, vielleicht bringt die gemeinsame Initiative von Architekturschaffenden und Verbänden aus Bayern und Österreich neuen Schwung.

Die Ausstellung »max40 – Junge Architektinnen und Architekten 2021« ist in der Architekturgalerie München (Türkenstraße 30, 80333 München) bis 15. Mai 2021 zu sehen. Gezeigt werden die 22 im Zuge des BDA-Preises ausgezeichneten Arbeiten.
 
Material zur Schau und zum Preis ist auch online verfügbar.
 
Die Einreise nach Deutschland unterliegt strengen Regeln. Sie müssen Ihren Besuch daher gut planen. Stetig aktualisierte Informationen bietet das Auswärtige Amt.

Peter Haimerl diskutierte das Bauen im ländlichen Raum und den Zustand der Baukultur im deutschen Sprachraum im Rahmen unserer D-A-CH-Gespräche mit Roman Hutter aus der Schweiz und dem Vorarlberger Sven Matt.

Kathrin Aste übte im Interview mit uns deutliche Kritik an Architekturwettbewerben in Österreich.

Stefan Marte sieht das Wettbewerbswesen in Deutschland weniger kritisch. Mehr offene Wettbewerbe zu veranstalten, so sagte er uns, sei kein Allheilmittel.

Architekt*innen aus Bayern und Österreich wollen gemeinsam auf ein besseres Wettbewerbs- und Vergabewesen hinwirken.

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