Architekturkultur in der Landwirtschaft

Manuel Pestalozzi
21. Oktober 2021
Im oberösterreichischen Atzbach hat Herbert Schrattenecker einen architektonisch ansprechenden Stall gestaltet. In Deutschland wurde das Bauwerk beim Landbaukultur-Preis geehrt. (Foto © Landbaukultur-Preis)

Beim Landbaukultur-Preis können neu Bauten aus dem D-A-CH-Raum ausgezeichnet werden. Sogleich wurden auch zwei österreichische Projekte gewürdigt. Doch nicht alle ausgezeichneten Bauwerke werden überhaupt noch landwirtschaftlich genutzt.

Was 2014 mit dem Landbau-Kulturpreis Westfalen-Lippe begann, fand 2016 und 2018 mit dem Deutschen Landbaukultur-Preis seine Fortsetzung. In der Ausgabe 2020/2021 wurde der nationale Bezug schließlich gestrichen, denn erstmals wurden auch Projekte aus Österreich und der Schweiz ausgezeichnet. Der Preis wurde vom Ehrenpräsidenten des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes, Franz-Josef Möllers, initiiert und wesentlich mitfinanziert. Möllers wollte mit ihm zu einem fruchtbaren Dialog zwischen Landwirt*innen und Architekt*innen anregen. Der Preis ist mit 30000 Euro dotiert.

Grundsätzlich geht es um gute Architektur für den Bauernstand und die Agrarindustrie. In diesem Jahr fungierte ein Österreicher als Schirmherr: der frühere EU-Agrarkommissar Dr. Franz Fischler. Er überreichte die Preise am 8. Oktober 2021 auf Gut Havichhorst nördlich von Münster an die Eigentümer*innen und deren Architekt*innen. Die prämierten Objekte überzeugten die Jury vor allem, weil sie eine zeitgemäße Nutzung ermöglichen, sich bestens in die umgebende Kulturlandschaft einpassen, mit den bestehenden Gebäuden rundherum harmonieren und weil Bauherr*innen und Architekt*innen bei der Auswahl der Baumaterialien und bei der Bauausführung die Anforderungen des Umwelt- und Klimaschutzes berücksichtigt haben. »Gerade deshalb ist der Landbaukultur-Preis für mich ein wichtiges Signal für die Wertschätzung und Zukunftsfähigkeit des ländlichen Raums«, betonte Dr. Fischler in seiner Laudatio. Und erfreut durfte er auch Landsleuten Auszeichungen übergeben.

Ungewöhnlicher Stall für ungewöhnliche Rinder

Der »1. Preis Österreich« ging an den Neubau eines Rinderstalls in Atzbach. Er beherbergt Tiere aus einer japanischen Wagyū-Rasse, die mit den weltbekannten Kobe-Rindern verwandt sind. Die kostbaren Tiere werden von der Bauherrschaft, Diana und Hubert Huemer, mit großer Sorgfalt und im Einklang mit der Natur aufgezogen. Der Wagyū-Stall von Herbert Schrattenecker aus Wien bietet den Tieren Schutz vor der Witterung. Dem Architekten war besonders der nachhaltige und bewusste Einsatz von Holz wichtig – von der persönlich erfolgten Selektion der Bäume im Wald, über den Schnitt im Sägewerk bis hin zum Einbau auf der Baustelle. Sämtliches am Stall verbautes Fichten- und Tannenholz stammt aus dem Hausruckviertel. Es ist kernfrei geschnitten und umfasst Balken mit einem Querschnitt von 16 mal 36 Zentimetern und Längen von bis zu 9 Metern.

Der Architekt sieht in seinem landwirtschaftlichen Zweckbau gewissermaßen die Antithese zu zeitgenössischen Holzverarbeitungstechniken, welche das Material erst klein schneiden, um es dann mithilfe von Bindemitteln in einen unendlich dimensionierbaren Werkstoff zu verwandeln. Im Gegensatz dazu schöpfe sein Wagyū-Stall sowohl das Wissen um das Material als auch die Möglichkeiten des traditionellen oberösterreichischen Zimmermannshandwerks voll aus, ohne dabei die Grenzen des Schnittholzes aus den Augen zu verlieren.

Innen- und Außenraum des Stalls greifen bei schönem Wetter ineinander, die Tiere können ungehindert nach draußen laufen. Bei starker Witterung hingegen können Tore zwischen die Stützen geschoben werden und die Tiere bleiben im Gebäude. (Foto © Landbaukultur-Preis)
Anerkennung für eine Umnutzung

Bei dem mit einer Anerkennung bedachten Projekt ging es um den Umbau eines ortsbildprägenden Hofensembles in eine Schneiderei in Schleedorf im Salzburger Land. Monika und Stefan Wimmer und das Büro LP architektur haben es geschafft, das für die neue Funktion notwendige große Schaufenster zu integrieren, vor allem aber die historische Bausubstanz neu zu beleben und den Ort aufzuwerten. Das Preisgericht lobte das behutsame Vorgehen von Architekt und Bauherrschaft.

Insgesamt fällt auf, dass ein Großteil der beim Landbaukultur-Preis ausgezeichneten Projekte eigentlich gar nichts mehr mit dem agrarischen Betrieb zu tun hat. Vielmehr handelt es sich um Umnutzungen, welche den vormals landwirtschaftlich genutzten Bestand bewahren. Dies beeinträchtigt selbstverständlich nicht die architektonische Qualität der Arbeiten. Allerdings fragt man sich schon, wie stark sie tatsächlich einen Vorbildcharakter in Sachen Architektur für die Landwirtschaft für sich beanspruchen können.

Der Umbau eines einstigen Hofensembles zu einer Schneiderei, welcher ein neues Element ins Ortsbild von Schleedorf einführt, wurde mit einer Anerkennung ausgezeichnet. (Foto © Landbaukultur-Preis)
Der Schaukasten wurde als große »Laterne« in das Ensemble eingefügt. (Foto © Landbaukultur-Preis)

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