Aufarbeitung

Elias Baumgarten
28. Mai 2019
Das »Neue Landhaus« in Innsbruck (Foto: Luftschiffhafen via Wikimedia Commons)

Das »Neue Landhaus« stammt aus der Zeit des Nationalsozialismus. Die Stadt Innsbruck möchte die Geschichte des Baus aufarbeiten und dessen Architektur untersuchen lassen. Eine Expertenkommission wird sich im Juli dieses Jahres an die Arbeit machen. Sie verfügt über ein Budget von 200'000 Euro.

Nach dem »Anschluss« Österreichs wurde in Innsbruck ein neuer Verwaltungsbau von enormen Ausmaßen errichtet – das »Neue Landhaus«. Darin wurde die Verwaltung des neuen Reichsgaus Tirol-Vorarlberg untergebracht. Der bestehende Bau aus dem 18. Jahrhundert war für den nationalsozialistischen Beamtenapparat zu klein. 1939 wurde das Gebäude fertiggestellt. Gestaltet haben es die Brüder Walther und Ewald Guth in neoklassizistischem Stil. Der Bau war als Teil eines repräsentativen »Gauforums« gedacht. Doch 1940 wurden die Pläne auf Eis gelegt und für nach dem Krieg aufgeschoben. Heute ist das »Neue Landhaus« das vielleicht eindrücklichste Zeugnis nationalsozialistischer Architektur in Tirol. Nach einem Wettbewerb im Jahr 2008 wurde der Vorplatz 2010 umgebaut und ist seither einer der beliebtesten Ort in der Stadt – besonders bei jungen Leuten. Die Gestaltung stammt vom Tiroler Büro LAAC, Stiefel Kramer Architecture aus Wien sowie dem Künstler Christopher Grüner.

Am 6. Mai 1939 fand die Firstfeier statt. (Foto via dietiwag.org)
Überfällig

Vor dem Gebäude befinden sich zudem das Befreiungs- und das Pogromdenkmal. Sie wurden 1948 beziehungsweise 1997 errichtet. Doch eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem schwierigen baugeschichtlichen Erbe hat bisher nicht stattgefunden. Dies aber ändert sich nun: Die Stadt hat eine Expertenkommission bestellt, die sich eingehend mit dem Bau befassen soll. Dafür stehen ihr 200'000 Euro zur Verfügung. Im Juli dieses Jahres soll sie ihre Arbeit aufnehmen. Die Dauer des Projektes ist auf ein Jahr angesetzt. Der deutsche Historiker Manfred Grieger, der die Kommission leiten wird, sagte, es gehe darum, die Planungs-, Nutzungs- und Baugeschichte des »Neuen Landhauses« zu ergründen. »Hierzu sollen sowohl die Politik- und Machtgeschichte als auch die Architektur und der stadträumliche Kontext des Gebäudes analysiert werden«, meinte er. Mit Grieger hat man sich einen Experten ins Boot geholt, dessen unbequeme Untersuchungen polarisieren. Er forschte für den VW-Konzern etwa zu dessen Vergangenheit im »Dritten Reich«. In der Bundesrepublik wurde Grieger, der aktuell an der Georg-August-Universität in Göttingen lehrt, voriges Jahr vom AfD-Politiker Stefan Marzischewski-Drewes öffentlich als »Schuldprediger aus dem linksextremen Spektrum« beschimpft.

Landesrat Johannes Tratter (ÖVP), der für die Liegenschaften des Landes Tirol verantwortlich ist, meinte, die Untersuchung sei wichtig, da das Haus zwar historisch belastet sei, doch zugleich auch ein wichtiger Stadtbaustein. Ziel ist es, einen Maßnahmenkatalog zur Dokumentation, Information und Erinnerung zu erarbeiten. Näheres ist noch nicht bekannt.

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