Kunst in den Alpen – lernen vom Bergell

Susanna Koeberle
1. September 2022
Die Installation »Raw Bite« von Val Minnig im Dorfkern von Vicosoprano (Foto: Michel Gilgen)

Der Katalog zur diesjährigen Biennale Bregaglia trägt den Titel »Insieme congiunti. Orte, Interventionen«. Kunst für den Ort zu schaffen, war stets das Anliegen der Veranstaltungen des Vereins Progetti d’arte in Val Bregaglia. Das schliesst auch die Zustimmung der Bevölkerung mit ein. Nach mehreren Kunstanlässen in dem Schweizer Tal an der Grenze unseres Nachbarlandes zu Italien, die jeweils vom Churer Galeristen Luciano Fasciati mitbetreut wurden, beschlossen die Beteiligten, eine Biennale ins Leben zu rufen. 2019 fand dazu eine Abstimmung in der Gemeinde statt. Der positive Ausgang konkretisierte die bestehenden Pläne, sodass im Juli 2020 trotz erschwerten Umständen aufgrund der Pandemie die erste Biennale Bregaglia eröffnet werden konnte. Doch warum eine Biennale in dem Alpental? Gibt es nicht schon genug Kunstanlässe? Die Antwort hängt mit der Absicht der Veranstalter*innen zusammen, Kunst im Ort selber zu verankern, sie also mit den spezifischen Eigenschaften des Territoriums in einen Dialog treten zu lassen. Dieses Anliegen steht auch für die beiden neuen Kuratorinnen Bigna Guyer und Anna Vetsch im Vordergrund. 

Nun ist der Begriff »ortsspezifisch« im Kontext der Kunst nicht ganz einfach zu fassen. Er impliziert, dass bestimmte Orte nach bestimmten Kunstwerken rufen. Diese Setzung ist an sich schon ungewöhnlich, zumal wir Kunst in der Regel im musealen Kontext erwarten. Das Ausbrechen aus dem Museum und das Hineinwirken in den öffentlichen Raum ist mit vielen Herausforderungen verbunden, kann aber auch eine Chance sein – etwa mit der Kunst mehr und andere Menschen zu erreichen. Erfahrungsgemäß pilgert dann aber doch vornehmlich eine kunstinteressierte Schar an solche temporären Anlässe. Nichtsdestotrotz kann während der begrenzten Dauer der Ausstellung etwas passieren, das sowohl der Kunst als auch dem Ort zugutekommt. Oder zumindest eine neue Lesart der vertrauten Umgebung ermöglicht.

Die beiden Kuratorinnen der zweiten Biennale Bregaglia, Anna Vetsch und Bigna Guyer (Foto: Michel Gilgen)

Dass diese Orte auch ganz banal und alltäglich sein können, zeigt die Wahl eines Supermarkts (Rico Scagliola und Michael Meier) oder einer Außenwand eines Getränkehändlers von Vicosoprano (Jeanno Gaussi) als Location für Kunstwerke. Nicht unbedingt das, was man zu den malerischen Hotspots eines Bergtals zählen würde. Ist man denn nicht mal beim Einkaufen vor Kunst sicher?, fragte sich auch der Lyriker und Spoken-Word-Artist Jürg Halter bei seiner Performance in der Villa Helvetia – dem Info-Point der Biennale –, die anlässlich der Buchvernissage stattfand. Immerhin wirkte der Besuch der Interventionen bei ihm offensichtlich als Katalysator. Auch schwarzer Humor kann eine Reaktion auf Kunst sein – nicht die schlechteste und überdies eine, die Fragen aufwirft über den Sinn und Unsinn solcher »ortspezifischer Interventionen«. Denn es kann kaum das Ziel einer Biennale sein, nur hübsche Kulissen für Kunst zu bieten. Die Frage stellt sich zu Recht, ob die künstlerischen Auseinandersetzungen auch eine gesellschaftliche Dimension besitzen. Umgekehrt wäre es auch denkbar, dass der Ort auf die Person einwirkt, welche Kunst macht. In diesem Falle entstünde so etwas wie ein Austausch. Dass dieser außerhalb des gewohnten Kunstkanons stattfindet, erhöht die Glaubwürdigkeit eines solchen Unterfangens. 

