Perspektivenwechsel

Cyrill Schmidiger
29. November 2019
»Die Vier im Jeep« (Illustration © Epi Schlüsselberger, Georg Schmid), in: Ernst Marboe, »Yes. Oui. O.k. Njet«, Wien, 1954

Das Architekturzentrum Wien (Az W) widmet sich in seiner aktuellen Schau der Architekturentwicklung Österreichs im Kalten Krieg. Zu dieser ist ein umfangreicher Ausstellungskatalog erschienen, der Schlaglichter auf die Demokratisierung des Landes nach 1945 wirft. Dabei gingen von den Alliierten teils konkurrierende mediale Impulse aus: Der Wettstreit zwischen Ost und West zeigte sich auch im Bauen und machte Wien zu einem Schauplatz globaler Spannungen.

»Dieses Buch verändert den Blick auf die österreichische Architekturgeschichte.« Der im Vorwort formulierte Anspruch ist deutlich: Die Publikation schließt ein Forschungsdesiderat. Gleichzeitig knüpft sie an vergangene Az W-Projekte an, die ebenfalls kulturhistorisch orientiert waren: 2004 wurde mit »The Austrian Phenomenon« die Wiener und Grazer Architekturszene zwischen 1958 und 1973 untersucht, 2012 stand die Sowjetmoderne ab 1955 im Fokus und 2015 folgte »Wien. Die Perle des Reiches. Planen für Hitler«. Nun beleuchtet die Schau »Kalter Krieg und Architektur« die österreichische Nachkriegsarchitektur. Sie tut dies – erstmals überhaupt – aus einer transnationalen Sicht, wobei der Schwerpunkt auf den Beiträgen Frankreichs, Großbritanniens, der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion liegt.

Entstanden ist ein 343 Seiten starkes Werk in einem annähernden A4-Format, das sich in zwei Bereiche gliedert: Einerseits wird detailliert die Kulturarbeit der Siegermächte diskutiert, anderseits interessiert sich die Autorin Monika Platzer für die CIAM und die internationalen Hochschulwochen in Alpbach. Der Ausstellungsband ist sehr übersichtlich strukturiert: Neben umfassenden Quellen- und Literaturangaben gibt es auch einen Personenindex sowie eine breitsichtige Chronologie der Ereignisse während des Kalten Kriegs. Archivunterlagen, Pläne und Fotografien, aber auch Modellaufnahmen, Plakate und Zeichnungen bieten ein reiches Spektrum an Bildmaterial. Teilweise legten die Grafikdesigner einen grobkörnig anmutenden Filter über die Abbildungen. Durch diese Verfremdung distanzieren sie sich von der mitunter propagandistischen Gestaltung der historischen Dokumente.

»La Zone d' Occupation Française en Autriche«, Innsbruck, 1947
Carl Auböck, Roland Rainer, Musterhäuser Veitingergasse, Wien 13, 1952–1954, vorfabrizierte Fertigteile (Foto © Carl Auböck Archiv, USIS)

Die Kulturprogramme machten die vier Besatzungsmächte an ihren weltanschaulichen Überzeugungen fest. Architekturausstellungen spielten dabei eine wichtige Rolle und brachten ideologisch aufgeladene Debatten nach Wien – zum Beispiel um raumplanerische Konzepte und Küchenmodelle, Wolkenkratzer und die aktuellsten industriellen Fertigungstechniken –, aber auch neue, allen voran westliche Wohn- und Lebensstile. Der vom Az W herausgegebene Katalog zeigt vielschichtig auf, dass Wien auch in den Jahren unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg keine Stadt war, die vom internationalen Leben abgeschnitten war. So konnte die lokale Szene nicht nur die Architektur von Le Corbusier erleben (und intensiv darüber debattieren), sondern auch die Londoner Stadterweiterungspläne mitverfolgen oder das Arbeitszimmer für Stalin, ein österreichisches Geschenk zu dessen 70. Geburtstag, im Museum für angewandte Kunst betrachten.

