Geschätzt und gefürchtet: Wilhelm Holzbauer ist tot

Elias Baumgarten
17. Juni 2019
Wilhelm Holzbauer im Jahr 1981 (Foto: Hans van Dijk/Dutch National Archives)

Wilhelm Holzbauer ist verstorben. Er hinterlässt ein enormes Œuvre von 500 Bauten. Im Gegensatz zu anderen herausragenden und international bekannten österreichischen Architekt*innen war er ein Pragmatiker. Seine Durchsetzungskraft und Geschäftstüchtigkeit brachten ihm nicht nur Freunde ein. Holzbauer war respektiert, mitunter gefürchtet und manchen auch missliebig.

Wilhelm Holzbauers Entwürfe waren nicht verspielt wie die von Hans Hollein. Sie waren auch nicht von formaler Wucht wie die von Günther Domenig. Auch die (anfangs) dekonstruktivistische Architektur Coop Himmelb(l)aus etwa, die mitunter die Metapher des Fliegens bemüht, war nicht die seine. Wilhelm Holzbauer war ein Pragmatiker. Ein Architekt müsse Geschäftsmann und PR-Profi sein, sagte er einmal, er müsse rechnen können und daneben zeichnen und gestalten. Architektur war für Holzbauer eine Dienstleistung. Von stilistischen Spielereien hielt er wenig. 500 Bauten konnte er dank dieser Einstellung verwirklichen – obschon ihm seine Arbeiten nicht den Ruhm und die internationale Bekanntheit eines Hans Hollein, Günther Domenig, Wolf D. Prix oder anderer österreichischer Avantgardisten einbrachten. Holzbauer verstand es meisterhaft, wichtige Kontakte zu Entscheidungsträger*innen zu knüpfen und diese beizeiten geschickt auszuspielen. Dies brachte ihm Respekt und Bewunderung ein, aber auch Missgunst und Neid. Seine Bauherr*innen indes lobten immer wieder seine große Verlässlichkeit.

Durchsetzungskraft

Zu Beginn seiner Karriere sei er, wie die meisten seiner Kolleg*innen, ein »armer Schlucker« gewesen, erinnerte sich Holzbauer einmal. Diese Zeit des Mangels scheint ihn – im Nachhinein besehen – sehr geprägt zu haben. Vielleicht auch deshalb machte er sich eine große Durchsetzungskraft zu eigen: Durch beste Beziehungen in die Politik und kluges strategisches Vorgehen sicherte er sich auch Aufträge, obwohl er im Wettbewerb unterlegen war; so zum Beispiel für das Salzburger Festspielhaus (»Haus für Mozart«). Seine Kritiker*innen nannten ihn deshalb einen schlechten Verlierer. Doch Holzbauer sah im Ausspielen seines Einflusses nichts Negatives: »Let’s face it!«, sagte er, »Die ersten Preise sind nicht immer die besten. Das ist ja alles ein abgekartetes Spiel. Ich weiß mich halt zu wehren. Ich baue auch dann, wenn ich nicht gewinne. Aber dieses Freispiel hat es im Laufe der Geschichte schon immer gegeben. Sonst würden unsere Städte heute anders aussehen.«

Produktiv, gefürchtet, Kulturliebhaber

Holzbauer studierte an der Akademie der bildenden Künste in Wien bei Clemens Holzmeister und am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge. Das Studium in den Vereinigten Staaten konnte er sich dank eines Stipendiums leisten. Viel konnte er dort lernen, die Reise nach dem Westen wurde allerdings noch aus einem anderen, tragischen Grund zum einschneidenden Erlebnis: Holzbauer überlebte den Untergang der Andrea Doria, bei dem 46 Menschen umkamen. Zurück in Österreich wurde er Mitglied der »arbeitsgruppe 4«, der auch Friedrich Kurrent, Johannes Spalt und Otto Leitner angehörten. Gemeinsam arbeiteten sie an vielen utopischen Entwürfen – über 120 Arbeiten entstanden insgesamt. Zugleich begann Holzbauer mit seinen Kollegen an den ersten realen Aufträgen zu arbeiten; sie gestalteten zum Beispiel die Parscher Pfarrkirche Zum Kostbaren Blut in Salzburg (1956). 1964 gründete er ein eigenes Büro. In den Jahren 1970 bis 1973 engagierte er sich in der »Arbeitsgruppe U-Bahn«. Diese entwickelte ein architektonisches Leitbild für die Wiener U-Bahn, das im Wesentlichen weiße Module und kräftige Schmuckfarben vorsah. Dieses Konzept überzeugte so sehr, dass es sogar von der kanadischen Stadt Vancouver aufgegriffen und adaptiert wurde. Während seiner Karriere bearbeitete Holzbauer eine enorme Vielzahl von Aufträgen. Zu seinen bekanntesten Bauten zählen die Fußgängerzone an der Kärtner Straße in Wien und das Landhaus in Bregenz. Auch international war Holzbauer tätig und erfolgreich. So entstanden das Rathaus und die Oper im niederländischen Amsterdam nach seinen Plänen. Und in Wolgograd in Russland gestaltete er ein Denkmal für die Gefallenen der Schlacht um Stalingrad. 

Holzbauer war ferner auch Lehrer: Er unterrichtete mehrere Jahre an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien, der er zeitweilig als Rektor vorstand. Als Lehrer war er nicht minder geschätzt und gefürchtet. So werden sich bis heute Anekdoten von Student*innen erzählt, die aus Nervosität vor seinen Korrekturen zusammenbrachen. Mitunter musste demnach gar die Rettung gerufen werden.

Zwischen 1979 und 1989 betrieb Holzbauer, der Kultur liebte und feines Essen schätzte, in Wien das Restaurant »Mattes«. Es war das erste Haubenrestaurant überhaupt in der Hauptstadt. Neben dem Essen liebte der Architekt Literatur und Musik. Erst vor einem guten Jahr beendete er seine Architekturkarriere offiziell und zog sich zurück, um sich ausgiebig diesen Leidenschaften zu widmen. Holzbauer erhielt zahlreiche Auszeichnungen in allen Ländern Österreichs. In Deutschland wurde er außerdem Ehrenmitglied des Bundes Deutscher Architekten (BDA). Er gestaltete zum Beispiel das Festspielhaus von Baden-Baden im Bundesland Baden-Württemberg (1998).

Mit Wilhelm Holzbauer, der 88-jährig verstarb, verliert die hiesige Architekturszene einen Protagonisten, der enormen Einfluss auf unsere gebaute Umwelt hatte. Er verkörperte eine Gegenposition zu etlichen seiner berühmten Zeitgenossen und stand für Pragmatismus und ökonomisches Denken. Doch seine gestalterischen Qualitätsansprüche opferte er dem nicht.

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