BIM – ein verschmähtes Allheilmittel?

Manuel Pestalozzi, Elias Baumgarten
11. März 2021
Foto: Pixabay via pexels.com

In zwei Artikeln fordert Der Standard, die Einführung von Building Information Modeling (BIM) müsse schneller vorangehen. Die wenig ausgewogenen Beiträge geraten unfreiwillig zur Warnung.

Building Information Modeling (BIM) wird sich durchsetzen, daran führt kaum ein Weg vorbei. Die Skepsis gegenüber dem neuen Planungswerkzeug aber ist innerhalb der Architekturszene nach wie vor groß – mit Recht, bringt doch dessen Einführung neben Chancen auch viele Fragen mit sich. [1] Etliche davon sind noch nicht befriedigend beantwortet: Es gibt bisher kaum verlässliche Regelungen zum Urheberrecht und zur Haftung. [2] Auch ist offen, wie der durch BIM idealerweise weniger sequenzielle Arbeitsprozess ausgestaltet werden soll. Wer wird zum Beispiel Führung und Verantwortung übernehmen? Und wird derjenige für den Mehraufwand gerecht entlohnt? Das führt uns zu einem weiteren heiklen Punkt: den Honoraren. Denn BIM macht die Planung aufwendiger und anspruchsvoller. Technisch bereitet derweil der so wichtige Datenaustausch Schwierigkeiten. Schnittstellen zwischen den unterschiedlichen Programmsystemen verschiedener Hersteller funktionieren noch nicht reibungslos. In der BIM-Studie »Digitale Planungs- und Fertigungsmethoden« [3] bescheinigten Planer*innen keine einwandfreie Funktion des Austauschformats IFC (Industry Foundation Classes). Auch wenn die Untersuchung 2015 erarbeitet wurde und damit schon etwas Staub angesetzt hat, bestehen hier weiterhin Probleme. Wie ferner die Abhängigkeit von Softwarefirmen vermieden und die Verdrängung kleiner Büros vom Markt verhindert werden kann, ist ungewiss. Und braucht es nicht eine Anpassung des Reglements von Architekturwettbewerben, um zum Beispiel im Falle einer Abgabe des BIM-Modells den richtigen Abstraktionsgrad zu gewährleisten? Schließlich sollten künstlerische Ideen und Konzepte bewertet werden, nicht sofort realisierbare, fertig durchgeplante Projekte. Kathrin Aste, Professorin an der Universität Innsbruck, sagte uns dazu im Interview: »Heute muss man oftmals detaillierte Kostenaufstellungen und Haustechnikplanungen abgeben, demnächst am besten noch ein BIM-Modell. Konzepte hingegen interessieren kaum noch. […] Es geht darum, das beste architektonische Konzept zu finden! Und das wird dann beauftragt. Danach beginnt erst der Planungsprozess – natürlich unter Einbezug der Bauherrschaft.« [4]

Auch wenn sich der Wind langsam dreht und trotz aller Schwierigkeiten die ersten Büros im D-A-CH-Raum von positiven Erfahrungen mit BIM berichten, verwundert angesichts der eben beschriebenen Lage nicht, dass die Einführung der BIM-Methode in Österreich langsam vorankommt. 

Unverantwortlich langsam?

Dennoch geht es manchen Politikern, aber auch großen Firmen, die im Umgang mit dem neuen Werkzeug bereits fit sind, nicht schnell genug. Mit gleich zwei Artikeln hat Der Standard dies im Februar aufgegriffen. Zwar stehe im »Regierungsprogramm 2020–2024«, BIM sei verstärkt in der öffentlichen Beschaffung zu berücksichtigen, schrieb Redakteur Thorben Pollerhof, doch geschehe das zu wenig. Es mangle an Bildungsmöglichkeiten und Aufträgen. Diese Meinung teilt der Nationalratsabgeordnete Felix Eypeltauer (Neos), auf den Pollerhof denn auch Bezug nimmt. In den vergangenen Monaten hat er mehrere parlamentarische Anfragen und auch einen Entschließungsantrag zum Thema BIM lanciert. Eypeltauer sagt, eine schnelle Einführung von BIM sei klimapolitisch notwendig – die Nutzung des Werkzeugs ist, der Eindruck wird so erweckt, per se nachhaltig. Außerdem spare es Kosten. Er fürchtet einen Wettbewerbsnachteil für Österreich – zum Beispiel gegenüber den skandinavischen Ländern. Eypeltauer hält – wie auch Pollerhof – die Entwicklung einer Digitalisierungsstrategie für unumgänglich, ist aber gegen einen BIM-Zwang: »Das würde nur dazu führen, dass die kleinen und mittleren Unternehmen, die sich die Fachkräfte nicht leisten können, auf der Strecke bleiben.«