Dieses muss sich allerdings immer seines eigenen blinden Flecks bewusst sein. Wie nämlich der sogenannte »lokale Kontext« zu einer bloßen Hintergrundszenerie verkommen kann, zeigt das Beispiel Engadin unweit der Grenze zu Österreich. Bei aller Vielfalt des kulturellen Angebots kann man nicht umhin, sich zu fragen, ob nicht langsam der Punkt der Übersättigung erreicht ist. Aber wer weiß, am Ende gehört das zur Marketingstrategie der Region angesichts des ausbleibenden Schnees. Kultur als Rettungsanker – auch nicht übel. Und schließlich ist ja auch in Städten permanent etwa los. Allerdings gehört das Gefühl  der Dauerüberforderung wohl zum Wesen des Urbanen. Während das Ländliche – vielleicht fälschlicherweise! – das Bild der Erholung evoziert. Wir müssen uns vielleicht auch verabschieden von einem dualistischen Denken und diese unterschiedlichen Territorien als zwei Seiten einer Medaille verstehen. Insofern kann es durchaus fruchtbar sein, ländliche Gegenden durch die Brille der städtischen Besucherin zu betrachten und andersherum dem urbanen Gewebe ländliche Qualitäten abzugewinnen. Dazu eine allgemeine Fußnote: Die Abkehr von gewohnten Denkmustern wird eine der großen Herausforderungen im Zeitalter des Posthumanismus sein.

Das Video »Ever Since We Crawled Out« von Julian Charrière wird in einem Holzlager gezeigt. (Foto: Michel Gilgen)

Aber zurück zum Bergell und zu den ortsspezifischen Interventionen der Biennale Bregaglia. Die Arbeiten der zwölf geladenen Kunstschaffenden – zwei davon sind Duos – sind streng genommen nicht alle ortsspezifisch, zumal einzelne davon schon bestanden. Die Kuratorinnen waren der Ansicht, dass diese bestehenden Werke auch zu lokalen Fragen etwas beitragen können. Dazu gehört etwa die exzessive Nutzung von natürlichen Ressourcen durch den Menschen, ein Thema mit globaler Aktualität. Der Verlust und die Bedrohung des Lebensraums führte im Bergell der Bergsturz von Bondo im Jahr 2017 vor Augen. Julian Charrières Video »Ever Since We Crawled Out« (2018) beeindruckt auch nach wiederholter Sichtung. Das Geräusch der fallenden und brechenden Bäume ist dabei fast brutaler als die Bilder, die in einer Endlosschleife das Fallen der Bäume darstellen. Gezeigt wird die Arbeit in der Legnaia Ca d’Martin, wo bis heute auch Holz gelagert wird. Einige der ruralen Bauten im Bergell sind noch in Betrieb, bei anderen fand im Laufe der Jahre eine Umnutzung statt. Das Tal ist auch eine beliebte Feriendestination im Sommer. Der Winter hingegen ist hart.

Die Installation »Down the River« von Lena Maria Thüring (Foto: Michel Gilgen)

Von vergangener Brutalität erzählt die Videoinstallation »Down The River« von Lena Maria Thüring. Sie setzt sich mit den Hexenprozessen auseinander, die im 17. Jahrhundert stattfanden und teilweise protokolliert wurden. Das Dorf Vicosoprano war Schauplatz der Prozesse und der Folterungen, der Richtplatz befand sich im Wald. Die Künstlerin verhandelt in ihrem Werk wiederholt soziale und genderpolitische Themen. Mit ihrer Arbeit, die in einem Stall gezeigt wird, ehrt sie das Wissen und den Mut der Frauen, die wegen ihrer »Andersartigkeit« an den Rand der Gesellschaft gedrängt und schließlich im Namen einer staatlich sanktionierten Ordnung getötet wurden. Die im Bergeller Dialekt gesprochene Litanei von Fragen bewirkte bei mir einen fast tranceähnlichen Zustand. Dieser Effekt potenzierte sich durch die Suggestivität der Bilder und der Szenografie. Die Wiederaneignung der historischen Figur der Hexe ist hier mehr als eine feministische Geste. Denn die Hexe steht symbolisch auch für ein menschliches Wesen, das sich nicht als Zentrum der Schöpfung verstand (oder versteht), sondern als Teil eines Natur-Kultur-Kontinuums. Pflanzen und Tiere sind gleichberechtigte Partner in diesem Weltbild. Dieser alternative Subjektbegriff täte gerade jetzt angesichts der aktuellen Weltlage besonders not.

