Spielen und lernen

Ulf Meyer
21. Februar 2020
Foto: David Schreyer

Das Kinderhaus Kennelbach von HEIN Architekten verdeutlicht die Stärken der Vorarlberger Architektur. Der Bau überzeugt durch qualitätsvolle handwerkliche Umsetzung, die Architekten haben feines Gespür für Materialien und Atmosphären bewiesen.

Erwachsene denken oft, dass Kinder grelle Farben und infantile Räume mögen müssten. Doch das Gegenteil kann der Fall sein. Eine Kombination von Ruhe, schönen Materialien und angenehmen Dimensionen wie Proportionen kann kindergerechter sein als eine dezidiert »kindliche« Architektur. Das beweist das neue Kinderhaus in Kennelbach in Vorarlberg, entworfen vom Büro HEIN Architekten aus Bregenz

Die Kinderbetreuung in dem kleinen Örtchen südlich von Bregenz wurde in einem auf den ersten Blick einfachen Neubau zusammengefasst. Er ist zweigeschossig, mit zentraler Erschließung und quadratischem Fußabdruck. Auf den zweiten Blick zeigen sich zahlreiche Qualitäten, die das Kinderhaus zu einem guten Beispiel für die weltweit geschätzte zeitgenössische Vorarlberger Architektur machen. Die Architekten haben nur im »Baubook für ökologische Baustoffe« gelistete heimische Materialen verwendet. Konstruktiv ist das Kinderhaus ein Holzständerbau in Fichte. Die hochwärmegedämmte Konstruktion steht im Untergeschoss auf einer WU-Beton-Wanne. Die Fassaden haben im Erdgeschoss raumhohe Fenster und im Obergeschoss Bandfenster mit niedrigen Brüstungen. Die Aufenthaltsbereiche sind zu allen vier Seiten hin orientiert. Der Haupteingang befindet sich an der Südseite, er ist auf die Straße und den Ortskern ausgerichtet. Ein überdachter Einschnitt bietet Platz für Fahrräder und Kinderwägen. 

Foto: David Schreyer
Foto: David Schreyer
Foto: David Schreyer
Präzise Gestaltung

Das Treppenhaus bildet – als eine Art »Haus im Haus« – den Kern des Baus. Es ist ein vollwertiger Raum mit nutzbaren Nischen. Die gelbe Treppe bietet auf beiden Ebenen verschiedene Spielbereiche, von denen aus Blicke in die Etagen möglich sind. Der Treppenturm ist als große Tafel gestaltet, auf die man malen und schreiben kann. Ein großes Oberlicht illuminiert die Stiege und bringt Tageslicht in die Tiefe des Hauses. Zusätzlich gibt es einen Lift. Die Räume sind weitgehend frei von Einbauten, entsprechend gut nutzbar und dank großer Glasflächen auch gut einsehbar. 

Das Haus bietet Raum für zwei Gruppen zur Kleinkinderbetreuung im Erdgeschoss. Dort liegen neben den Garderoben zudem ein Speise- und ein Bewegungsraum sowie ein barrierefreies WC. Das Obergeschoss nimmt drei Kindergartengruppen und zwei kleine Verwaltungsbüros auf. Hinzu kommen ein Raum mit Küche zum Plätzchenbacken, zwei Schlafräume, ein Betreuer- und drei Kinder-WCs, die von den Gruppenräumen aus zugänglich sind.

Zu den unbehandelte Dielenböden aus Esche treten Wandverkleidungen und Akustikdecken aus Weißtanne und Fliesenböden (Mosaikfliesen) in den Bädern. Für Wände und Decken hat der Projektleiter Bernd Rommel unbehandelte Weißtanne, beim Boden unbehandelte Esche ausgewählt. Beide duften und sind Auge und Hand gleichermaßen angenehm. Einzig das Weißtannenfurnier der Möbel ist geölt. Die Einbaumöbel sind schön gestaltet und handwerklich akkurat gearbeitet. 

Wechseln wir nach draußen: Die naturbelassene Holzfassade (Deckelschalung in Weißtanne) wurde an den Brettkanten mit einer Farbbeschichtung versehen, jede Fassade in einem eigenen Farbton. Die Fensterrahmen bestehen aus geöltem Massivholz (im Obergeschoss mit Absturzsicherungen aus VSG). Das Flachdach ist extensiv begrünt. Das schöne und international gebräuchliche Wort »Kindergarten« legt nahe, dass die Qualitäten eines Kinderhauses nicht nur in den Interieurs zu suchen sind. In Kennelbach bieten die Gärten rund um das Haus Rasenflächen mit Spielgeräten und Bäumen zum Toben und Klettern. Den erdgeschossigen Aufenthaltsräumen sind gepflasterte Terrassen vorgelagert.

Foto: David Schreyer
Foto: David Schreyer
Sparsam und nachhaltig

Neben dem Einsatz umweltfreundlicher Materialien setzt der Entwurf auch auf einen energiesparenden Betrieb: Eine Photovoltaikanlage auf dem Dach mit 108 Modulen soll den Eigenbedarf des Hauses decken und kann etwaige Überschüsse in das Netz einspeisen. Der Heizwärmebedarf des Kinderhauses soll gemäß Energieausweis bei nur 8,5 kWh/m2a liegen. Die Wärmeenergie wird mittels einer Wärmepumpe mit Pufferspeicher und Tiefensondierung gewonnen und soll »im Bereich eines Niedrigenergiegebäudes« liegen, wie die Architekten sagen. Außenliegende Raffstoren, Sonnenschutzverglasung, eine manuelle Querlüftung und eine nächtliche Raumlüftung tragen ebenfalls zur günstigen Energie- und Ökobilanz des Kinderhauses bei. 

Foto: David Schreyer
Überzeugend

Die Gemeinde Kennelbach als Bauherrin hat für rund 3 Millionen Euro ein schönes Haus bekommen, das ohne anbiedernde Attitüde auskommt. Die Architekten haben mit dem handwerklich präzise und qualitätsvoll umgesetzten Gebäude ein weiteres Mal großes Flair für Materialien und ein Händchen für Atmosphären bewiesen.

Lageplan
Grundriss Erdgeschoss
Grundriss Obergeschoss
Schnitt

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