Patrick Lüth: »Wir sollten nicht nachlassen zu fragen, was wir für die Gesellschaft bewirken können«

Elias Baumgarten
5. März 2021
Foto: Thomas Schrott

Der Geschäftsführer des Innsbrucker Studios von Snøhetta hat mit uns über soziale und ökologische Nachhaltigkeit sowie die Digitalisierung der Architektur gesprochen.

Wow, gleich zwei Projekte eures Studios sind bei unserer Leserwahl zum Bau des Jahres 2020 auf Austria-Architects unter die ersten drei gekommen. Herzlichen Glückwunsch, Patrick!

Danke! Wir sind sehr stolz! Eine Auszeichnung, bei der jeder abstimmen darf, ist etwas Besonderes. Doch sag, was denkst du: Warum haben so viele Menschen für unseren Hauptsitz von ASI Reisen gevotet?

Unsere Leserinnen und Leser in Österreich und der Schweiz haben in diesem Jahr für Projekte gestimmt, die interessante Antworten auf wichtige Zukunftsfragen geben: Auf Swiss-Architects hat ein Generationenhaus von Liechti Graf Zumsteg mit Pflegestation, Alterswohnungen, Gemeinschaftsräumen, einer Kita und einem Restaurant mit riesigem Vorsprung gewonnen. Ihr habt aus ehrlicher Überzeug ein klimafreundliches Gebäude gestaltet, das große atmosphärische Qualitäten besitzt und ganz einfach schön ist. In den Büros von ASI würden wohl viele Menschen sehr gern arbeiten. Ich mutmaße, angesichts der aktuellen Krise ist die gesellschaftliche Relevanz der Projekte mehr denn je in den Fokus unserer Wähler gerückt.

Es würde uns schmeicheln, wenn deine Analyse stimmt, denn das Projekt bringt unsere Grundhaltung zum Ausdruck: Früher hat sich Snøhetta vor allem mit sozialer Nachhaltigkeit befasst. Unser Opernhaus in Oslo (2008) zum Beispiel ist wohl deshalb so beliebt, weil unsere Gestaltung öffentliche Räume von großer Qualität aufspannt, die immer wieder neu angeeignet und programmiert werden können. In den letzten Jahren ist die ökologische Nachhaltigkeit als weiteres Thema hinzugekommen. Erkennt man den menschengemachten Klimawandel als Tatsache an und führt sich vor Augen, welch problematische Rolle die Bauindustrie dabei spielt, die derzeit für einen großen Teil der weltweiten CO2-Emissionen und des Abfalls verantwortlich ist, wird einem klar, dass es ganzheitliche Lösungen braucht. Wir müssen als Architekturschaffende versuchen, alle Aspekte der Nachhaltigkeit in unseren Projekten zu berücksichtigen, statt auf einzelne, die Energieeffizienz zum Beispiel, zu fokussieren. Insbesondere müssen wir das Thema graue Energie zukünftig viel ernster nehmen, als das aktuell in Mitteleuropa getan wird.

Hauptsitz von ASI Reisen, Natters, 2019 (Foto: Christian Flatscher)
Foto: Christian Flatscher
Foto: Christian Flatscher

Kannst du Faktoren benennen, die einer zukunftsfähigen Baukultur im Wege stehen?

Das Baugewerbe ist träge und konservativ.

Was meinst du damit?

Entwickler wissen sehr wohl, dass sie nachhaltiger bauen könnten und sollten. Dessen ungeachtet sind Massivbauten aus Beton aus ihrer Sicht in achtzig Prozent der Fälle immer noch die wirtschaftlich attraktivste Lösung. Sie bieten einen Preisvorteil und lassen sich noch dazu einfach abwickeln: Alle österreichischen Baumeister und Baufirmen wissen aus jahrzehntelanger Erfahrung, wie man solche Projekte schnell und nahezu störungsfrei über die Bühne bekommt. 

Ändert denn nichts, dass der Klimawandel seit etwa zwei Jahren breit diskutiert wird?

Hardcore-Developer interessiert das nicht. 

Dabei sollte man meinen, dass die Nachfrage nach nachhaltigen Gebäuden steigt.

Geben wir uns doch keiner Illusion hin: Gerade im Wohnbau stehen nach wie vor die Kosten an oberster Stelle. Viele Entwickler sind keine Gutmenschen, sondern möchten schlicht möglichst viel Rendite abschöpfen. Ein grundlegender Wandel zeichnet sich für mich aktuell noch nicht ab. Und trotzdem ist dein Einwand berechtigt: Tatsächlich tauchen neuerdings Endnutzer auf, die klimafreundliches Bauen einfordern, und damit etwas bewegen. In Deutschland haben wir vor kurzem den Wettbewerb zur Neugestaltung des Heyligenstaedt-Areals – ein altes Industriegebiet in Gießen – gewonnen. Wir hatten einen Holzbau vorgeschlagen, der Auftraggeber war aber unsicher: Er befürchtete höhere Kosten und einen größeren Aufwand. Überzeugt hat ihn schlussendlich der Ankermieter, für den ein nachhaltig errichtetes Bürogebäude einen hohen Stellenwert hat. Wenn die Nutzerinnen und wir Architekten gemeinsam für zukunftsfähige Gebäude einstehen, kann etwas in Bewegung kommen.

