Erhalt durch Aushöhlung?

Manuel Pestalozzi
8. März 2021
Der Entwurf von AllesWirdGut sieht vor, die geschichtsträchtige Gösserhalle als Ruine zu erhalten und ihre Backsteinfassaden mit einem kleineren Neubau zu füllen. (Visualisierung: AllesWirdGut)

Die Gösserhalle in Wien befindet sich im Entwicklungsgebiet Neues Landgut. Das Team von AllesWirdGut möchte den historischen Bau bis auf die Außenmauern abbrechen. Diese sollen als Ruine einen Neubau fassen und Erinnerungen wachhalten.

Zwischen dem Wiedner Gürtel und der Landgutgasse entsteht auf einem einstigen Bahngelände ein neues Wohnquartier: das Neue Landgut. Insgesamt 4000 Wiener*innen sollen dort einmal leben. Seit die Pläne bekannt sind, bangen die Menschen im Stadtteil Favoriten um die Gösser- (1902) und die angrenzende Inventarhalle (1850). Der Lagerbau der Brauerei diente in den vergangenen Jahren im Rahmen einer Zwischennutzung als Veranstaltungs- und Eventhalle. Das historische Bauwerk befindet sich auf einer Liegenschaft, die 2017 von den ÖBB an die LandGut Wohnbau Errichtungs GmbH, ein Unternehmen der S+B Gruppe, veräußert wurde. Auch die Initiative Denkmalschutz äußerte sich zum Schicksal beider Hallen: Für sie sind diese wichtige baugeschichtliche Zeugnisse und darum erhaltenswert. Man begrüße den Erhalt beider Bauten, hieß es. Das war im letzten Sommer.

Gemessen an diesen »Voten des Herzens« erscheint das inzwischen von AllesWirdGut vorgelegte Projekt ziemlich radikal: Während die Außenmauern der Gösserhalle erhalten bleiben sollen, wird das bestehende Dach abgetragen. Im entstehenden Leerraum soll ein dreigeschossiger Neubau mit Büros und einem Café entstehen. »Die Diskrepanz zwischen der alten Trakttiefe und der neuen Außenhülle schafft einen überraschenden und luxuriösen Spannungsraum von insgesamt drei Metern, der durch die sich ergebenden Bezüge magische Momente wie kurz vor einem Kuss zu evozieren versucht«, formulieren die Architekt*innen in der Projektpräsentation auf ihrer Website

Das Projekt stellt den massiven Backsteinmauern eine leichte Struktur gegenüber. Die vorhandene Fläche wird dabei nicht voll ausgenutzt. (Visualisierung: AllesWirdGut)

Den Zwischenraum, der die alten Backstein-Bogenfolgen vom Neubau trennt, bezeichnen sie als ein »Geschenk, das nach gestalterischen, ökologischen, ökonomischen und pragmatischen Gesichtspunkten entwickelt wird«. Die Zone soll, wie die Visualisierungen zeigen, durchgrünt werden. Die Halle würde künstlich zu einer Art »Edel-Ruine« gemacht und fortan als Kulisse für die Architektur von AllesWirdGut dienen. Ein zeitgemäßes Vorgehen? Ein guter Kompromiss zwischen Abriss und Neubau? Ein Beitrag zur Bewahrung kollektiver Erinnerung und Identität?

Was den Neubau selbst angeht, so soll dieser aus modularen Elementen zusammengesetzt werden. Diese werden vornehmlich aus Holz sowie aus Klinker und Kupfer bestehen. Die Architekt*innen sprechen begeistert von einer Synthese aus »respektvollem Erhalt von bereits Gebautem und neu Geplantem am Puls der Zeit«. Das Projekt ging Ende letzten Jahres aus einem Wettbewerb hervor. Auftraggeber war Klaus Stanek, der die Halle gekauft hat. Ob das Konzept aufgeht und sich am Ende als richtiger Umgang mit einem geschichtsträchtigen Bau erweist, bleibt abzuwarten. Auch wenn der neue Entwurf gewisse Qualitäten besitzt, erscheint Skepsis vorerst angebracht.

Vor einem Jahr ging man noch vom Erhalt beider Hallen aus. (Visualisierung: estudioelgozo © ÖBB)

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