Kriegsfotografie, Substantiv, feminin

Nadia Bendinelli
12. März 2020
Anja Niedringhaus, »Ein kanadischer Soldat des Royal Canadian Regiment verjagt bei einer Patrouille in Salavat ein Huhn. Sekunden später wird die Patrouille von Militanten mit über die Mauer geworfenen Handgranaten angegriffen«, Salavat, Afghanistan, September 2010 (© picture alliance / AP Images)

Kriegsfotografie ist kein leichtes Thema. Trotzdem: Die Ausstellung »Fotografinnen an der Front«, aktuell im Fotomuseum Winterthur in der Schweiz zu sehen, ist interessant und gelungen – es wäre schade, sie zu verpassen. 

Es überrascht positiv, finden Kriegsfotografinnen in einem Museum Platz. Dies aus drei Gründen: Kriegsaufnahmen werden von Kunsthistorikern in der Regel als Nebensache behandelt – und deswegen selten in den Mittelpunkt gestellt. Zudem ist diese Sparte der Fotografie heute noch männlich konnotiert, obwohl das Feld schon immer auch von Frauen besetzt wird. Dazu verwahren sich auch Fotojournalist*innen selbst entschlossen gegen die Bezeichnung Kunst: Sie seien in dieser Aufgabe keineswegs Künstler*innen, sagen die meisten, ihre Arbeit diene der Dokumentation. Die Ausstellung »Fotografinnen an der Front« ist somit etwas Besonderes. Von Anne-Marie Beckmann und Felicity Korn für den Kunstpalast in Düsseldorf entwickelt und von Nadine Wietlisbach für das Fotomuseum Winterthur adaptiert, ist sie bis zum 24. Mai 2020 zu sehen.

Die Kriegsreportage ist schon immer ein starkes und bewusst eingesetztes Kommunikationsmittel. Ihre Aufgaben sind zu informieren, zu legitimieren und auch einzuschüchtern. Die Reportage ist schnelllebig, über die Presse verbreitet und von ihr gesteuert, lebt sie im Jetzt, denn morgen kommen neue Bilder. Dem wirkt die Ausstellung im Fotomuseum entgegen: Die Bilder werden in kleinerem Format und gerahmt präsentiert, so geben sie Raum zur Reflexion. Lassen sie sich nicht mehr als reine Information konsumieren, entfalten sich Kraft und Tragweite dieser Momentaufnahmen.

Gerda Taro, »Republikanische Milizionärin bei der Ausbildung am Strand bei Barcelona«, Spanien, August 1936 (© International Center of Photography, New York)
Fotografieren Frauen anders?

Natürlich nicht. Oder doch? Verschiedenen Perspektiven auf den Krieg haben sehr wenig mit dem Geschlecht zu tun, sondern vielmehr mit der Persönlichkeit und den Beweggründen der Fotografin oder des Fotografen. Wählt man acht Fotojournalisten oder – wie bei »Fotografinnen an der Front« geschehen – acht Fotojournalistinnen, gleicht stets keine Bildserie der anderen. Unterschiedliche Bildsprachen und Strategien, verschiedene Geschichten, Subjektivität und individueller Stil sind gleichermaßen bei Frauen wie Männern zu finden. Somit wäre es zumindest kurios zu behaupten, man erkenne beim Betrachten der Fotografien, welches Geschlecht ihr Autor aufweist. 

Worin besteht also der Unterschied? Interessant ist, was die Fotografinnen selbst über das Thema berichtet haben: Als Frau in Kriegsgebieten tätig zu sein, bringt demnach neben Schwierigkeiten durchaus Vorteile. Besonders in patriarchalischen Kulturen durften sie Zugang zu Frauen und Kindern haben und sich freier bewegen, weil sie als weniger bedrohlich wahrgenommen wurden. Sie unterstanden keinem Kontaktverbot – anders als ihre männlichen Kollegen. Diese gefühlte Unsichtbarkeit hat sehr gedient, so Susan Meiselas über ihren Einsatz in Nicaraguas Bürgerkrieg, um über das Alltagsleben der Menschen im Krisengebiet möglichst authentisch zu berichten. Denkt man zudem an die unzähligen Vergewaltigungen, die in jedem Krieg stattfinden, wird das Empfinden der Betroffenen nochmals verständlicher. Gefühle laufen hier aber in beide Richtungen: Mehr Vertrauen wird gewährt und zurück kommen mehr Einfühlungsvermögen und Empathie.

