Architektur als Überlebenshilfe in schwersten Zeiten

Elias Baumgarten
25. Juni 2019
Zeichnung des Schach-Salons im »Café As« von Simon Wiesenthal (Foto © Jüdisches Museum Wien)

Simon Wiesenthal (1908–2005) jagte Nazi-Verbrecher – weltweit und unerbittlich. Doch was weit weniger bekannt ist: Ursprünglich war er Architekt. Wiesenthal studierte in Prag und betrieb von 1936 bis 1939 ein Büro in Lemberg (Lwiw). Das Jüdische Museum Wien hat etliche seiner Zeichnungen, die im Konzentrationslager Mauthausen entstanden, zusammengekauft und zeigt sie in der Schau »Café As. Das Überleben des Simon Wiesenthal« erstmals der Öffentlichkeit.

Als 1939 der Zweite Weltkrieg begann, war Simon Wiesenthal Architekt in Lemberg (Lwiw). Gemäß dem Hitler-Stalin-Pakt wurde die Stadt nach der Besetzung Polens in die Sowjetunion eingegliedert, und Wiesenthal konnte sein Büro nicht länger betreiben. Am 22. Juni 1941 lief das »Unternehmen Barbarossa« an; Nazideutschland schlug ohne vorherige Kriegserklärung gegen die Sowjetunion los. Die Wehrmacht stieß zügig nach Osten vor und besetzte bald Lemberg, der Architekt wurde verhaftet. Über die nächsten Jahre wurde er in verschiedenen Arbeits- und Konzentrationslagern festgehalten. Anfangs 1945 wurde er ins KZ Mauthausen bei Linz verlegt. Zu diesem Zeitpunkt war er unterernährt, entkräftet und hatte kaum noch Hoffnung, die Tortur zu überleben. Doch als ein Zeichner für eine Glückwunschkarte gesucht wurde, begann sich das Schicksal für ihn zu wenden. Er erhielt den Auftrag, und ein beeindruckter Mithäftling, der Pole Edmund Staniszewski, gab ihm von seinem Essen ab. Zwischen den beiden Männern wuchs rasch eine Freundschaft. Staniszewski war bereits im Oktober 1939 verhaftet worden, weil er sich abfällig über das NS-Regime geäußert hatte. Er besorgte Wiesenthal in der Folge Stifte und Papier und vermittelte sogar weitere Aufträge. Er selbst träumte indes von einem eigenen Kaffeehaus mit Konditorei, Milchbar, Showbühne und Salon, das er in seiner Heimatstadt Posen (Poznań) mit seiner Familie betreiben würde. Wiesenthal begann Entwürfe für dieses anzufertigen – schon vor der Befreiung Mauthausens am 5. Mai 1945. 

Dem Jüdischen Museum Wien ist es gelungen, einige Zeichnungen des »Café As« – so sollte das Haus dereinst heißen – zu beschaffen. Sie werden nun zum ersten Mal überhaupt der Öffentlichkeit gezeigt. Kuratiert hat die Schau, die am 29. Mai dieses Jahres eröffnet wurde, Michaela Vocelka. Zu sehen sind Zeichnungen der geplanten Innenräume – zum Beispiel eines Schach-Salons – und für eine Werbekampagne, die sich Wiesenthal gleich mit ausgedacht hatte.

Foto © Jüdisches Museum Wien

Nach der Befreiung des Lagers musste Wiesenthal noch einige Zeit dort verbleiben; dies lag an seinem Status als »Displaced Person«. Während dieser Phase arbeitete er weiter an den Entwürfen. Auch wenn er später nie wieder als Architekt tätig war, half ihm das Projekt in den letzten Wochen der Gefangenschaft, seinen Lebensmut nicht zu verlieren. Schon im Frühjahr 1945 begann er, beobachtete Gräuel mit dem Zeichenstift festzuhalten und sammelte außerdem für das Counter Intelligence Corps Zeugenaussagen zu den Verbrechen des Nazi-Regimes. Aus dieser Hilfstätigkeit erwuchs alsbald eine Lebensaufgabe. Wiesenthal widmete sich fortan mit aller Kraft dem Aufspüren von Nazi-Verbrechern. So meldete er 1954 etwa dem israelischen Geheimdienst Mossad, dass sich Adolf Eichmann in Argentinien aufhalte. Mit Recherchen, öffentlichen Auftritten und Büchern setzte er außerdem Strafverfolger und Justiz in der Bundesrepublik und Österreich unter Druck. Davon, dass viele Verfahren eingestellt wurden und die Behörden bisweilen sogar untätig blieben, ließ er sich nie entmutigen.

Edmund Staniszewskis Traum vom eigenen Kaffeehaus ging indes nicht in Erfüllung. Das »Café As« wurde nie realisiert. Denn nach dem Krieg wurde in Polen ein kommunistisches Regime errichtet. Staniszewskis Elternhaus in Posen wurde von den neuen Herren beschlagnahmt.

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