Neugestaltung des Heyligenstaedt-Areals, Gießen, Deutschland, Wettbewerb 2020 (Visualisierung: moka-studio)
Visualisierung: moka-studio

Dennoch klingst du nicht allzu optimistisch. Was kann noch getan werden?

Ich sehe die Politik in der Pflicht. Leider haben wir in Österreich heute nur wenige Mechanismen, die Projekte fördern, die in Sachen Nachhaltigkeit einen ganzheitlichen Ansatz verfolgen. Dabei gäbe es viele Möglichkeiten: Zum Beispiel könnte man bei den Energieausweisen, den Bebauungsplänen und der Baugesetzgebung ansetzen. Ich könnte mir vorstellen, dass man Entwicklern, die eine niedrige Gesamtemission an CO2 nachweisen können, eine höhere Dichte gestattet oder ihnen Steuererleichterungen gewährt. Für den Anfang scheint mir die finanzielle Besserstellung nachhaltiger Projekte ein probates Mittel.

Und wir Architekten?

Manche sagen, wir müssten über die Kammer politischen Druck aufbauen. Ich weiß nicht, ob das realistisch und zielführend ist. Wie ich kürzlich in einem Vortrag für die Initiative Proholz schon gesagt habe, sehe ich unsere Rolle eher in der kontinuierlichen, geduldigen Aufklärungsarbeit bei Bauherren wie auch Politikerinnen. Und ganz wichtig sind gelungene Beispielprojekte, die aufzeigen, dass klimafreundliches Bauen und eine qualitätsvolle, ästhetische, schöne, atmosphärisch reiche Architektur kein Widerspruch sind.

Manufaktur auf dem Swarovski Campus, Wattens, 2018 (Foto: David Schreyer)
Foto: David Schreyer

Du sagst, alle Snøhetta Studios würden eine Grundhaltung teilen, und ich verstehe, soziale und ökologische Nachhaltigkeit sind wichtige Teile davon. Wie schlägt sich das in eurer Arbeitsweise nieder?

Wir benutzen gern den Begriff »conceptual contextualism«. Snøhetta betreibt weltweit mehrere Studios wie unseres in Innsbruck, die wirtschaftlich und gestalterisch unabhängig voneinander sind. Unsere Projekte können sehr unterschiedlich aussehen, einen bestimmten Stil haben wir nicht. Vielmehr entwickeln wir bei unseren Bauten aus dem Kontext ein Konzept – also in Abhängigkeit vom jeweiligen Ort, den gestellten Anforderungen, den Wünschen der Bauherrschaft und so weiter. Dieses erarbeiten wir uns Schritt für Schritt, es ist in sich schlüssig und logisch erklärbar – anders als eine Idee, die einfach aufpoppt und weiterverfolgt werden kann oder auch nicht. 

Kannst du ins Detail gehen und eure Vorgehensweise näher erklären?

Wir glauben nicht an den allwissenden Architekten, der seine Entwürfe auf Servietten skizziert. Wir haben nicht den einen Meister, sondern viele. Das in echter Teamarbeit entwickelte Konzept ist unser Ersatz. Wir setzen wann irgend möglich auf Workshops mit unseren Teammitgliedern, der Bauherrschaft, den Nutzern und weiteren Expertinnen. Für uns ist dies die Grundlage einer sozial nachhaltigen Architektur, von Gebäuden, die langfristig geschätzt und gepflegt werden. Die Gestaltung des ASI-Hauptsitzes ist ein gutes Beispiel: Ganz am Anfang haben wir einen Workshop mit dem Geschäftsführer und mit Mitarbeiterinnen gemacht, bei dem die Konzept-Idee erarbeitet wurde, die als Basis für unseren Entwurf diente. Dann organisierte das Unternehmen eine Befragung der Mitarbeiter. Die Erkenntnisse daraus sind ins Projekt eingeflossen. Und im weiteren Projektverlauf haben wir die späteren Nutzerinnen eingeladen, die räumlichen Qualitäten des neuen Büros mittels Virtual Reality zu erfahren.

Zumtobel Licht Forum, Dornbirn, 2020 (Foto: Matthias Rhomberg)
Foto: Matthias Rhomberg

Ich weiß, euch beschäftigen Zukunftsfragen sehr. Neben dem Klimawandel ist auch die Digitalisierung unserer Disziplin und der Gesellschaft als Ganzes ein wichtiges Thema.

