Ein Klick zum Glück?

 Martina Metzner, Alexis Anastassiou
16. Mai 2018
VR-Anwendungen ermöglichen es, Projekte in Echtzeit zu gestalten (Bild: Inreal Technologies)
Vor zwei Wochen berichteten Martina Metzner und Alexis Anastassiou über den Stand der Dinge bezüglich Augmented und Virtual Reality. In der heutigen Fortsetzung stellen sie aktuell gängige und aufkommende Anwendungen vor.
Aktuell versuchen viele Entwickler mit einer eigenen Software den Markt der VR-Architektur-Visualisierungen zu erschließen. So gibt es Produktdesign-Software und CAAD-Software, die jetzt erweitert werden, Game-Engines, die angepasst werden oder Plug-ins, die mit etablierten CAAD-Programme kombiniert werden können. Und dann gibt es noch  gänzlich neue Programme. Generell gilt: Für VR-Visualisierungen braucht man 3D-Daten.
 
Daraus ergeben sich verschiedene Szenarien: Die am weitesten verbreitete Arbeitsweise von Architekten ist das Arbeiten im CAD in 2D. Für die Erstellung einer VR-Präsentation muss aus den 2D-Daten separat ein 3D-Modell zur Visualisierung erzeugt werden, was oft von einem externen Dienstleister übernommen wird. Aktuell rüsten viele Rendering-Studios auf VR um, Agenturen für digitales Marketing wie Cosalux aus Offenbach bieten den Service auch für Architekturbüros oder Immobilienentwickler an. Daneben gibt es gänzlich neue Mitstreiter am Markt, die sich rein auf die VR-Visualisierungen konzentrieren, wie etwa Inreal Technologies​ aus Karlsruhe. Allerdings sind diese VR-Visualisierungen teuer: Schnell muss man für ein Einfamilienhaus 5000 Euro hinlegen – es lohnt sich nur bei lukrativen Immobilien.
 
Die besten Voraussetzungen haben hier Architekturbüros, die auf BIM setzen. Abhängig von der eingesetzten Software, kann man in die virtuelle Begehung "springen". Diese One-Click-Lösungen gibt es auch immer mehr für CAAD-Software. Der Markt konzentriert sich auf Programme wie Enscape, Twinmotion und Lumion, die alle auf Basis von Revit von Autodesk und Archicad von Graphisoft (BIM) oder 3ds Max und Sketchup (3D-Mockups) anwendbar sind.
Software noch verbesserungswürdig
Lumion ist die eingeschränkteste Lösung, weil man nur 3D-Panoramen erstellen kann, bei denen man sich zwar umsehen, sich aber nicht bewegen kann. Enscape verfügt über zahlreiche Möglichkeiten, die Darstellung anzupassen. Allerdings gibt es keinen Materialeditor, sodass man die Materialen im Entwurfsprogramm ändern muss (und bestenfalls gleich eine eigene Materialbibliothek aufbaut). Ein weiterer Nachteil ist, dass man externe Produkte, die man importiert, nicht mehr ändern kann – sei es hinsichtlich Ausführung oder Materialwahl.
 
Während Enscape ein Aufsatz für BIM ist, funktioniert Twinmotion als eigenes Programm und ist in der neusten Version als Plug-in für viele CAD-, BIM- und 3D-Programme anwendbar. Auch wenn der „One Click“ charmant erscheint, so ergeben sich doch auch Nachteile, denn er produziert Fehler in den Geometrien und in der Materialzuordnung. Es empfiehlt sich weiterhin der klassische Weg des Importierens in Twinmotion, auch wenn dadurch die Live-Synchronisierung der Geometrien verloren geht. Twinmotion verfügt über eine große Bibliothek an Materialien, Möbeln, Menschen, Tieren und Fahrzeugen – alles Elemente, die für eine Präsentation beim Kunden wichtig sind. Darüber hinaus lassen sich externe Inhalte sehr komfortabel nachladen. Besonders wirkungsvoll ist die Produktion von VR-Filmen mit Twinmotion, da hier laufende Personen, fahrende PKW etc integrierbar sind. Das hat einen einfachen Grund: Twinmotion läuft als Interface auf der Basis der bekannten Unreal Game Engine.
 
Ob Enscape oder Twinmotion die richtige Lösung ist, hängt von den Bedürfnissen des Büros ab. Enscape ist ein hervorragendes Produkt, wenn man bereits mit BIM arbeitet, noch keine Erfahrung mit VR hat und sehr schnell Ergebnisse sehen möchte. Auch der Preis – man zahlt 50 Euro im Monat und kann jederzeit kündigen – spricht dafür. Twinmotion schlägt mit einmalig 1650 Euro zu Buche, ist auch für Mac-User geeignet und deutlich detailreicher in der Anwendung. Allerdings setzt es Erfahrungen im Umgang mit 3D-Software voraus und benötigt länger in der Einarbeitung. In beiden Programmen sind die 3D-Welten sehr realistisch und Kunden können die VR-Dateien öffnen, ohne das Programm installiert haben zu müssen. Arbeitet man mit Bim und ist versiert in VR, so lässt sich ein durchschnittliches Einfamilienhaus innerhalb eines Arbeitstages in VR visualisieren.
Verschwindet der Architekt?
Zur Beantwortung dieser Frage braucht es keinen Blick in die Kristall-Kugel, es reicht schon der Blick über den Atlantik in die Tech-Hubs der Vereinigten Staaten: Dort schwärmen Insider davon, dass wir bald den ganzen Tag über mit Brillen herumlaufen, die abwechselnd VR, AR und MR-Erlebnisse erzeugen und wir so ständig zwischen Virtualität und Realität hin und her switchen. Doch wollen wir das überhaupt?
 
Über Risiken und Nebenwirkungen von der fortschreitenden Digitalisierung, Vernetzung und Datenspeicherung wird viel diskutiert. Für die Architektur bedeuten neue Anwendungen wie BIM und VR, dass sich der Entwurfsprozess gänzlich verändert. Die Grundlage des architektonischen Entwurfs, sich einem Bild anzunähern, wird insofern aufgebrochen, als dass man andere am Bau Beteiligte schon in einem frühen Stadium am Entwurf integriert und so die Autorenschaft und Deutungshoheit des Architekten zugunsten einer stärker kunden- und nutzerorientierten sowie effizienteren Planung aufweicht. Manchen sprechen schon „Vom Verschwinden des Architekten“ – andere wiederum sehen darin gerade die Chance für Architektinnen und Architekten, die die komplexen Vorgänge steuern und dabei immer noch die gestalterische Instanz bleiben. Immer wichtiger wird es für Architektinnen und Architekten werden, die am Bau Beteiligten und den Kunden sehr genau zu leiten und gründlich zu überlegen, mit welchen Werkzeugen was kommuniziert werden soll.

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