Über 75 Jahren und aus 8 Perspektiven

Die für die Ausstellung ausgewählten Fotografinnen berichteten über Konflikte, die zwischen 1936 und 2011 stattfanden – mit eigenem Stil, verschiedenem Fokus und in sehr unterschiedlichen Zeitungen und Medien, immer aber mit der Intention, die Welt mit den Geschehnissen zu konfrontieren und dadurch zur Stellungnahme zu bewegen. Die Fotos aller Fotografinnen wurden in relevanten Zeitungen und Zeitschriften publiziert, und einige der Protagonistinnen erhielten mehrfach wichtige Preise. 

Von großen Idealen bewegt, engagierten sich Gerda Taro (1910–1937) und Anja Niedringhaus (1965–2014) leidenschaftlich mit dem Ziel, den Unterschied zu machen. Taro war politisch motiviert, als sie im Sommer 1936 nach Spanien reiste, um über den Bürgerkrieg zu berichten: Sie wollte damit den antifaschistischen Widerstand unterstützen. Sie arbeitete mit André Friedmann unter dem Pseudonymen Robert Capa zusammen, was ihr die Berichterstattung überhaupt erst ermöglichte, aber dazu führte, dass ihre Arbeiten lange Capa zugeschrieben wurden. Sie starb an der Front, als sie von einem Panzer überfahren wurde. Anja Niedringhaus war überzeugt, durch ihre Bilder würde sie dazu beitragen, Krieg zu beenden. Mit der Zeit wurde sie allerdings »desillusioniert«, wie sie später sagte. Dank ihrer Nähe zu den Soldaten im Einsatz vermochte sie die menschliche Seite der Konflikte aufzudecken. Die Betroffenen und deren Schicksal standen bei ihr im Mittelpunkt. Dennoch wirken ihre Bilder ästhetisch. 2005 erhielten sie und ihr Team den Pulitzer-Preis und im selben Jahr auch den Courage in Journalism Award der International Women’s Media Foundation. Niedringhaus wurde 2014 in Afghanistan von einem Polizisten erschossen.

Gerda Taro, »Kriegswaise beim Suppenessen«, Madrid, Spanien, 1937 (© International Center of Photography, New York)
Anja Niedringhaus, »Ein amerikanischer Marineinfanterist der 1st Division trägt ein GI-Joe-Maskottchen als Glücksbringer in seinem Rucksack, während seine Einheit tiefer in den westlichen Teil der Stadt vordringt«, Falludscha, Irak, November 2004 (© picture alliance /AP Images)

Anders begann Lee Millers (1907–1977) Karriere: Zuerst erfolgreich als Model, wechselte sie später zur Fotografie. Sie bewegte sich unter den Pariser Surrealisten und genoss eine Lehre bei Man Ray. Um die Schauplätze des Zweiten Weltkriegs zu dokumentieren, folgte sie ab 1944 den alliierten Truppen durch Frankreich, Belgien, Luxemburg und schließlich nach Deutschland. Die dort entstandenen Bilder hielten die Gräuel des Holocaust, das Leben der Deutschen und die Zerstörungen fest. Der surrealistische Einfluss widerspiegelt sich in ihren Fotos: Durch Komposition und Lichtführung werden Atmosphäre und ästhetisierende Wirkung erzeugt. Nach dem Krieg und bis an ihr Lebensende weigerte sie sich, über ihre Erlebnisse zu sprechen. 

Lee Miller, »Blick auf die Landungsfahrzeuge«, Normandie, Frankreich, 1944 (© Lee Miller Archives, England 2019, alle Rechte vorbehalten: leemiller.co.uk)

Eine künstlerische Ausdrucksform ist auch bei den ausgestellten Bildern aus Nicaragua der Amerikanerin Susan Meiselas (*1948) zu erkennen. Dafür erhielt sie auch den Vorwurf, die Grenze zwischen Kunst und Dokumentation nicht adäquat zu markieren und die Ästhetik zu Ungunsten des Inhalts vorzuziehen. Aber die Essenz und Lebendigkeit Nicaraguas sind bunt, Meiselas konnte dem Land nur gerecht werden, indem sie es so zeigte. Erst durch ihre Fotoreportage wurde die Welt auf den Konflikt überhaupt aufmerksam. Seit 1976 ist sie Mitglied der renommierten Magnum Agentur. Auch Carolyn Cole (*1961) setzte Farbe als wichtiges Element ein. Ihre Bilder zeichnen sich durch sehr ästhetische Farbstimmungen, eindrückliche Komposition und den starken Fokus auf das Sujet aus. Sie erhielt 2004 den Pulitzer-Preis für ihre Reportage über den Liberianischen Bürgerkrieg. Cole ist seit 1994 für die Los Angeles Times tätig, fotografiert aber seit wenigen Jahren nicht mehr in Kriegsgebieten.