Thorben Pollerhof beklagt in seinem Beitrag, dass sich kein Ministerium zuständig fühle. »In Österreich gibt es seit Jahrzehnten kein Bauministerium mehr, in dessen Verantwortungsbereich das fallen würde«, sagt dazu der Architekt Peter Kompolschek, ehemaliger Bundesvorsitzender der Architektenkammer, den Pollerhof zitiert. Voranbringen würde die Angelegenheit, die Nutzung von BIM bei der Vergabe öffentlicher Aufträge zu verlangen – wie es in Deutschland bei Infrastrukturprojekten über EUR 5 Millionen schon geschehe. Probleme und offene Fragen im Zusammenhang mit BIM kommen in dem Artikel nicht zur Sprache.

Das Projekt eines Gesamtdienstleisters als Vorbild

Einen Tag später legte Pollerhof nach und präsentierte den Stützpunkt Stoob der Burgenländischen Landesbaudirektion als BIM-Vorzeigeprojekt. Er wiederholte, BIM müsse rasch zum Standard in der Planung werden. Betreut wird das Bauvorhaben von der Delta Gruppe, einem in Wels ansässigen Planungs-Gesamtdienstleister. Die Firma bietet viele Dienstleistungen von der Gestaltung bis zur Generalplanung an und tritt als Totalunternehmer auf. Sie erhielt den Auftrag voriges Jahr nach einem Wettbewerb, der Baubeginn soll im November sein. Mit Projektmanagerin und BIM-Gesamtkoordinatorin Sabrina Schubert hat Pollerhof im Zuge seiner Recherche gesprochen, sie kommt im Artikel mehrfach zu Wort. Das digitale Werkzeug wird über den grünen Klee gelobt. Es verhindere Ressourcenverschwendung (wieder: BIM macht das Bauen anscheinend automatisch nachhaltiger), helfe bei der Fehlervermeidung und vereinfache Verwaltung und Instandhaltung eines Bauwerks wesentlich. Die Delta Gruppe erscheint als Pionier, ihr Entwurf auf der grünen Wiese, der auf den Visualisierung nicht überzeugen kann, als zukünftiger Vorzeigebau. 

Noch eine Warnung

Es verwundert, dass eine große Tageszeitung so einseitig über das Thema berichtet. Thorben Pollerhofs Beiträge zeigen unfreiwillig, dass große Firmen, die bereits nach der BIM-Methode arbeiten können, versuchen, ihren Wissensvorsprung zur Verdrängung von Konkurrenten – vor allem wohl Architekturbüros – zu nutzen. Der Druck, sich im Umgang mit BIM fit zu machen, steigt weiter. 

 

[1] Dies gilt auch für andere am Bau Beteiligte. So berichten Architekturschaffende, die bereits BIM-Erfahrung haben, dass Fachplaner das neue Werkzeug nur zaghaft annehmen.

[2] In letzter Zeit erscheinen Publikationen, die sich mit der unsichern Rechtslage auseinandersetzen. Ein Beispiel ist der Titel »BIM und Recht in Österreich. Rechtliche Fallstricke und Lösungsansätze bei der BIM-Anwendung«, herausgegeben von Austrian Standards im letzten Herbst.

[3] Steffen Braun, Alexander Rieck und Carmen Köhler-Hammer, Fraunhofer IAO, »Digitale Planungs- und Fertigungsmethoden«, Stuttgart 2015.

[4] Probleme und offene Fragen bei der Einführung von BIM hat zum Beispiel die Kammer der ZiviltechnikerInnen für Wien, Niederösterreich und Burgenland zusammengetragen.


Sigrid Brell-Cokcan (RWTH Aachen), Kathrin Aste und Frank Ludin (Universität Innsbruck, LAAC) sowie Philippe Jorisch (JOM) diskutierten die Auswirkungen der Digitalisierung auf unsere Disziplin.

Auf Einladung des Bundes Schweizer Architekten und der Schweizerischen Zentralstelle für Baurationalisierung debattierten Architekturschaffende 2019 über die Digitalisierung der Bauwirtschaft. Ihre Aussagen und Positionen sind auch aus österreichischer Perspektive interessant.

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