»Denke an die Stadt!«

Elias Baumgarten
2. Januar 2020
Illustration: World-Architects.com

Die Schweiz trauert um Luigi Snozzi. Auch in Österreich war der charismatische Tessiner für viele ein Vorbild. Gerade jetzt brauchen wir Architekt*innen von seinem Schlag, standhafte, charakterstarke Rebellen, die sich nicht verbiegen lassen und aus Überzeugung anpacken, statt auf der Suche nach Aufmerksamkeit große Reden zu schwingen.

»Baust Du einen Weg, ein Haus, ein Quartier, dann denke an die Stadt!«

Luigi Snozzi

Viele verwechseln heute eine Haltung und klare Prinzipien zu haben damit, ein hysterischer Schreihals zu sein. Öffentliches Poltern wird zuweilen bereits als Leistung und Ausdruck eines kritischen Geistes angesehen. Aus ganz anderem Holz war Luigi Snozzi geschnitzt. Der sympathisch-humorvolle Schweizer, der für sein Leben gern rauchte, war alles, was zwischenzeitlich leider sehr selten geworden ist: Anderen begegnete er immer respektvoll, Allüren waren ihm fremd. Seine Meinung sagte der erklärte Sozialist frei heraus und bestimmt. Er drückte sich intellektuell-präzise aus, seine Worte wählte er sorgfältig, sodass ihn alle verstehen konnten. Es kümmerte ihn nicht, ob ihm daraus Nachteile erwuchsen oder er gar Auftraggeber verärgerte. Das Wichtigste aber: Während die gebauten Projekte vieler (linker) Avantgardisten seiner Generation zu ihrer vormals mit markigen Worten artikulierten Haltung nicht recht passen wollten oder sie diese gar verrieten, blieb Snozzi seinen Idealen in bewundernswerter Weise treu. Obgleich er wohl auch deshalb weniger baute als andere, ermöglichte seine Beharrlichkeit Leistungen, die nicht hoch genug eingeschätzt werden können. Das bekannteste Beispiel ist seine Revitalisierung des einst hoffnungslos zersiedelten Tessiner Dorfes Monte Carasso nahe der Kantonshauptstadt Bellinzona, dem in den 1970er-Jahren ein doch recht zweifelhafter Ruf anhaftete: Man sagte sich damals im italienischsprachigen Teil der Schweiz, nur dumme und arme Menschen würden dort wohnen. Heute, nach Jahrzehnten geduldiger Arbeit, ist Monte Carasso kaum wiederzuerkennen und einer der attraktivsten und beliebtesten Orte in der Gegend; Snozzi wurde zum Ehrenbürger erklärt. Kann Architektur die Menschen also am Ende doch verändern?

Unsere Schweizer Redakteurin Susanna Koeberle im Gespräch mit Luigi Snozzi, der sie tief beeindruckte. Das Bild entstand 2018 in Basel. (Foto © Bundesamt für Kultur)
»Jeder Eingriff bedingt eine Zerstörung, zerstöre mit Verstand.«

Luigi Snozzi

Nachdem Snozzi, ausgebildet an der ETH Zürich, 1958 ein eigenes Büro in Locarno gegründet und von 1962 bis 1971 mit Livio Vacchini (1933–2007) zusammengearbeitet hatte, wurde er in den 1970er-Jahren weit über das Tessin hinaus bekannt. Entscheidend trug dazu die Ausstellung »Tendenzen. Neuere Architektur im Tessin« (1975) des Instituts gta der ETH Zürich bei, die Snozzis herausragende Stellung innerhalb der Tessiner Architekturszene aufzeigte und würdigte – auch wenn Snozzi selbst den Titel kritisch sah und überhaupt ein kompliziertes Verhältnis zur ETHZ hatte, wie er Ivo Bösch, Redakteur der Schweizer Architekturzeitschrift Hochparterre, in einem spannenden, heiteren und persönlichen Interview anlässlich seines achtzigsten Geburtstags sagte

Obwohl Snozzi vor allem in der Schweiz und besonders in seinem Heimatkanton, dem er zeitlebens stark verbunden blieb, baute, wurde seine Arbeit auch im Ausland rezipiert und wertgeschätzt. In Österreich war er in den 1980er-Jahren Vorsitzender des Gestaltungsbeirats von Salzburg. Auch in Deutschland schätzte man ihn sehr: 1983 wurde ihm die Ehrenmitgliedschaft des Bundes Deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) verliehen, 2013 die Ehrendoktorwürde der TU München. Für die Stadt Braunschweig entwickelte er ein manifestartiges Stadtkonzept. Ich erinnere mich gut, dass er während meines Studiums in Innsbruck einer der wenigen Schweizer Architekten war, deren Wirken in den Vorlesungen ausführlich und voll Hochachtung besprochen wurde.

»Es gibt nichts zu erfinden, alles ist wieder zu er-finden.«

Luigi Snozzi

Luigi Snozzi war nicht nur ein hervorragender Gestalter und eine beeindruckende Persönlichkeit, sondern auch einer der wichtigsten und einflussreichsten Schweizer Architekturlehrer und -theoretiker der letzten fünfzig Jahre. Nachdem er bereits Gastdozent an der ETH Zürich gewesen war, wurde er 1985 Professor an der EPF Lausanne. Seine Student*innen, zu denen auch Roger Diener, Jacques Herzog und Pierre de Meuron gehörten, wollte er zu intellektuellen, ethisch handelnden Menschen erziehen. Denn ein Architekt ohne Ethik und Moral, sagte er anlässlich der Verleihung des Prix Meret Oppenheim 2018, sei eine Gefahr, eine Gefahr für die Allgemeinheit. Diese Position ist heute aktuell wie lange nicht. Angesichts der großen Herausforderungen, die uns etwa mit dem Klimawandel, der Digitalisierung und der Überalterung unserer Gesellschaft in den nächsten Jahren erwarten, braucht es dringend Architekt*innen von Snozzis Format, politische Architekt*innen, die sich nicht verbiegen lassen und ihren Überzeugungen treu bleiben.


Einen schönen und sehr persönlichen Nachruf für Luigi Snozzi (allerdings auf Italienisch) hat sein einstiger Weggefährte Pietro Martinelli, ein Tessiner Politiker, geschrieben.

Susanna Koeberle hat Monte Carasso im November 2019 besucht. Sie begegnete Luigi Snozzi 2018 in Basel.

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