Susan Meiselas, »Graffiti am niedergebrannten Haus eines Somoza-Anhängers in Monimbó: ›Wo ist Norman Gonzales? Die Diktatur muss antworten‹«, Nicaragua, 1978 (© Susan Meiselas / Magnum Photos)
Carolyn Cole, »Ein Soldat der US Marines mit getarntem Gesicht während der Schlacht um Nadschaf, Irak. Die US-amerikanische Armee versuchte sich mit Bombardierungen und Bodentruppen zur Imam-Ali-Moschee, einem wichtigen schiitischen Heiligtum, durchzukämpfen, bis schließlich ein Waffenstillstand ausgehandelt wurde«, Nadschaf, Irak, August 2004 (© Carolyn Cole / Los Angeles Times)

Im zweiten Raum der Ausstellung befinden sich beinahe ausschließlich Schwarz-Weiß-Fotos. Dort sind auch Bilder der drei Französinnen Catherine Leroy (1944–2006), Christine Spengler (*1945) und Françoise Demulder (1947–2008) gruppiert. Jede hatte eine eigene Bildsprache und tagsüber waren sie Konkurrentinnen auf der Suche nach dem einen Bild, am Abend aber »die drei Musketiere«, sagt Christine Spengler. Keine genoss je eine fotografische Ausbildung, sie lernten die Technik direkt im Einsatz. Dennoch war Françoise Demulder 1977 die erste Frau, welche die Auszeichnung World Press Foto of the Year erhielt – für ein Bild aus dem Bürgerkrieg im Libanon. Sie richtete einen sachlichen, distanzierten Blick auf das tägliche Leiden, ihr Interesse galt dem Krieg eher als historisches Ereignis. Auch Christine Spengler widmet ihre Arbeit den Opfern – aber mit einem emotionaleren Bezug. Ihre Sujets sind szenografisch eingebettet, sie vermeidet jedoch Sensation und Überdramatisierung. Brutale Bilder mitten aus dem Geschehen zeichnen Catherine Leroys Arbeit aus: Als sie zum ersten Mal im Kriegsgebiet ankam, legte sie sich eine Uniform zu und ging direkt an die Front. Für ihre Berichterstattung aus Beirut erhielt sie als erster Frau die Robert-Capa-Goldmedaille für die beste veröffentlichte Fotoreportage. 

Blick in die Ausstellung (Foto © Benedikt Redmann / Fotomuseum Winterthur)

Mit »Fotografinnen an der Front« ist dem Fotomuseum Winterthur gelungen, mit den drei eingangs erläuterten Fehlschlüssen aufzuräumen: Die Kriegsreportage kann durchaus in den Mittelpunkt der Kunstgeschichte gerückt werden. Die acht Frauen bekommen – stellvertretend für alle (oft marginalisierten) Kriegsjournalistinnen – Sichtbarkeit und machen den Besucher*innen klar, dass Frauen sehr wohl in dieser Sparte tätig sind. Dass Fotojournalist*innen keine Künstler*innen sind, haben sie oft und deutlich gesagt. Trotzdem: Ihre Arbeit gehört ins Museum. Was sie tun ist relevant. Und obwohl sie für die schnelllebige Tagespresse gedacht sind, verdienen ihre Bilder, einmal mit Ruhe und Bewusstsein betrachtet zu werden. 

Fotomuseum Winterthur
Grüzenstrasse 44 + 45
8400 Winterthur
Schweiz
https://www.fotomuseum.ch/
 
Im Zuge der Ausstellung finden Gespräche und Führungen statt:
Mittwoch, 25. März 2020, 18.30–19.30 Uhr
Führung und Talk: Doris Gassert im Gespräch mit Clément Saccomani

 
Samstag, 23. Mai 2020, 16–17 Uhr
Führung und Talk: Nadine Wietlisbach im Gespräch mit Elisabeth Bronfen
 
Mittwoch, 20. Mai 2020, 18.30–19.30 Uhr
Führung mit Christina Schmidt
Fotografinnen an der Front. Von Lee Miller bis Anja Niedringhaus

Fotografinnen an der Front. Von Lee Miller bis Anja Niedringhaus
Anne-Marie Beckmann Felicity Korn

287 x 246 Millimeter
ISBN 9783791358635
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