Die Fotografien von Zoé Cornelius finden Besucher*innen in den zahlreichen Brunnen des Dorfes Vicosoprano. (Foto: Michel Gilgen)

Einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Tal entspringt auch die Recherche der Lausanner Künstlerin Zoé Cornelius, welche die Wildcard für Nachwuchskünstler*innen gewann. Sie kennt die Gegend von mehreren Besuchen. Für ihre mehrteilige Installation an verschiedenen Orten im Dorf Vicosoprano schuf sie die fiktive Figur »Sina«, eine Art Alter Ego der Künstlerin und zugleich eine Frau ohne bestimmte Identität. Zu Beginn sucht man als Besucherin nach der Kunst, auf welche die zahlreichen Kreise im zur Verfügung gestellten Plan hindeuten. Habe ich etwas übersehen? Beim dritten Brunnen geht einem dann ein Licht auf. Es muss demnach etwas im (!) Brunnen geben. Und tatsächlich entdecke ich in der Tiefe des Brunnengrundes eine Schwarz-Weiß-Fotografie, die vom Wasser leicht verzerrt ist. Sina hat etwas von einer modernen Pippi Langstrumpf mit ihren Zöpfen und ihrer offen zur Schau gestellten Abenteuerlust. Die Brunnen stehen zum einen für das Wasser als lebensnotwendiges Gut und zum anderen für die Gemeinschaft. Cornelius schafft es, verschiedene Aspekte auf spielerische Weise in ein Kunstwerk zu packen. Die Leichtigkeit und der Humor dieser Arbeit erfrischen im wahrsten Sinne des Wortes.

In den Malereien von Andriu Deplazes widerspiegeln sich auch die Themen Enge und Weite, die das Bergell prägen. (Foto: Michel Gilgen)

Die Präsentation einer Reihe von Gemälden von Andriu Deplazes in einem alten Engadinerhaus aus dem 16. Jahrhundert ist bester Beweis für einen gelungenen Dialog zwischen Örtlichkeit und Kunst. Die Patina der Wände mit ihren vielen sichtbaren Spuren der Zeit und der Menschen erscheint selber als eine Form von Kunst – je nachdem, wie weit man den Begriff spannen möchte. Jedenfalls interagiert die Stimmung der Räume fast mimetisch mit den Arbeiten, die der Bündner Künstler unter das Motto des Körpers stellt. Die teilweise verstörenden menschlichen Darstellungen offenbaren die Ambivalenz familiärer Konstellationen. Sie reflektieren, wie im häuslichen Umfeld das Heim auch ins Un-heimliche kippen kann. Dieses Fremde im Vertrauten zu zeigen, regt dazu an, über eigene Abgründe nachzudenken. Der Kunstraum wird so zum Echoraum. 

Überhaupt zeitigte der Besuch des Dorfes mit seinen Installationen eine entschleunigende Wirkung auf mich. Ups, da bediene ich wieder den Mythos des heilen Dorfes. Aber es ist in der Tat so, dass Schlendern und Flanieren in Städten einer zusätzlichen Bemühung bedarf, während dies einem in der Abgeschiedenheit einer ländlichen Umgebung viel eher leichtfällt. In diesem Sinne kann man vom Bergell-Besuch auch etwas für das Leben im urbanen Dschungel lernen. Im Idealfall wachsen einem dann in der eigenen Stadt ganz plötzlich Pflanzen und andere »Wunder« entgegen. So gesehen kann der Besuch der Biennale Bregaglia – viel eher als die Verbindung zwischen den Dörfern – eine Verknüpfung zwischen dem eigenen Habitat und dem entfernten Tal leisten.

 

 

Insieme congiunti. Orte, Interventionen

Insieme congiunti. Orte, Interventionen
Anna Vetsch, Bigna Guyer

185 x 270 Millimeter
232 Seiten
80 Illustrationen
Broschiert
ISBN 9783039421213
Scheidegger & Spiess
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Die Biennale Bregaglia dauert noch bis zum 24. September 2022. Details zum Programm finden Sie auf der Website der Schau.

Das Buch zur Ausstellung kann auch direkt über die Biennale Bregaglia bestellt werden: [email protected]

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