Über neue Werkzeuge wie BIM müssen wir nicht mehr diskutieren. Sie werden sich durchsetzen, das ist sicher. Wir nutzen sie, und ich bin der Meinung, man muss sie beherrschen, damit einem Softwarefirmen und andere am Bau Beteiligte keinen Bären aufbinden. Damit ist hierzu eigentlich alles gesagt.
Interessanter und beunruhigender sind andere Entwicklungen: Der große Softwarehersteller Autodesk, uns wohl allen bestens für die Programme AutoCAD und Revit bekannt, hat Ende vorigen Jahres die Designplattform Spacemaker für USD 240 Millionen gekauft. Spacemaker nutzt, sehr einfach gesagt, künstliche Intelligenz (KI), um die »beste« städtebauliche Lösung für den jeweiligen Standort zu entwickeln. Spacemaker sei eine Lektion in der Kraft von Einsichten und Automatisierung, mit der Designer in wenigen Minuten Ideen für den Städtebau erstellen und testen könnten, hat Andrew Anagnost, der CEO und Präsident von Autodesk, dazu gesagt. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, was die Kopplung der Spacemaker-Engine mit einem potenten BIM-Programm wie Revit, die durch diese Übernahme einfach möglich wird, für die Zukunft unserer Disziplin bedeutet: Dann kann man ganze Quartiere auf Knopfdruck erstellen.

Düstere Aussichten …

Ja. Ich war sehr erschrocken, als ich das gelesen habe. Nachdem ich mich aber beruhigt hatte, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass uns diese Technologie trotzdem nicht überflüssig macht. Ganz im Gegenteil sogar: Spacemaker ist keine echte KI-Anwendung, sondern etwas, das ich als komplexes Skripting bezeichnen würde. Das heißt, lokale Parameter wie die Baugesetzgebung, das Wetter, der Verkehr, die Akustik und Ähnliches können zwar wunderbar berücksichtigt werden, doch Raum und Gesellschaft überhaupt nicht. Und deswegen wird echte Architektur weiter gefragt sein – vielleicht bald mehr denn je.

Demzufolge müssen wir uns besonders auf unsere Kernkompetenzen konzentrieren und dürfen diese bei aller Beschäftigung mit neuen Werkzeugen nicht aus den Augen verlieren. Das ist ein interessanter Punkt. In der Schweiz fordert der Architekturrat, ein Gremium in dem alle Schweizer Architekturschulen organisiert sind, genau das in einem Positionspapier zur Digitalisierung.

Wir sollten nicht nachlassen zu fragen, was wir für die Gesellschaft bewirken können. Und da du die Ausbildung schon ansprichst, erlaube ich mir, unsere Architekturschulen zu kritisieren. Teile der akademischen Welt haben sich in Österreich zu weit von der Praxis entfernt.

Bitte erkläre deine Kritik.

Wir haben beispielsweise sehr gute und enge Kontakte zur Universität Innsbruck. Viele Studierende arbeiten nach ihrem Abschluss bei uns, und wir schätzen alle Kolleginnen, die dort unterrichten, außerordentlich. Aber viel was in den Entwurfsstudios entsteht, ist mir zu abgefahren. Die Studierenden erarbeiten mit ihren Betreuern phantastische Projekte, die gerade in Sachen Darstellung in völlig neue Dimensionen vorstoßen. Das beeindruckt. Doch ich frage mich, ob dies wirklich der richtige Weg ist. Ich persönlich kann nicht mehr nachvollziehen, welchen Beitrag solch extrem digitale und formalistische Projekte zum Architekturdiskurs leisten. Vor dem Hintergrund der großen Herausforderungen, die wir in den nächsten Jahrzehnten zu meistern haben, wünsche ich mir eine Rückbesinnung auf die soziale und ökologische Verantwortung unserer Disziplin, aber auch auf Themen wie Raum, Atmosphäre und Materialien. Junge Architekten sollten entsprechend ausgebildet und ermutigt werden.

Ich denke, digitale Werkzeuge können uns sehr helfen, der steigenden Komplexität Herr zu werden und zukunftsfähige Architekturen zu entwickeln. Das macht sie interessant. Es wird allerdings keine leichte Aufgabe, in der Ausbildung künftig die richtige Balance zwischen der Vermittlung traditioneller Kernkompetenzen, die wir unbedingt bewahren müssen, einerseits und dem Aufzeigen neuer Möglichkeiten andererseits zu finden – zumal das Curriculum ja eigentlich verschlankt werden soll.
Danke für das spannende Gespräch und das Teilen deiner Gedanken.

 

Patrick Lüth begann 2005 nach seinem Architekturstudium in Innsbruck als Praktikant bei Snøhetta in Oslo. Seit 2011 leitet er das Snøhetta Studio in Innsbruck, das er zu einem Büro mir rund 25 Mitarbeitenden ausgebaut hat. 

Das Powerhouse von Snøhetta im norwegischen Porsgrunn produziert über seinen Lebenszyklus mehr Energie als es verbraucht – unter Berücksichtigung der CO2-Bilanz von Bau, Abbruch und verwendeten Materialien.

Mit Friederike Kluge und Meike Rehrmann (Alma Maki, Countdown 2030), Martin Haas (haascookzemmrich STUDIO2050, DGNB) und Verena Konrad (vai) sprachen ausgewiesene Experten mit uns über eine klima- und menschenfreundliche Architektur.

Sigrid Brell-Cokcan (RWTH Aachen), Kathrin Aste (Universität Innsbruck, LAAC) und ihr Büropartner Frank Ludin sowie Philippe Jorisch (JOM) diskutierten über die Digitalisierung der Bauwirtschaft.

Andere Artikel in dieser Kategorie