Eintrag in das Poesie-Album

 Ulf Meyer
28. Dezember 2017
"Landschaftsplatz"; Modellstudie / Collage, Rom 2012 (Bild: Jörn Köppler)
Eine neue Bestimmung des Begriffs der „Poesie“ hilft dem Architekturdiskurs – der Architekturtheoretiker Jörn Köppler erforscht das Wort in seinem Buch.
Weil Architekten das Wort „schön“ meiden, war in den letzten Jahren der Begriff „poetisch“ zum Mode-Adjektiv der Baukunst erhoben worden. Grund genug für den Potsdamer Architekturtheoretiker Jörn Köppler dem Wort und seiner Bedeutung einmal genauer auf den Grund zu gehen. In seinem neuesten Buch, „Die Poetik des Bauens – Betrachtungen und Entwürfe“, definiert er (mit Adorno) poetische Architektur als „stummen Hinweis auf das, was schön sei“ –  keine kleine Sache also für die Architektur!
Poetik gilt wahlweise als „Theorie der Poesie“ oder als „Lehre von der Dichtkunst“. Köppler definiert poetische Architektur als „Baukunst des Zuhörens und der In-Werk-Setzung. Poesie ist gebundene Sprache, konstruierte Leichtigkeit; aber auch Schwere. Poesie greift zum Einfachen, um viel zu berühren: den Menschen, die Gemeinschaft und die Liebe, die Natur und die Bedeutung“.
Kleistbogen: Skizze von Heinrich von Kleist, aus dem Brief an Wilhelmine von Zenge, 1800
Anders als in Köpplers erstem Buch, „Sinn und Krise moderner Architektur“, stellt er dieses Mal seinen theoretischen Erwägungen eigene Entwürfe gegenüber: „Poesie ist später Form, zuvor aber Idee“, schreibt Köppler und an seinen Entwürfen lässt sich diese Behauptung gut überprüfen. Seine „Architektur wirkt nach diesem Kriterium tatsächlich „wie ein Gedicht“, „dicht/verdichtet“, denn Köppler plädiert für eine Architektur, die sich „von der falschen Vorstellung löst, dass sie selbst das Bedeutsame, also Sinn, darstellen soll“ – vielmehr betrachtet er Räume und speziell ihre Fenestrierung als „Seh-Apparat“, durch den hindurch der „Blick vom allein Menschengemachten“ geweitet wird auf „das vom Menschen unabhängig und jenseits seines Zeithorizontes Existierende: Die geschöpfte Wirklichkeit der Natur“.
Köppler formuliert: Das poetische, damit achtsame, architektonische Werk weist von sich weg und „zeigt darauf, welches allein Sinn zeigen kann: Natur als Wirklichkeit“. Köppler betrachtet die Natur als wichtigste Quelle der menschlichen Moral.
Der Journalist und Kunsthistoriker Jens Bisky hatte 16 Jahre zuvor in seinem Buch „Poesie der Baukunst“ die These aufgestellt, dass die Architekturtheorie um 1800 schon einmal um das Poetische in der Baukunst kreiste, „um die Wirkungen der Gebäude auf die Einbildungskraft“.
Klug argumentierend und rhetorisch teils akademisch-gedrechselt, teils brillant formulierend, hat Köppler die zeitgenössische Architektur um einen Aspekt eröffnet, der ihr dabei helfen soll „nicht mehr nur Kosten- oder Lifestylefaktor, Umweltbelastung“ zu sein. Das sind gute Vorsätze für das neue Jahr!
Dodona-Tempel: Freie Rekonstruktion des Dodona-Tempels, 3. Jhrdt. v. Chr., Entwurf Jörn Köppler, 2012

 
Die Poetik des Bauens
Betrachtungen und Entwürfe

Jörn Köppler
2016. 214 Seiten
Transcript Verlag, Bielefeld

978-3-8376-2540-0


 

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