Architekturikone mit Wohnlandschaft

Susanna Koeberle
20. Mai 2020
Die »Villa Lemoigne« von OMA gilt als Architekturikone. (Foto: Marco Cappelletti © Paulin Paulin Paulin)

Die außergewöhnliche Präsentation von Entwürfen des französischen Designers Pierre Paulin (1927–2009) in einem ikonischen Bau von OMA weist auf die utopische Dimension von Kultur hin. Im positiven Sinne.

Das Haus in Bordeaux gründe auf einem Dilemma, sagt Rem Koolhaas, der Schöpfer dieses Bauwerks. Nämlich auf der Frage, ob Architektur in der Lage sei, höchst spezifischen Anforderungen der Bewohner gerecht zu werden (in diesem Fall ist ein Familienmitglied an den Rollstuhl gebunden) und ihnen zugleich größtmögliche Freiheit zu bieten. Skeptiker seien sogar so weit gegangen, dieses ehrgeizige Unterfangen als absurd einzustufen. Nichtsdestotrotz wurde die »Villa Lemoigne« (nach ihren Bauherren benannt) 1998 fertiggestellt und gilt mit ihrem markanten Aussehen und ihrer besonderen Konstruktion mittlerweile als Ikone. Eine zentrale Liftplattform bildet das Herzstück des Hauses. Sie verbindet die drei Hausteile und schafft einen Dialog zwischen Horizontalität und Vertikalität. Bei der Einweihung des Baus begegneten sich Rem Koolhaas und der französische Designer Pierre Paulin. Die Bauherrin Hélène Lemoigne war früher bei Paulin als Farbgestalterin tätig gewesen. Die Beziehung zwischen den Familien blieb bestehen. Später werden Alice Lemoigne (Tochter der Bauherren) und Benjamin Paulin (Sohn von Pierre Paulin) ein Paar. Einige Jahre nach dem Tod von Pierre Paulin gründen seine Witwe und langjährige Mitarbeiterin Maia Paulin zusammen mit ihrem Sohn Benjamin und dessen Frau Alice Lemoigne das Familienunternehmen Paulin Paulin Paulin mit dem Ziel, das Erbe des visionären Designers weiterleben zu lassen. 

Wohnlandschaft mit »Tapis-Siège« und »Ensemble Dune« (Foto: Marco Cappelletti © Paulin Paulin Paulin)

Eines seiner wichtigen und nicht realisierten Projekte war das »Programme Pierre Paulin«. Kurz vor seinem Tod äußerte Paulin 2008 in einem Interview gegenüber Rem Koolhaas und dem Kurator Hans Ulrich Obrist sein Bedauern, dass dieses von ihm 1969 und 1972 entworfene modulare Programm nie umgesetzt worden sei. Dass Pierre Paulin sich in den späten 1960er-Jahren vom Einzelmöbel entfernt und ein komplett flexibles Wohnprogramm ersinnt, muss als Pionierleistung gewertet werden. Fünfzig Jahre nach den ersten Zeichnungen nimmt Paulin Paulin Paulin die Herausforderung an, diese außergewöhnlichen Entwürfe erstmals aufzulegen. Gefertigt werden die Stücke in einer kleinen Manufaktur in den französischen Cevennen, welche schon früher für Pierre Paulin arbeitete. Die für eine industrielle Herstellung gedachten Stücke erfahren in der handwerklichen Umsetzung eine neue Relevanz. »Wir sind Unternehmer aus Leidenschaft und glauben an die Aktualität und Wichtigkeit handwerklichen Könnens«, sagt Benjamin Paulin am Telefon.

Alice Lemoigne und Benjamin Paulin (Foto: Marco Cappelletti © Paulin Paulin Paulin)

Anlass der Ausstellung »The dream that still hasn’t come true«, die letztes Jahr für eine kurze Dauer auf Einladung besucht werden konnte, war das volle Ausschöpfen der Möglichkeiten, welche die modularen Entwürfe von Paulin bieten. Der mittlere Stock des Baus ist eine Glasbox. Die Totaltransparenz ist, gerade was Einrichtung betrifft, nicht unproblematisch. Diesen Umstand betont auch Rem Koolhaas in einem Text zur Ausstellung in der »Villa Lemoigne«. Das modulare Prinzip des Programms sowie sein landschaftsartiger Charakter verleihen der gradlinigen Architektur von OMA etwas Weiches und interpretieren sie dadurch neu. Auch die Bewohner*innen hätten neue Aspekte der Räume entdeckt, wie Benjamin Paulin erzählt. »Wir wollten eine immersive und emotionale Erfahrung bieten und luden die Gäste ein, mehrere Stunden in diesem imaginären Interieur zu verbringen«, führt er aus. Das Zusammenspiel zwischen den mäandrierenden und doch geometrischen Formen von »Tapis-Siège« und »Ensemble Dune« und den architektonischen Elementen erzeugt eine neue Raumerfahrung. 

Die visionären Entwürfe von Pierre Paulin schaffen eine neue Raumerfahrung. (Foto: Marco Cappelletti © Paulin Paulin Paulin)

Paulins Entwürfe widerspiegeln die ab 1968 aufkeimende Wohnkultur, die sich gegen bürgerliche Ästhetiknormen auflehnte; zugleich schaffen sie eine Brücke in die Jetztzeit. Denn bis heute haben sie nichts an Strahlkraft und Modernität eingebüßt. Vielmehr stehen sie für ein avantgardistisches und zugleich zeitloses Designverständnis. Auch für Rem Koolhaas sind Pierre Paulins Stücke mehr als nur Möbel; vielmehr bergen sie das Potenzial, »in jeder Architektur eine zusätzliche Schicht von Möglichkeiten zu erfinden«. Ihre Multifunktionalität erlaubt neue Formen der Interaktion zwischen Möbel und Architektur sowie zwischen Möbel und ihren Nutzer*innen. In diesem Sinne sind auch Wohnkonzepte, wie sie regelmäßig auch in Lifestylemagazinen auftauchen, nicht einfach als Moden abzutun, sondern reflektieren gesellschaftliche Fragestellungen und Realitäten. Vielleicht zeigt sich an solchen Projekten gerade, wie stark das Thema Wohnen (also Design und Architektur) mit ganz ursprünglichen Instinkten zusammenhängt, sei es mit dem Wunsch nach Schutz oder mit dem nach Freiheit. So gesehen beinhaltet der experimentelle Umgang mit Design oder Architektur stets auch einen utopischen Charakter. 

Im hinteren Teil der Glasbox kommen zwei »Déclive« zum Einsatz. (Foto: Marco Cappelletti © Paulin Paulin Paulin)

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