»Die Grube« – Gesamtkunstwerk und Folly

Ulf Meyer, Manuel Pestalozzi
8. Oktober 2021
Foto: archiv studio noever

Im November wird Peter Noevers Land-Art-Projekt erstmals in Österreich im Rahmen einer großen Schau gezeigt. Zu sehen gibt es nicht nur verwirklichte Teile des Mammutprojekts, sondern auch geplante Bauwerke.

»Architektur stellt das Medium dar, veränderte Lebensbedingungen und Vorstellungen einer Gesellschaft durch neu gedachte, neu gebaute Environments zu manifestieren.«

Peter Noever

Peter Noever ist eine kontroverse Figur. Der Gestalter, Kurator und Redakteur war lange Zeit erfolgreicher Direktor des Museums für angewandte Kunst in Wien. 2011 dann aber trat er von diesem Amt vorzeitig zurück – im Raum stand nämlich der Vorwurf der Untreue. Der Skandal blieb lange haften. Und dennoch: Noever ist seit Jahrzehnten ein wichtiger Bestandteil der österreichischen Kultur- und Architekturszene. 1966 kuratierte er zum Beispiel Hans Holleins ersten Environment-Show »Selection 66«. Und von 1988 bis 1993 leitete er mit Sepp Müller den Generalumbau des Museums für angewandte Kunst. Für seine Arbeit im Museumsbereich wurde ihm immer wieder auch international große Anerkennung zuteil. Schon seit den 1970er-Jahren tüftelt er außerdem an einem eigenen Land-Art-Projekt: »Die Grube« ist ein Gesamtkunstwerk, das fortlaufend weiter bearbeitet wird. Trotzdem steht das Werk in einem aufgelassenen Steinbruch, der sich bei Breitenbrunn am Neusiedler See inmitten einer vom Weinbau geprägten Landschaft befindet, seit 2019 bereits unter Denkmalschutz. In der Architekturgalerie Raumburgenland Contemporary in Eisenstadt ist das Projekt nun ab dem 5. November 2021 erstmals in Österreich en détail zu sehen. Die Schau dauert bis zum 20. Mai kommenden Jahres.

Die Ausstellung zeigt nicht nur abgeschlossene Teile des Land-Art-Projekts »Die Grube«, sondern gibt auch einen Ausblick. Dieser Turm könnte das Ensemble komplettieren. (Modellfoto: archiv studio noever)
Die Anlage samt geplantem Turm (Fotomontage: archiv studio noever)

Die Ausstellung zum Projekt war zuvor schon in New York, Los Angeles, Berlin und Moskau zu sehen. Dennoch ist die Präsentation in Österreich nicht redundant, denn die Schau bietet einen Überblick über die geplanten weiteren Gebäude. Gezeigt werden in der Architekturgalerie Modelle, Pläne und Fotos, die die nächsten Phasen illustrieren. Noevers Interventionen in Breitenbrunn scheinen das Werk eines Unermüdlichen. »Man muss nicht 30 Jahre lang an einem Projekt bauen«, sagt er selbst über seine Arbeit, »aber wenn es möglich ist, ist das Luxus und man kommt zu anderen Ergebnissen«.

Foto: archiv studio noever
Foto: archiv studio noever

Noever ist sein eigener Bauherr und kann deshalb wie ein Künstler arbeiten. Er hat leidenschaftliches Interesse an »Natur«, die von Menschenhand gestaltet wurde: Der Steinbruch wurde bis in die 1930er-Jahre betrieben. Die Gruben und Wege, auf denen die Steine einst abtransportiert wurden, sind noch erkennbar. Den heutigen Umgang mit Natur in der Architektur empfindet der Innsbrucker als widersinnig: »Naturnähe benötigt keine begrünten Dächer«, sagt er. Denn Architektur und Natur seien Gegensätze, sonst könne es keine Kultur geben. 

»Die Grube« verfügt über eine zentrale Sichtachse, die von einem einstigen Weinkeller teils unterirdisch zu besagtem Steinbruch verläuft. Zum Kunstwerk gehören neben vielen anderen Objekten zwei Betonbauten, wobei das Bauwerk »Cubus XXXVII« bewohnbar ist, während das andere ein zweisitziges Klosett enthält. Bewusst hat Noever bei dem Wohngebäude auf Fenster zum Neusiedler See verzichtet – er wollte den Bewohner*innen den Blick auf eine aus seiner Sicht gründlich misslungene Neubausiedlung in Breitenbrunn ersparen. An einer anderen Stelle wurden 36 Betonkuben aufgestellt und sorgfältig ausgerichtet. Das Arrangement soll an die frühere Nutzung des Geländes als Steinbruch erinnern. Auch gibt es »Sitzgruben« die Noever zusammen mit Walter Pichler betoniert hat.

Das Projekt »Haus mit Boot« scheitert bislang auch an den Auflagen der Behörden. (Foto: archiv studio noever)

Die Schau in Eisenstadt soll auch für die Fortsetzung des Projekts werben. Noever plant nämlich zum Beispiel unter dem Namen »Haus mit Boot« eine Mischung aus Lodge, Versuchsstation, Archiv, Ausstellungsraum und Kommunikationszentrum. Auch sollen dereinst Gäste in dem neuen Bau übernachten können. Doch die Gemeinde lehnt das Bauvorhaben bisher ab – für Noever »ein barbarischer Akt«. Man beschränke ihn, klagt er, als Architekten durch Verordnungen so sehr, dass Experimente kaum möglich seien. Dabei möchte er doch eine »eigenständige, der Kulturlandschaft entsprechende Bauweise« für die Region um den Neusiedler See entwickeln.

Peter Noever (links) mit Walter Pichler (Foto: archiv studio noever)
Die Ausstellung »out of the blue Art + Architecture Out There« in der Architekturgalerie Raumburgenland Contemporary (Fanny-Elßler-Gasse 4, Eisenstadt) ist ab dem 5. November 2021 geöffnet. Sie läuft bis zum 20. Mai kommenden Jahres. 

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