Ernst Plojhar, Entwurf für den 14. Parteitag der KPÖ im Musikverein, Wien 1, 1948 (Zeichnung © Architekturzentrum Wien, Sammlung, Nachlass Ernst Plojhar)

Die (architektonische) Nachkriegsmoderne in Österreich ist dadurch eng mit den Kulturagenden der Alliierten verflochten. Sie nahm verschiedene Impulse auf, doch ihre Akteur*innen distanzierten sich auch von bestimmten Idealen. So lagen die Sympathien eindeutig bei den westlichen Nationen: Der Antikommunismus war partei- und klassenübergreifender Konsens in der Zweiten Republik. Die Sowjets wurden primär als Besatzer wahrgenommen, die unter anderem diverse bauliche Demontagen vornahmen und deren Armeeunterhalt ungeheuer kostspielig war. Durch den auf der Potsdamer Konferenz gefassten Beschluss, dass die Besatzungsmächte das in ihrer Zone befindliche »deutsche Eigentum« beanspruchen durften, floßen zwischen 1,5 und 2,6 Milliarden US-Dollar in die UdSSR – die Summe überstieg die Marshallplan-Gelder von 909 Millionen, die Österreich als Schenkung erhielt, in drastischer Weise.

Frankreich, das wie Großbritannien Kultur als Kompensationspolitik einsetzte, um die politischen und wirtschaftlichen Einflussverluste in Europa auszugleichen, bemühte sich hingegen, spezifische nationale Gemeinsamkeiten zu betonen. In einem Bulletin von 1945 ist folgendes zu lesen: »Wir haben nicht, wie die Amerikaner, Lebensmittel im Überfluss, noch Rohstoffe, aber wir haben den Nimbus unserer kulturellen, künstlerischen und intellektuellen Möglichkeiten.« Damit wurde auf identitätsstiftende Maßnahmen gesetzt, gleichzeitig sollte die Abgrenzung Österreichs von Deutschland legitimiert werden. Eine erste französische Kulturoffensive war die Ausstellung »Paris à Vienne« von 1946, in der 250 kreative Köpfe im Kunstgewerbemuseum gastierten. In der Sektion »Baukunst« wurde die 1923 fertiggestellte Kirche Notre-Dame du Raincy von Auguste Perret präsentiert und auch Städtebau und Wiederaufbau bildeten wichtige Themen. Le Corbusier prägte insbesondere die junge Generation, von der manche angehende Architekt*innen sogar temporär nach Paris zogen; so auch Karl Schwanzer (1918–1975). 1954 unternahm er außerdem eine Studienreise in die USA, die unter der Schirmherrschaft der Foreign Operations Administration stand. Nach seiner Rückkehr lud Schwanzer zu einem Pressecocktail in sein Atelier ein, um vor Interessierten über die neuesten Entwicklungen industrieller Gestaltung in den Staaten zu referieren.

Arbeitsgemeinschaft Prader/Fehringer, CIAM-Projekt, »Quartier Lichtenthal«, Wien, 1945/55, Baukörper Haupttyp (Zeichnung © gta Archiv/ETH Zürich, CIAM)

In diesem Kontext ist es erstaunlich, dass die österreichische Architekturhistoriografie in den 1950er- und 1960er-Jahren von einem nationalen Narrativ geprägt war. Beiträge und Stimuli der Alliierten wurden weitgehend ignoriert, stattdessen blieben Traditionslinien zu Personen wie Adolf Loos oder Josef Frank wichtig. Relevant waren aber auch Beziehungen in die Schweiz und nach Schweden, wo eine »moderate Moderne« existierte. Bauen wurde Teil eines Nation Buildings, das auf Kontinuitäten setzte. So ist die Publikation »Kalter Krieg und Architektur. Beiträge zur Demokratisierung Österreichs nach 1945« ein Plädoyer für eine Kanonrevision der nationalgeschichtlich orientierten Erzählung. Facettenreich dokumentiert sie nicht nur die globale Dimension des Ost-West-Konflikts, sondern gerade auch dessen Auswirkung auf den österreichischen Architekturdiskurses nach 1945; eine klare Leseempfehlung.

Kalter Krieg und Architektur. Beiträge zur Demokratisierung Österreichs nach 1945

Kalter Krieg und Architektur. Beiträge zur Demokratisierung Österreichs nach 1945
Monika Platzer
Architekturzentrum Wien

344 Seiten
311 Illustrationen
Broschiert
ISBN 9783038601685
Park Books
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