Auf der Suche nach dem Mujo

 Ulf Meyer
3. Januar 2018
Pavillon Hōjō-an, Kengo Kuma (Bild: Neues Museum Nürnberg)
Zur Ausstellung „Von der Kunst, ein Teehaus zu bauen“ in Nürnberg
Der japanische „Cha-do“, der Weg des Tees (in Europa „Teezeremonie“ genannt) bringt die fernöstliche Ästhetik auf die Spitze: Interieur, Mode, Bewegung, Genuss, Floristik, bildende Kunst, Poesie und die hohe Schule der sozialen Interaktion verschmelzen hier zu einem Gesamtkunstwerk. Der Teemeister Sen no Rikyū (1522–1591) hat die Teezeremonie in ihrer heutigen Form in Japan entscheidend geprägt. Der Minimalismus, die Patina und das Ephemere gehören zu den drei Grundpfeilern.
In sieben Sektionen zeigt derzeit eine sehenswerte Ausstellung im Neuen Museum Nürnberg eine Ausstellung, die die „Kunst, ein Teehaus zu bauen“ elegant inszeniert. Sie wurde von Murielle Hladik und Axel Sowa, die in Aachen lehren, kuratiert und umfasst Kunst, Architektur, Design und Fotografie. Mit zwei lebensgroßen Pavillons von zwei prominenten zeitgenössischen Architekten aus Japan legt sie aber ihr Gewicht auf die Baukunst: Der von Kengo Kuma entworfene Pavillon „Hōjō-an“ wird nur von Magneten zusammengehalten und ist so ein guter Ausdruck der Fragilität (von Materialien und konstruktiven Verbindungen). Der nur sieben Quadratmeter kleine Pavillon, der erstmals am Shimogamo Jinja Shrine in Kyoto aufgestellt worden war, simuliert die mobile Hütte, in der Kamo no Chomei (1155-1216), Autor der „Hojo-ki“ gelebt hatte anlässlich seines 800. Todestages. Sie gilt als Prototyp der japanischen Behausung. Der intime Blick in die Natur kompensiert die Kleinheit des Hojos. Nur 21 Blätter aus ETFE werden bei diesem Cha-shitsu nur von Zeder-Stäbchen zusammengehalten wie bei einer Tensegrity-Struktur.
Kengo Kuma, Pavillon „Hōjō-an“ (Bild: Neues Museum Nürnberg)
Die „Mujō“ genannte Betonung von Flüchtigkeit und Impermanenz in der japanischen Ästhetik wurzelt im Buddhismus. „Fließende Grenzen“, „Der Wert der Unvollkommenheit“ und „Schnitt und Kontinuität“ heißen denn auch die Rubriken der Schau. Die Kultur des Flüchtigen rührt jedoch nicht nur aus dem Zen, sie ist auch eine Reaktion der Menschen auf die immerwährenden Naturkatastrophen in Japan. Nach dem verheerenden Kanto-Erdbeben von 1923, hatte Wajiro Kon begonnen, seine soziologischen Studien zu Menschen anzustellen, die alles verloren haben. Seine präzisen Zeichnungen zum Wohnen im Nichts sind bis heute sehr beeindruckende Zeugnisse. Das Architekturbüro Atelier Bow-Wow hat seinen Zeichenstil kopiert und seine Ansätze für die Besitzlosen nach dem Tohoku-Seebeben weiterentwickelt. In Nürnberg ist erstmals ihr Zedern-Haus zu sehen. Um architektonische Eleganz und eine Zelebrierung des Fast-Nichts, die Grenze des Wahrnehmbaren, die Ästhetik der Leichtigkeit, geht es hier nicht, sondern um das handfeste Überleben nach einem Notfall.
Atelier Bow-Wow, Zedern-Haus (Bild: Neues Museum Nürnberg)
Ausstellung im Neuen Museum bis 18. Februar. Katalog 20 Euro. Führungen Samstag, 15 Uhr und Sonntag, 11 Uhr. Am 7. Januar und 4. Februar finden um 16 Uhr Teezeremonien statt. Sonder-Führung am 18. Januar, 18 Uhr, zum Thema "Aktuelle Architektur in Japan". Am 25. Januar um 17 Uhr findet eine Diskussion zum Thema „Architektur und Wiederaufbau“ statt mit Izumi Kuroishi und Naoya Hatakeyama.

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